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Kaltes Kotelett

 

 Hier könnt ihr eine ausgiebige Leseprobe meines Thrillers herunterladen.

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Wer es online lesen möchte, bitteschön.

 

 

Kaltes Kotelett

Der bestialische Mord an einem jungen Paar erschüttert die Rhein-Neckar-Region. Der Fall weist erschreckende Parallelen zu einem ähnlichen Geschehen auf, das sich vor über dreihundert Jahren in der gleichen Gegend zugetragen hat. Die Polizei tappt im Dunkeln und bittet Franz Xaver Konopke um Hilfe, der sich auf historische Mordfälle spezialisiert hat. Dem Hauptkommissar wird schnell klar dass die Lösung des Falles in der Vergangenheit zu suchen ist. Was als regionales Verbrechen begann, entpuppt sich als globale Verschwörung gegen die Menschheit. Die einzige Waffe gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner, ist der messerscharfe Verstand von Franz Xaver Konopke, der bald zur Zielscheibe einer Organisation wird, die über Leichen geht.

Alle angegebenen Seiten sind für Sie frei zugänglich. Das fertige Buch wird etwa 500 Seiten umfassen. Ich wünsche Ihnen bei dieser Leseprobe viel Vergnügen. Seht es mir bitte nach dass es sich noch um die Rohfassung handelt und noch nicht ganz korrigiert wurde.


Kapitel1

 

Jorge grinste still in sich hinein. Ihm war bereits gestern klar gewesen, dass er die kleine Holländerin vögeln würde. Schließlich kannte er seine Landsleute und wusste die kleinen Signale zu deuten, die manche Frauen unbewusst aussendeten. „An die kommst du nie im Leben ran“, hatte sein Kumpel Hendrik geunkt, als er spürte, dass sich Jorge für dieses Mädchen interessierte.

„Um was wollen wir wetten, dass ich sie flachlege“, ging er sofort auf das Spiel ein, das die beiden Freunde nicht zum ersten Mal zelebrierten. „Na schön, wir wetten um deinen Benzinanteil, den du für unsere Heimfahrt ausgeben musst. Wenn du es nicht schaffst, sie auf deine Luftmatratze zu zerren, zahlst du die komplette Tankfüllung“, konterte Hendrik und hielt Jorge die Hand hin, der sofort einschlug.

Beide wussten, dass es nicht darum ging, Geld zu sparen. Derjenige, der gewann, revanchierte sich anderweitig, indem er beispielsweise die Rechnung für den nächsten Einkauf, oder ein Abendessen in der Kneipe übernahm. Aber so machte das Ganze einfach mehr Spaß.

„Pass auf, wenn ihr Freund Wind davon bekommt, dass du sie in die Kiste zerren möchtest, könnte er ungemütlich werden. Der Kerl ist ein Schrank, ein richtiges Tier, wenn du mich fragst.“ „Erstens fragt dich keiner und zum anderen bin ich mir gar nicht so sicher, ob der Typ wirklich ihr Freund ist“, entgegnete Jorge. „Und warum schaut er dann so grimmig, wenn sich irgendein Mann dieser Milla nähert?“

Ein komischer Name, klingt gar nicht niederländisch.“ Jorge grinste noch breiter. „So weit bin ich noch nicht in sie vorgedrungen, als dass ich die Wurzeln ihrer Vergangenheit, oder ihrer Ahnen erkundet hätte.“ Spaßvogel“, hielt sein Freund entgegen. „Ich weiß genau, wie du das mit dem Vordringen gemeint hast. Außerdem wäre es nicht das erste Mal, dass du ein Mädchen knallst, ohne sie nach ihrem Namen zu fragen.“

„Na und? Es gibt so viele schöne Kosenamen, die man den Frauen geben kann. Außerdem finde ich es praktisch, wenn man sich auf einen einzigen beschränkt.“ Hendrik runzelte die Stirn und schaute Jorge fragend an. „Wie meinst du das?“ „Ganz einfach, meinst du, ich habe Lust, mir die Namen von all den Mädchen zu merken, mit denen ich irgendwann einmal im Bett gelandet bin? Wenn du einen einzigen Namen für alle benutzt, kann gar nichts schiefgehen. Selbst wenn du nachts im Schlaf einmal unbewusst vor dich hinmurmeln solltest, kann man dir keinen Strick daraus drehen, weil sie denken, du träumst von ihnen.“

„Kumpel, du bist eine echte Sau.“ Hendrik pfiff anerkennend durch die Zähne. „Stimmt, mein Guter und damit genau das, was die meisten Frauen suchen. Du kennst doch den Spruch, stille Wasser, die sind tief.“ „Und meistens furchtbar schmutzig“, ergänzte sein Freund und hielt seine Hand hoch, in die Jorge sofort einschlug. Beide lachten laut.

Im nächsten Moment brüllten nicht weit von ihnen entfernt Motoren auf, denen man anhörte, dass sie nicht zu normalen Autos gehörten. „Mann, lass uns hoch auf die Tribünen gehen, das freie Training beginnt gleich.“ Hendrik strahlte über das ganze Gesicht. Er war ein Autonarr und einer der Höhepunkte für seine Leidenschaft waren die deutschen Tourenwagenmeisterschaften in Hockenheim.

Jorge hingegen war es relativ egal, welche Autos dort unten im Motodrom im Kreis fuhren. Ihn interessierte die Party, die in diesen Tagen rund um den Ring stattfand, wesentlich mehr. Musik ohne Ende und das im Freien und bis in die frühen Morgenstunden. Egal, wohin man kam, es war überall etwas los. Auf einer dieser Feten hatte er auch Milla das erste Mal gesehen. Als sie ihn scheinbar teilnahmslos und kühl anblickte, erwachte sein Jagdtrieb so grell, als wenn in einem Stadion das Flutlicht angeschaltet worden wäre. Wie gebannt schaute er auf ihren katzenhaften Körper, der die Musik in sich aufzusaugen schien, um sie in pure erotische Bewegung umzuwandeln.

Die Bässe dröhnten so hart, dass sie in seinem Bauch vibrierten. Auch Jorge hatte sich der Musik hingegeben und näherte sich langsam dem Mädchen, das eine ungeheure Faszination auf ihn ausübte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, passte er seinen Körperrhythmus dem ihren an. Obwohl kein Wort gesprochen wurde, kommunizierten die beiden jungen Menschen auf einer Ebene, die durch die Sprache nicht erreicht werden konnte.

Ohne Pause hämmerte die Musik weiter und der Schweiß rann in Strömen, an den sich windenden Körpern herunter. Es war keine bewusste Wahrnehmung mehr vorhanden. Das einzige, was auf dieser Ebene, der Trance, noch existierte, waren die beiden Leiber, die sich so synchron bewegten, als wenn sie einer einzigen Person gehören würden. Sie bemerkten nicht, dass mittlerweile schwere Gewitterwolken aufgezogen waren, bis sich auf einen Schlag die Schleusen des Himmels öffneten. Es goss, wie aus Kübeln. Die Musik verstummte mit einem Schlag und die Techniker bemühten sich, das teure Equipment vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen, indem sie Planen über Verstärker und Lautsprecher zogen. Wortlos standen sich Jorge und die Unbekannte gegenüber. „Ich bin Milla“, sagte sie nur und Jorge nickte.

„He Kumpel, träumst du, oder was ist los?“ Hendrik tätschelte seinem Freund leicht die Wangen. „Hast du gestern zu viel Koks oder Speed in dich reingezogen? Egal, was du genommen hast. Entweder du nimmst das nächste Mal etwas weniger, oder du gibst mir einen Teil davon ab.“ Hendrik wieherte über den eigenen Witz, den er gemacht hatte.

„Wenn wir uns nicht beeilen, verpassen wir den Anfang des freien Trainings.“ Auffordernd sah er seinen Freund an. „Willst du ausnahmsweise nicht alleine…?“ „Verdammt nochmal“, Hendrik war auf einen Schlag verärgert. „Ficken kannst du auch Zuhause, aber die DTM ist hier und heute. Ich habe absolut keine Lust, alleine auf der Tribüne zu sitzen.“

Jorge seufzte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass er seine Eskapaden treiben konnte, wann und wie er wollte, aber nicht zu den Zeiten, in der die Boliden ihre Runden drehten. Es machte Hendrik wenig aus, wenn er die ganze Nacht verschwunden war, aber zu den Rennzeiten, so war es ausgemacht, hatte er an der Seite von Hendrik zu sein.

„Alter, hör mal, bei dem Mädchen ist es etwas anderes als sonst…“ „Das interessiert mich nicht, du weißt genau, wie unser Deal lautet“, entgegnete Hendrik barsch. „Mensch Kumpel, es ist doch nur das freie Training und ich verspreche dir, dass es eine absolute Ausnahme bleiben wird.“ Sein Freund sah ihn ungläubig und enttäuscht an. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte er sich um und ging in Richtung des Tribünenaufgangs.

Innerlich wusste Jorge, dass er eine Entscheidung getroffen hatte, die er nicht bei nächster Gelegenheit mit einem Bier geradebiegen konnte. Hendrik und er waren bereits seit ihrer Schulzeit die dicksten Freunde Die Basis dafür war der Umstand, dass sich der eine blind auf den anderen verlassen konnte.

Aber dieses Mal war es wirklich etwas anderes als sonst. Das Mädchen hatte etwas in ihm ausgelöst, was er nicht verstehen und auch nicht in Worte fassen konnte. Er hatte Milla gefragt, wann sie sich wiedersehen würden, als sie gemeinsam in die Richtung ihrer Zelte gingen. „Morgen, kurz nachdem das Training begonnen hat und bring dein Fahrrad mit“ hatte sie geantwortet. Das Ganze mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn er sie nach der Uhrzeit gefragt hätte. „Und wo?“ Jorge war verunsichert. Sie reagierte in keiner Weise auf die Art, wie er es von seinen bisherigen Frauen gewöhnt war. Alles an ihr strahlte eine Selbstsicherheit aus, die ihn noch mehr faszinierte, als es ohnehin schon der Fall war.

„Was fragst du? Ich werde dich finden“, hatte sie erstaunt geantwortet, als wenn der Treffpunkt schon lange vereinbart gewesen wäre. „Was wäre ein Niederländer ohne Fahrrad.“

Jorge grinste, als er sein Mountainbike von der dicken Kette befreite, mit der er es an einen Baum gebunden hatte. Natürlich hatten sie Bikes dabei, alleine schon um den mühsam ergatterten Parkplatz nicht aufgeben zu müssen, wenn sie Grillgut oder Bier kaufen mussten. Bei den Deutschen hieß es immer, die Holländer würden ihren kompletten Hausrat mitschleppen, aber eigentlich war genau das Gegenteil der Fall.

Viele Waren kosteten in Deutschland deutlich weniger als in den Niederlanden und das war auch einer der Gründe, warum dieses Volk so gerne Urlaub im Ausland machte. Ferien im eigenen Land konnten sich die wenigsten leisten. Allerdings wäre es ihm wesentlich wohler gewesen, wenn er gewusst hätte, in welche Richtung er fahren musste, um Milla zu treffen.

Er ließ seine Blicke umherstreifen, während er Richtung Ausfahrt des Campingplatzes fuhr. Das Klingeln einer Fahrradglocke neben ihm ließ ihn zusammenfahren. „Du bist spät, was hat dich aufgehalten?“ Wie ein Gespenst war Milla neben ihm aufgetaucht. „Ich musste erst noch meinem Kumpel erklären, warum ich nicht mit ihm zusammen das Training besuche. Der war ganz schön sauer“, stotterte Jorge. Es ärgerte ihn, dass seine gewohnte Coolness ihn bei diesem Mädchen komplett im Stich ließ. „Bin ich es wert, dass du einen Streit mit deinem Freund riskierst?“ Jorge spürte, dass sie nicht kokettierte, sondern die Frage ernst meinte. „Ja“, war alles was er heraus bekam. „Gut, dann fahr mir nach“, antwortete Milla und startete durch.

Jorge war ein trainierter Fahrer, hatte aber Schwierigkeiten mit Milla Schritt zu halten. Außerdem hielt sie sich nicht an die Wege und fuhr stellenweise einfach querfeldein. Er wusste schon lange nicht mehr, wo sie eigentlich waren und schwitzte wie ein Schwein, während ihr die Anstrengung scheinbar nichts ausmachte. Bewundernd betrachtete er die Bewegungen des Mädchens.

Nach einer gefühlten endlosen Stunde machte sie endlich Halt. „Wusstest du, dass hier einmal einige der größten zusammenhängenden Forste Deutschlands gewesen sind? Wenn du über den Rhein fährst, findest du noch tollere Wälder. In der Pfalz meine ich.“ Jorge nickte halbherzig. Ihm waren die überschaubaren Ebenen lieber. Sie hätte ihm auch erklären können, dass sie sich auf dem Mond befanden. Im Moment hatte er nur Augen für sie.

Milla hatte eine kleine Lichtung gefunden, die mit Moos und Gräsern bedeckt war. „Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“, fragte er und schaute sich um. „Nein, spielt das denn eine Rolle? Die Hauptsache ist doch, dass es hier schön ist.“ Das Mädchen zog eine Decke aus der Satteltasche ihres Fahrrads und breitete sie auf dem Boden aus. „Hast du Durst? Ich habe etwas zu trinken dabei.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, holte sie eine Flasche Wasser aus der Packtasche und trank. Instinktiv wartete Jorge, dass das entstehende Vakuum die Flasche aus Plastik zusammenziehen würde, wie es immer der Fall war, wenn Mädchen direkt daraus tranken. Aber auch darin hatte er sich in Milla getäuscht. Sie beherrschte die Kunst, die Flüssigkeit direkt in ihre Kehle fließen zu lassen, ohne sich an der Flaschenöffnung festzusaugen. Fasziniert sah er, wie einige kleine Tropfen an ihrem Hals herunterliefen und zwischen der Kerbe ihrer kleinen festen Brüste verschwanden.

Ohne den Verschluss zuzudrehen warf sie Jorge die Flasche zu, die dieser geschickt auffing. Er trank in kleinen und bewussten Schlucken, ohne die Augen von Milla abzuwenden.

Sie breitete die Decke auf den Boden und zog ohne jede Scham ihre schweißnassen Kleider aus. „Was ist, willst du deine Klamotten anlassen bis sie stinken?“ Nackt wie sie war, kam sie auf Jorge zu, der jeden Zentimeter ihres Körpers bewundernd in sich aufnahm. Die Mischung zwischen dem Duft des Mooses, der leichte Wind, der ab und zu die kleine Lichtung erreichte, und der Anblick des Mädchens, versetzte ihn in eine Stimmung, die er so noch nicht kannte.

Er konnte nicht anders und zog sie in seine Arme. Es war nicht die übliche Begierde, sondern ein Gefühl der Ohnmacht und Angst, dass er in diesem Augenblick aus einem Traum erwachen und sie sich einfach auflösen würde.

Ohne jede Scheu zog Milla seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn. Wie alles, was sie tat, war auch der Kuss nicht oberflächlich. Wie bei ihrem nächtlichen Tanz, fanden die Zungen ihren gemeinsamen Rhythmus, der sich auf die Körper übertrug.

Es schien Ewigkeiten zu dauern, bevor sie sich voneinander lösten. „Willst du angezogen bleiben? Es wäre schade, wenn ich deine Haut nicht spüren könnte.“ In Sekundenschnelle hatte auch er sich seiner Kleider entledigt. „Komm zu mir“, flüsterte Milla und zog ihn hinunter auf die Decke.

Es gab kein Vorspiel. Fast wie von selbst drang sein Glied in sie ein. Als er sich bewegen wollte, gebot sie Jorge Einhalt. „Tu nichts, gar nichts, spüre einfach“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Alles in ihm drängte danach, in sie hineinzustoßen, aber Milla hielt ihn so fest mit ihren Beinen umklammert, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als bewegungslos zu verharren. „Schließe die Augen und fühle.“

Seine Spannung ließ nicht nach, aber er spürte, wie sich etwas veränderte. Ein Pulsieren, das ihm durch Mark und Bein ging und sein Glied noch stärker anschwellen ließ. Er hatte sich immer eingebildet, ein Liebhaber zu sein, der alles kontrollierte und sich selbst natürlich auch im Griff hatte. Er war es, der die Richtung vorgab und seine Partnerinnen lenkte. Sich einfach nur hinzugeben und in Passivität zu verharren, war für ihn undenkbar.

Feuchte Wärme umschloss ihn und das Spiel ihrer Scheidenmuskeln trieb ihn zum Wahnsinn. Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und kam mit einem Aufschrei zum Höhepunkt. Heiße Wellen durchzuckten seinen Körper und es war ihm nicht möglich von diesem Gipfel herab zu kommen. Mit einem Ruck richtete Milla sich auf und ritt auf ihm, während sie immer schneller wurde. Das Gefühl, das ihn durchströmte, war klar wie ein Kristall. Er spürte regelrecht, wie sie dem Orgasmus zustrebte und explodierte gleichzeitig mit ihr ein zweites Mal innerhalb von nur ein paar Sekunden.

Zitternd sackte sie über Jorge zusammen, ohne sich von ihm zu lösen, gab ihn aber zugleich wieder frei. Immer noch reagierten die beiden Körper, als wären sie eine Einheit. Selbst als sie sich um ihre eigene Achse drehten und Jorge über ihr zu liegen kam, löste sich die Verschmelzung nicht auf. Von Millas Augen ging eine Wärme aus, die in ihm ein Gefühl auslöste, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.

Es dauerte eine Weile bis es Jorge klar wurde, was gerade mit ihm geschah. Zärtlich strich er ihr eine kleine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich… ich glaube, ich liebe dich“ stammelte er, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass er die Worte nicht nur gedacht, sondern ausgesprochen hatte. Wieder veränderte sich etwas in den Augen der jungen Frau und das Lächeln in ihrem Gesicht sagte ihm, dass er sich nicht für das zu schämen brauchte, was er eben gesagt hatte.

Lachend sprang sie auf und reichte Jorge ihre Hände um ihn hochzuziehen. „Komm mit, ich wollte schon immer nackt durch den Wald laufen. Ich bin gespannt, ob du mich fängst. Wenn du es schaffst, dann darfst du dir auch etwas wünschen.“ „Der Punkt geht garantiert an mich, ich bin nämlich ein sehr guter Läufer, insbesondere, wenn ein so lukrativer Preis winkt“, grinste er und versuchte Milla zu packen. Lachend duckte sie sich unter ihm weg und hatte gleich darauf ein paar Meter Vorsprung.

Nur ganz leise war in der Ferne das Dröhnen der Motoren zu hören, das ihnen zeigte, dass die Rennwagen immer noch ihre Runden drehten. „Gib auf, ich bekomme dich doch“, rief Jorge, nachdem er wieder vergeblich versucht hatte, sie zu fassen. „Wieso denn, du hast mich doch schon“, lachte sie zurück. „Stimmt“, grinste er. „Mit Haut und Haaren.“ „Und mein Herz“, erwiderte sie weich und ließ es zu, dass Jorge sie an beiden Armen packte und sanft zu sich heran zog, um sie zu küssen.

„Was ist das eigentlich dort drüben?“ „Was meinst du?“ „Na den dunklen Schatten, knapp über der Grasnarbe, am Ende der Lichtung.“ „Eigentlich interessiert mich der Schatten, den deine beiden Brüste werfen im Augenblick viel mehr“, grinste Jorge und berührte sanft ihre Brustwarzen. „Sei kein Spielverderber und lass uns nachschauen“, drängte sie und entzog sich ihm. „Geht nicht, du lenkst mich mit deinem Anblick viel zu sehr ab, als dass ich die Landschaft bewundern könnte. Außerdem scheint es nicht mehr, als ein kleiner Hügel zu sein.“ „Viel zu regelmäßig für einen Hügel“, antwortete Milla und ging bereits auf die Unebenheit zu, die kurz vor Beginn der Bäume etwas aus der kleinen Lichtung herausragte.

Irgendetwas schien das Interesse Millas geweckt zu haben, auch wenn Jorge nicht wusste, was an dem Hügel außergewöhnlich sein sollte. Das Einzige, was ihm auffiel, war, dass auf einmal alle Geräusche in der näheren Umgebung fast auf einen Schlag verstummten. Er hörte lediglich das Rauschen der Blätter, die unter einer kurzen, aber heftigen Böe, wie bei einem Peitschenschlag, zusammenzuckten. Unwillkürlich verhielt er mitten im Schritt, als er eine leichte Vibration unter seinen nackten Füssen spürte.

„Was ist, worauf wartest du?“, hörte er Milla noch sagen, bevor der Boden unter ihm nachgab. Jorge war viel zu überrascht, um zu reagieren. Mit einem kurzen Aufschrei verschwand er von einem Augenblick zum anderen in dem Loch, das sich unter ihm auftat. „Jorge“, Millas Gesicht erschien gleich darauf über der Grube und fast hätte auch sie das Gleichgewicht verloren, als sie sich besorgt zu ihm herunterbeugte. „Ist dir etwas passiert“, hörte er ihre Stimme mit einem Anflug von Panik darin. Jorge grinste schon wieder. „He, wenn ich mit dir zusammen bin, dann zieht es mich ganz schön herunter.“ Milla lachte vor Erleichterung.

Die Grube, in die er gefallen war, schien nicht allzu tief zu sein. Über sich, in etwa eineinhalb Meter Entfernung, sah er ihr Gesicht. Gleich darauf streckte Milla ihre Hand herunter, um ihm hoch zu helfen. „Mach ja nicht noch einmal so einen Blödsinn. Ich habe mir vor Schreck fast in die Hose gemacht.“ „Geht nicht“, grinste er, „du hast keine an. Außerdem ist der Anblick, den ich im Moment genieße, diesen kleinen Sturz wert.“

„Du bist unmöglich“, seufzte Milla und sah gleichzeitig, wie sich Jorges Miene veränderte. Das Ganze glich einem Film, den man zu schnell abspielte. Der Ausdruck von Zärtlichkeit in seinem Gesicht verwandelte sich in Überraschung und gleich darauf in Panik. „Lauf weg, Milla, lauf weg“ schrie er, so schrill, wie sie es bei seiner tiefen Stimme nie vermutet hätte.

Ohne zu begreifen, was Jorge in Angst versetzte, drehte sie sich um und erstarrte zu Stein, als sie in ein paar rote Augen blickte, die glühten, wie Kohle im Feuer. Im gleichen Moment wuchs hinter dem Wesen etwas, wie ein Berg in die Höhe und öffnete grollend seinen Rachen. Die Welt begann sich um sie zu drehen und erst der Schrei von Jorge, der aus der Grube drang, erlöste sie von der Starre, die sie befallen hatte. Schnell duckte sie sich und schnellte seitlich weg. Ein pfeifender Schlag, mit einer Wucht ausgeführt, dass er ihr den Kopf weggerissen hätte, verfehlte Milla um Haaresbreite.

Sie lief, wie sie in ihrem Leben noch nie gerannt war und versuchte den Waldrand zu erreichen. Sie wusste, dass sie, wenn sie die Bäume erreicht, einen kleinen Vorteil haben würde. Sie selbst war klein und wendig, während das Ding, das sie mit stampfenden Schritten verfolgte, schwer und ungelenk schien. Wie Messer drangen verdorrte Äste und Kiefernzapfen in ihre ungeschützten Fußsohlen ein, doch die Panik ließ sie nicht spüren, wie ihre Haut an den Füßen immer mehr einriss und blutete.

Nur noch zwei Meter, dann hatte sie es geschafft. Urplötzlich bremste eine Wurzel, die aus dem Waldboden herausragte, ihren Lauf. Sie schmeckte Moos und Laub, als sie auf ihr Gesicht fiel. Tränen liefen an ihren Wangen herab, die ihr die Sicht nahmen. Millas Hände krallten sich in den Waldboden, als etwas sie in die Luft hob, scheinbar so mühelos, als würde ihr Körper aus Papier bestehen. Im gleichen Augenblick schienen tausend Eissplitter zu explodieren, als ihr Bauch aufgerissen wurde. „Schade“, dachte sie und ein warmes Gefühl stieg in ihr hoch, als sie an Jorge dachte. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht wurde es dunkel um sie.

Kapitel 2

 

Christian fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Obwohl er den Haardtwald rund um Hockenheim kannte, wie seine Westentasche, fühlte er sich wie ein Fremder im Umland seines Heimatdörfchens.

Leise fluchte er vor sich hin, als er im Dunkel der Nacht wieder über eine Baumwurzel stolperte. Der Schein von den Fackeln der restlichen Männer, die mit ihm zusammen unterwegs waren, war längst nicht mehr sichtbar. Seit mehreren Tagen plagte ihn Durchfall. Das war auch der Grund dafür, dass er hinter den Anderen ein gutes Stück zurückgefallen war und sich nun alleine durch das fast undurchdringliche Stück Wald schlug.“Verdammtes Magendrücken, ausgerechnet jetzt muss ich alle fünf Minuten scheißen.“ Christian hoffte, bald auf einen Weg zu stoßen, der ihm ein schnelleres Fortkommen gestattete, um mit dem Rest des Trupps wieder zusammenzustoßen. Unter seinen Füßen raschelte das trockene Laub und ab und zu hörte er das Rascheln von kleinen Waldtieren. Den erdigen Geruch des Waldbodens nahm er im Augenblick eher als modrig wahr. Das fahle Mondlicht verlieh der Nacht eine Atmosphäre in der Christian lieber Zuhause gewesen wäre als sich durch das Unterholz zu schlagen.

Das Leben war nicht leicht in der Kurpfalz im Jahre 1692. Immer, wenn die Einwohner Hockenheims dachten, sie hätten das schlimmste überstanden, schlug das Schicksal wieder mit unbarmherziger Härte zu. Bereits mehrmals in diesem Jahrhundert war das Städtchen dem Erdboden gleichgemacht worden. 1644 durch die Truppen des Herzogs d'Enghien, die während des dreißigjährigen Krieges marodierend und brandschatzend durch die Lande zogen und 1674 durch die Soldaten des französischen Marschalls Turennes, die das wieder aufgebaute Dörfchen nochmals zerstörten.

Die Geschichten, die von den alten Männern des Dorfes erzählt wurden, hatten Christian als kleinem Jungen immer einen Schauer über die Haut gejagt. Der Gedanke, dass jemand das Haus, in dem er wohnte, einfach anzünden könnte, bereitete ihm Unbehagen. Seine Familie besaß nicht viel an Hab und Gut, Das wenige, das sie ihr Eigen nannten, sicherte mehr schlecht als recht ihr Überleben. Er bewirtschaftete ein kleines Stück Land, aber seine wichtigste Einnahmequelle waren die Schreinerarbeiten die er für die Dorfbewohner, vor allem aber im Auftrag der Durchreisenden vornahm. Die Wege waren schlecht und Achsenbrüche an Fuhrwerken an der Tagesordnung.

Irgendwo rechts von ihm knackte ein Ast und ließ ihn zusammenzucken. Im Stillen verfluchte er sich dafür, dass er nicht auf die Warnungen seiner Frau gehört hatte und das Wasser unabgekocht getrunken hatte. Kriege und Krankheiten gehörten genau so zum täglichen Leben, wie die Kirche, die im Augenblick wieder dafür sorgte, dass Soldaten durch das Land zogen.

Seit der Bruder von Lieselotte, der Prinzessin von der Pfalz, gestorben war, beanspruchte Ludwig der XIV die Kurpfalz für sich. Doch dieses Mal befanden sie sich auf dem Rückzug, was die Sache allerdings nicht besser machte. Die Mordbrenner Mèlacs brandschatzten, mordeten und plünderten, was ihnen unter die Finger kam. Die Lage des Ortes entpuppte sich als Segen und Fluch zugleich. Als Zollstation an der Straße nach Speyer war es ein Privileg, wenn ein Dorf eine Schildwirtschaft sein eigen nennen durfte und hier gab es gleich zwei davon.

Es war nicht ungefährlich zu reisen, was die jüngsten Vorkommnisse wieder einmal bewiesen hatten. Wer es nicht schaffte bis zum Schließen der Stadttore in Speyer zu sein, machte lieber in Hockenheim Rast, als zu riskieren, ungeschützt auf der Landstraße die Nacht zu verbringen. Doch nicht jeder konnte sich eine Kammer im Gasthaus oder im Stroh leisten. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass diejenigen, die gar nichts besaßen den Anderen, die nur wenig ihr Eigen nannten, nach dem Hab und Gut trachteten. Die Messer saßen locker und ein Knüppel, der fest geschwungen wurde, konnte ebenfalls leicht ein Leben auslöschen.

Ein „normaler“ Überfall oder Raubzug des Gesindels das sich in der Gegend aufhielt, war auch nicht der Grund dafür dass die Männer in dieser stockdunklen Nacht durch den Wald streiften. Noch nie zuvor hatte Christian so übel zugerichtete Leichen gesehen, wie die, der beiden Wanderer, die neben der Poststraße gefunden worden waren. Er hatte als Soldat in der Armee Badens gedient und manchen zerfetzten Körper neben sich zusammensacken sehen, aber keiner, der in einer Schlacht getöteten, ließ sich mit dem vergleichen, was man an sterblichen Überresten geborgen hatte. Die Bäuche waren aufgeschlitzt und die Eingeweide fehlten genauso, wie die Hirnmasse, die man vergebens in den zerschmetterten Schädeln suchte.

Das schlimmste an dem Anblick waren die schreckgeweiteten Augen, die aus den Höhlen eines vollkommen von der Haut befreiten Schädels starrten. Das, was die beiden Männer kurz vor ihrem Tod gesehen hatten, musste so schrecklich gewesen sein, dass sie noch nicht einmal den Ansatz eines Fluchtversuches gewagt hatten.

Es war auch kein Kampf im herkömmlichen Sinn, der stattgefunden haben musste, denn am Ort ihres Todes war weder der Boden übermäßig aufgewühlt, noch hatten sie Zeit gefunden, ihre Dolche zu ziehen, die noch in den ledernen Scheiden steckten, die beide Männer trugen. Das einzige, das bewies, dass sie an dem Fundort gestorben waren, waren der Boden und die Bäume, die im Umkreis von etwa fünfzehn Ellen mit Blut bedeckt waren, als hätte ein Gärtner dort seine Kanne ausgegossen. Es gab kaum einen Fleck, der nicht von der roten Flüssigkeit bedeckt wurde.

Er grinste breit, als er daran dachte, wie der Schultheiß seines Heimatdörfchens sich die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, als er die Leichen begutachtete. Selbst der Bader, den sie gerufen hatten, pfiff leise durch die Zähne, als die Tücher geöffnet wurden und er die geschundenen und zerfetzten Körper sah.

Neben dem Verarzten von Wunden und dem Zähne ziehen übte der Bader noch einige andere Tätigkeiten aus, die ihm ein paar Kreuzer oder Gulden einbrachten. „Diesen Tod wünsche ich mir nicht“, meinte er „so wie es aussieht, hat irgendetwas die Därme direkt aus ihrem Bauch heraus gefressen. Allerdings hatten die zwei noch das Vergnügen ihrem Metzger bei der Mahlzeit zuzusehen.“ „Du meinst, dass die beiden noch gelebt haben, als dieses… dieses Vieh ihnen den Wanst aufgeschlitzt hat?“, fragte Johannes, der im Dorf die Aufgabe des Schmieds übernommen hatte, nachdem der alte von den Franzosen aufgeknüpft worden war. Der Bader nickte bedächtig und nahm einen nicht gerade kleinen Schluck aus der Flasche, die er unter seinem Umhang hervorgezogen hatte.

„Glaube mir, ich weiß genau, was ein Mann aushalten kann. Selbst wenn ihm die Scheiße aus dem Bauch fließt, ist er noch in der Lage, entweder wegzulaufen oder zu kämpfen. Im Krieg hatte ich oft genug das Vergnügen, aufgerissene Wänste wieder zuzunähen.“ Er kicherte leise. „Es hat ihnen zwar nichts genützt, denn krepiert sind sie trotzdem, aber es ist nicht gut für die Moral der Truppe, wenn einer seine Därme in den Händen spazieren trägt. Vor allem dann nicht, wenn er einen guten Tropfen Schnaps spendiert bekommt und dieser aus allen Löchern wieder herausläuft. Die reine Vergeudung, wenn ihr mich fragt.“

Christian verzog angewidert sein Gesicht, als er den Bader reden hörte. Er selbst hatte im Krieg schon häufig erlebt, wie Männer ihre Arme oder Hände, die sie verloren hatten, in das Sanitätszelt trugen, in der Hoffnung dass man die Gliedmaßen einfach wieder annähen könne.

„Das ist der Schock, weißt du? Der Schock. In solchen Situationen scheint uns unser Gehirn vorzugaukeln, dass das alles gar nicht passiert ist. Manche haben mich sogar gefragt, wann sie denn aus diesem Traum wieder aufwachen.“

Wieder nahm der Bader einen großen Schluck aus der Schnapsflasche um anschließend laut und vernehmlich zu rülpsen. Ohne sich vom Zustand der Leichen auch nur im Geringsten stören zu lassen, fasste er in den offenen Brustraum und wühlte darin herum. „Dachte ich es mir doch, Herz und Nieren fehlen auch. Scheint ein Feinschmecker gewesen zu sein, der sich hier seine Mahlzeit bereitet hat.“ Der Schultheiß wurde noch blasser, wenn dies überhaupt möglich war und würgte die letzten Reste seines Essens hervor, das sich in einem Schwall über die beiden Leichen ergoss.

„Du kannst dein Abendessen ruhig für dich behalten, ich glaube nicht, dass die zwei deiner Einladung folgen“, meinte er und lachte schallend über den vermeintlich guten Witz. „Woher weißt du, dass die beiden noch gelebt haben, als ihnen der Bauch aufgeschlitzt wurde. Wäre es nicht eben so gut möglich, dass man ihnen zuerst die Schädel eingeschlagen hat? Und wieso kommst du auf die Idee, dass die Eingeweide gefressen worden sind?“ hatte Christian gefragt.

Der Bader nahm noch einmal einen tiefen Schluck und gab die Flasche an Christian weiter. „Trink bevor ich dir zeige was ich meine. Ich habe keine Lust auch noch deine Kotze aus den Kerlen zu entfernen“, meinte er und zog den Brustkorb einer der Leichen auseinander. „Schau mal genau hin, dann siehst du, wie zerfetzt die Darmreste sind. Das war kein Messer und einfach nur herausreißen kannst du die Dinger auch nicht. Wenn ich mir die ausgefransten Enden betrachte, würde ich sagen, dass es Zähne waren und so wie ich das sehe, nicht gerade die kleinsten.“ „Also bist du der Meinung, dass die beiden Kerle einem wilden Tier zum Opfer gefallen sind“, fragte der Ortsvorsteher und man sah ihm an, dass ihm diese Lösung am liebsten gewesen wäre. „Schultheiß, du bist und bleibst ein Schwachkopf.“

Noch bevor der Mann protestieren konnte, redete der Bader weiter. „Wenn es wirklich ein Tier gewesen wäre, dann hätten die Schädel noch Hautreste an den Knochen. Ich kenne kein Vieh, das seinen Opfern so sauber den Balg abzieht. Außerdem habe ich gehört, dass die Männer, die die Beiden gefunden haben, vergeblich nach Gepäck gesucht haben. Noch nicht einmal Stiefel sollen sie angehabt haben.“

Johannes, der sich bei dem Gespräch bisher zurückgehalten hatte, grinste. „Was die Stiefel anbetrifft, würde ich erst bei denen nachschauen, die die Leichen in den Ort geschafft haben. Wenn ich richtig gesehen habe, waren es der Besenbinder und sein Sohn. Es würde mich nicht wundern, wenn sich das Schuhwerk der beiden Herren auf seltsame Art und Weise erneuert hat.“ „Wollt ihr damit sagen dass der Besenbinder Leichenfledderei begangen hat?“ brauste der Schultheiß wieder auf. „Na und, es ist wohl verständlich, dass man sich nimmt, was man bekommen kann. Durch die Abgaben, die der Kurfürst verlangt, bleibt uns sowieso kaum noch etwas zum Leben.“ Knurrte der Bader.

Wieder brauste der Schultheiß auf. „Wie kannst du es wagen, so von unserem Herrn zu sprechen, immerhin…“, „immerhin war er derjenige, der dich in deinen Stand gesetzt hat.“ Der Bader lachte schallend. „Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“ grunzte er und nahm nochmals einen Schluck aus der Flasche, deren Pegel sich allmählich dem Boden näherte.

„Was habt ihr nun vor? Die Ortsgerichtbarkeit wird wohl kaum ausreichend sein, um sich des Falles anzunehmen“, bemerkte Christian und sah den Schultheiß dabei an. „Ich habe bereits einen Boten nach Heidelberg gesandt und warte auf Anweisungen“, antwortete der Ortsvorsteher und schielte dabei nach der Schnapsflasche des Baders. Man sah ihm an, dass er ebenfalls liebend gerne einen Schluck genommen hätte um das flaue Gefühl in seinem Magen zu betäuben, sobald sein Blick auf die Leichen fiel.

Im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür und ein Mann trat ein, der unzweifelhaft einem hohen Stand angehörte. Ohne ein Wort zu sagen, näherte er sich den Toten und warf einen Blick darauf. „Wer hat die beiden gefunden und wie viele Leute wissen von dem, was geschehen ist“, fragte er barsch und ohne sich vorzustellen. „Außer dem Besenbinder und seinem Sohn, die die Toten gefunden haben, wissen nur noch fünf….“ „Fünf plus zwei sind bereits sieben zu viel“, unterbrach der Fremde den Ortsvorsteher, der unter den Worten regelrecht zusammenzuckte.

„Was ist über den Vorfall bekannt“, fragte er kühl und schaute sich die Leichen ohne eine sichtbare Gemütsregung an. „Darüber streiten wir noch“, antwortete der Bader, ohne sich im Geringsten von dem Fremden beeindrucken zu lassen. „Nach der Art wie die Beiden ausgeweidet worden sind, scheint es ein Tier gewesen zu sein. Allerdings ist mir kein wildes Vieh bekannt, das solche Wunden verursacht. Dagegen spricht auch wie dieses Ding ihre Gesichtern zugerichtet hat.“ „zugerichtet hat…gnädiger Herr. Ihr scheint nicht zu sehen, wen ihr vor euch habt, Bursche. Wahre also die Etikette.“

Die Mundwinkel des Baders zuckten verächtlich nach unten. Er hatte sich noch nie um Stände gekümmert. Auch Adelige hatten bereits seine Dienste in Anspruch genommen und als einziger des Ortes war er vom Frondienst befreit. Warum dies so war, wusste allerdings niemand der Dorfbewohner und der Bader schwieg darüber. „Ihr werdet einen Trupp zusammenstellen und nach dem Wolf suchen, der die beiden Männer getötet hat.“ „Aber das war doch niemals ein…“ fiel der Bader dem Adligen ins Wort. Ein einziger Blick des Höflings genügte, um ihn verstummen zu lassen. „Es war ein Wolf, nichts anderes als ein Wolf, der sich in diese Gegend verirrt hat und höchstwahrscheinlich schon weitergewandert ist.“

Die Männer schauten sich ungläubig an. Dass dies ein Wolf angerichtet haben sollte, war so absurd, dass noch nicht einmal der Schultheiß daran glaubte. „Wenn ihr unverrichteter Dinge wieder im Dorf seid, dann erstattet ihr mir persönlich Bericht“, wandte er sich an den Ortsvorsteher. „Verlangt nach Bodo von Birkenfeld.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um und ging aus dem Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Keiner der Männer sprach ein Wort. Die Fassungslosigkeit stand sogar dem Bader in das Gesicht geschrieben. „Kann mir irgendjemand erklären, was das war?“, fragte Christian und schaute ungläubig in die Runde. Johannes zuckte nur mit den Schultern. „Politik, mein Junge, nur Politik“, murmelte der Bader vor sich hin. „Verdammt noch einmal, was hat die Sache hier denn mit Politik zu tun“, brauste Christian auf. „Ich glaube, ich weiß, was der Bader meint“, erwiderte der Schultheiß tonlos und vermied es krampfhaft auf die beiden Kadaver zu sehen, die ehemals Menschen gewesen waren.

„Gott steh mir bei, wenn ich verstehen kann, wieso es hier um Politik gehen soll“, murmelte der Schmied und bekreuzigte sich. „Ganz einfach, warum ist für die Herrschaft unser ödes Städtchen denn so wichtig?“ fragte der Heilkundige und bediente sich wieder aus der Flasche, um sie mit einem Zug zu leeren.

Ohne eine Antwort abzuwarten redete er weiter, als wenn er zu sich selbst sprechen würde. „Die Zollstation ist eine wichtige Einnahmequelle für den Hof. Jeder Reisende und Händler, der aufgrund einer großen Gefahr nicht seine Reise antritt oder eine andere Route wählt, lässt den Beutel schmäler werden. Ein streunender Wolf hingegen ist gut für das Geschäft, weil man sich den Schutz, den ein Geleit bietet, auch noch bezahlen lassen kann.“ „Aber was passiert, wenn dieses Vieh, dieses Ding, was auch immer es ist, noch einmal zuschlagen sollte?“, fragte Christian und schaute in die blassen Gesichter der Männer. „Dann“ sagte der Bader leise, „dann Gnade uns Gott.

Christians Gedanken befanden sich abrupt wieder in der Gegenwart als er ein weiteres Geräusch halblinks vor sich hörte. Das war kein zufälliges Knacken eines Astes gewesen. Gleichzeitig konnte er das Schnaufen von etwas Großem und Schweren vernehmen. Zwischen den Atemzügen des Wesens war ab und zu ein kurzes Grollen zu hören, das gleich darauf von laut knackenden Geräuschen abgelöst wurde. Blitzschnell waren Christians Sinne angespannt und seine Haut prickelte, als wenn man ihn in Eiswasser getaucht hätte.

Er hatte schon oft nachts gekämpft und wusste wie schwer es war im Dunkel Richtung und Entfernung einzuschätzen. Aber seine aufgestellten Haare an den Armen zeigten ihm, dass sich die Gefahr zu nahe bei ihm befand, las dass er noch hätte flüchten können. Als einziger des Ortes hatte Christian in der Armee gedient und gegen die Türken gekämpft. Aufgrund einer Verwundung durfte er in seine Heimat zurückkehren, aber was er damals erlernt hatte, kam in Momenten wie diesem, wieder zum Vorschein.

„Selbst bei einem Rückzug musst du deinem Feind ins Auge schauen“, hatte sein Ausbilder Rupert immer gesagt. „Vor einem Rücken muss man keine Angst haben. Ein Rücken ist verwundbar, eine Brust hingegen, vor der die Arme eine Muskete oder eine Pike halten, die musst du erst einmal bekämpfen. Die Brust kann sich wehren, der Rücken nicht.“

Seine Weisheiten hatten Rupert nichts genützt, denn auch er hatte kein Mittel gegen die Kanonenkugel besessen, die ihn in tausend Stücke zerfetzte. Aber in dieser Situation wusste Christian instinktiv, dass er richtig handelte, wenn er sich nicht von der Panik übermannen ließ, die gerade in ihm aufstieg.

„Angriff ist die beste Verteidigung, denkt immer daran, Männer. Der Gegner spürt, wenn ihr bereit seid zu töten. Es hat schon den stärksten Mann erstarren lassen, wenn er in das Gesicht eines Feindes schaut, der zu allem entschlossen ist.“ Auch dieser Spruch Ruperts hatte sich ihm eingeprägt. „Wenn du nicht mehr auf dein eigenes Leben achtest, dann bist du der gefährlichste Gegner der Welt.“

Rupert wusste von was er sprach. Christian hatte es bei sich selbst schon erlebt. Er wusste wie es war, einer scheinbar unbezwingbaren Übermacht gegenüberzustehen und sich mit der Gewissheit in den Kampf zu stürzen, dass man ihn nicht überleben würde. Er kannte das Gefühl wenn der Puls anfing zu rasen und sich ein roter Schleier über die Augen legte. Alles Handeln war nur noch darauf ausgerichtet den Feind zu vernichten, auch wenn es das eigene Leben kosten sollte. Wenn dieser Punkt erreicht war verspürte man keine Angst mehr, keine Erschöpfung und auch keine Schmerzen. Alles Denken und Fühlen konzentrierte sich nur noch auf das Töten, auf die absolute Vernichtung von allem was sich einem in den Weg stellte.

Er atmete noch einmal tief durch und wechselte die Pike, die er bei sich trug in die linke Hand, während er mit der Rechten seinen Stoßdegen zog. Fast automatisch nahm er eine halb geduckte Haltung ein und wieder hallten die Worte Ruperts in seinem Kopf die er ihm in sein Ohr geflüstert hatte, als sie sich den Türken in einem kleinen Waldstück zum Kampf gestellt hatten.

„Je kleiner du bist, desto weniger Angriffsfläche bietest du.“ „Ich dachte wir sollen so aufrecht wie möglich kämpfen“, hatte Christian damals erwidert. „Natürlich kämpfen wir aufrecht du Trottel, ich rede ja nicht von den Angriffsflächen, die wir dem Feind zeigen, sondern den Ästen der Bäume, in die du hineinrennst, wenn wir in den Wald stürmen. Es ist schon schlimm genug wenn du dich von den Kümmelfressern abmurksen lässt, aber noch größer ist die Schande, wenn du dir einen Ast in dein Auge rammst, oder dir deinen dummen Schädel zu Brei schlagen lässt“, hatte sein Ausbilder spöttisch erwidert.

Er hätte Rupert in dieser Nacht gerne an seiner Seite gehabt. Sicher hätte er auch in dieser Situation einen passenden Spruch parat gehalten. Wieder ertönte ein hartes Schnaufen und anschließend ein krachendes Mahlen, das Christian die Haare zu Berge stehen ließ.“Verdammter Durchfall, wo sind die anderen Männer?“ Das Wesen schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Christian entschied sich der Gefahr doch lieber aus dem Weg zu gehen und leise zurück zu schleichen. Er hatte seinen Körper um etwa sechzig Grad gedreht, als mit einem lauten Bersten ein Ast unter seinen Füßen brach. Danach kehrte Totenstille ein, die gleich darauf durch stampfende Schritte unterbrochen wurde, die sich ihm näherten. Er zögerte nur einen kleinen Augenblick und in seinem Kopf hörte er die Trommeln und Flöten, mit denen im Krieg zur Schlacht gerufen wurde. „Keine Halbherzigkeiten Junge. Wenn du etwas tust dann tue es richtig. Entweder du greifst aus vollem Herzen an oder du rennst so schnell du kannst mit voller Hose zurück, beides zugleich geht nicht“, tönte wieder Ruperts Stimme in seinem Gedächtnis.

Mit lautem Gebrüll und eingezogenem Genick stürmte er in die Richtung, aus der das Stampfen eines schweren Körpers immer lauter wurde. Nur noch eine halbhohe Hecke trennte ihn von seinem Gegner, als ein Berg vor ihm hochzuwachsen schien. Das letzte, was Christian wahrnahm, bevor er mit dem Giganten zusammenstieß, war ein paar glühende Augen und eine Fratze, die direkt aus der Hölle zu kommen schien. Er spürte einen gewaltigen Widerstand, als sein Arm, mit dem er die Pike hielt zurückgerissen wurde. Es fühlte sich an als wäre er gegen eine massive Wand gelaufen. Ein wütendes Brüllen war das letzte, was er hörte, bevor ein Schlag seinen Kopf traf und seine Schädeldecke mit einem Knirschen brach. Christian war es als wenn er in Watte eintauchen würde, gar nicht so kalt, wie der Augenblick des Todes immer beschrieben wurde. Im Gegenteil, es war warm und anschmiegsam wie eine Daunendecke die langsam über ihm ausgebreitet wurde. Mit einem leichten Bedauern dachte Christian noch einmal an Marie und daran das er seine Frau wohl nicht mehr wiedersehen würde, dann wurde es dunkel um ihn.

Kapitel 3

Schweißtropfen rannen über Franz Xaver Konopkes Gesicht. Er hatte sich hinter der Wand in Sicherheit gebracht und versuchte seinen Gegner auszuschalten. Die Heckler & Koch P10, die er in der Hand hielt, fühlte sich an, wie ein Fremdkörper. Vorsichtig schlich er sich an das andere Ende der Mauer, um von dort aus einen Einblick in das Zimmers zu erhalten, in dem sich sein Gegner aufhielt. Langsam ging er in die Knie, was bei seinem Körperumfang gar nicht so einfach war. Irgendwie war immer der Bauch im Weg. In der Hocke und auf Zehenspitzen beugte er sich nach vorne.

Es war, als wenn man einen Ball immer weiter in die Richtung einer abschüssigen Klippe schieben würde. Sobald der Schwerpunkt sich zu stark verlagerte, würde er herunterfallen und genau das geschah in diesem Moment mit Hauptkommissar Konopke. Er ruderte noch mit den Armen, aber es war bereits zu spät. Krachend kugelte er hinter der Wand hervor und sah wie sein Gegner mit gezogener Waffe auf ihn zielte. Noch während seiner unkontrollierten Bewegung schoss er mehrere Male auf den Kerl mit der unrasierten Visage und sah wie dieser langsam nach hinten fiel.

Schwein gehabt, das hätte weitaus übler ausgehen können, aber er war noch lange nicht aus dem Schneider. Ein Gegner ausgeschaltet, aber garantiert warteten noch mehr auf ihn, bis er sich zu der Geisel durchgeschlagen hatte. Er ähnelte einer Schildkröte, die auf dem Rücken lag und sich bemühte wieder auf die Beine zu kommen. Es gelang ihm mühsam aufzustehen, nachdem er sich auf die Seite gedreht und mit den Händen auf dem Boden abgestützt hatte. Pures Pech, dass er die Pistole noch nicht gesichert hatte und sich unbeabsichtigt noch ein Schuss löste. Gleich darauf hörte er ein dumpfes Poltern. Verdammt nochmal, wie hatte er übersehen können, dass noch ein Typ hinter dem Sofa kniete, um es als Deckung zu benutzen. Hätte sich der Schuss nicht selbständig gemacht und die Figur ins Bein getroffen, wäre dieser Gang für ihn jetzt vorbei gewesen.

Hastig wischte sich Franz die Schweißtropfen aus dem Gesicht. Er konnte es sich nicht erlauben, dass sie in seine Augen rannen und ihm die Sicht nahmen. Wie viele Kugeln hatte er eigentlich noch. Das Magazin fasste dreizehn Patronen, aber er hatte nicht mitgezählt, was er bereits verballert hatte. Die Logik sagte ihm, dass es besser wäre, ein neues einzulegen. Doch als er an seine Seite fasste, wurde ihm schlagartig klar, dass er nach dem letzten Schießtraining vergessen hatte sein Ersatzmagazin wieder aufzufüllen.

„Was ist, wollen sie Wurzeln schlagen?“ dröhnte eine Stimme in seinem Kopf. Diese Kerle schienen nicht in der Lage zu sein die Lautstärke zu reduzieren, solange er den verdammten Knopf im Ohr hatte „Der Auftrag ist noch lange nicht zu Ende und wenn sie nicht einen Zahn zulegen, ist die Geisel eine Leiche.“ Erbittert fluchte Franz Xaver Konopke auf sich selbst und die Umstände, die ihn zwangen in diesem unübersichtlichen Gemäuer zu sein und nicht in seinem schönen Büro.

Nachdem er sich die schweißigen Hände an den Hosenbeinen abgewischt hatte, lag die P10 wieder besser in seiner Hand. So schnell es ging durchquerte er den Raum und stellte sich neben die Tür, hinter der er die Geisel vermutete. Es war klar, dass sie nicht unbewacht sein würde und seine einzige Chance war, schneller zu sein als der Geiselnehmer. Logischerweise wusste der, was auf ihn zukam, denn leise und katzenhaft hatte sich Konopke wahrlich nicht benommen.

Er hatte kürzlich eine Reportage über eine Spezialeinheit des Militärs gesehen. Mühelos hatten die durchtrainierten Typen einen kompletten Stützpunkt des Feindes eingenommen, ohne auch nur einen einzigen Schuss abzugeben. Das leise Töten war eine Kleinigkeit für diese Kerle, die nur mit Messern oder ihren Händen bewaffnet angeblich einen Gegner nach dem anderen ausschalten konnten. Konopke grinste als er daran dachte, dass auch Spezialisten nur mit Wasser kochten und im Ernstfall schon so manches Kommando in die Hose gegangen war.

Angefangen bei der Schlappe auf Kuba und der Schweinebucht bis hin zur Festsetzung von Bin Laden. Franz Xaver Konopke glaubte bis zum heutigen Tag noch nicht daran, dass es den Amis wirklich gelungen war, den Anführer der Al-Qaida zu fassen. Zu viele Ungereimtheiten bei der ganzen Sache.

„Konopke, schlafen sie? Wieder dröhnte die Stimme aus dem Kopfhörer. „Na gut“, dachte er „bringen wir es hinter uns.“ Franz holte noch einmal tief Luft und stürmte mit seinen einhundertzwanzig Kilogramm Körpergewicht auf den Eingang des Raumes zu, um ihn aufzusprengen. Es war, als hätte sich die Tür mit einem Nashorn angelegt. Es waren nicht nur die Scharniere, die aus den Fugen flogen. Das komplette Türblatt löste sich mit einem lauten Knall aus der Zarge, und Konopke kam mit ihm zusammen auf dem Boden des Raumes zu liegen.

Gleichzeitig sah er den letzten der Verbrecher, der mit einer abgesägten Schrotflinte aus dem Halbdunkel auf ihn zielte. Konopke zog mehrmals hintereinander den Abzug durch, aber nach dem ersten Knall folgte nur noch das harte Klicken von Metall auf Metall, als der Bolzen der Pistole nicht mehr auf den Widerstand einer Patrone traf. „Scheiße“, dachte er. „Ich hätte doch mitzählen sollen.“

Mit eingezogenem Genick wartete er auf den unvermeidlichen Schuss, der ihm den Garaus machen sollte. Stattdessen hörte er ein leises Quietschen und einen harten Schlag, als auch dieser Gegner zu Boden fiel. Konopke lag immer noch auf dem Türblatt und rappelte sich mühsam auf. Stöhnend befühlte er seine Knie, die unter dem harten Aufprall gelitten hatten. Wo zum Teufel war die Geisel? Er sah noch einmal kurz zu dem Gangster hinüber, den er mit seiner letzen Patrone erledigt hatte und bemerkte, dass er einen sauberen Kopfschuss gesetzt hatte. Zwar nicht mit Absicht, aber immerhin.

„Wo verdammt habt ihr dieses Mal die Geisel versteckt“, brüllte er in das Mikrofon, das sich vor seinem Mund befand. Ein Schmerzenslaut zeigte ihm, dass er es seinem unsichtbaren Gesprächspartner mit gleicher Münze zurückgezahlt hatte. Man sollte eben nicht in die Mikrophone einer empfindlichen Technik schreien.

Mit einem lauten Knacken leuchteten an der hohen Decke des Gebäudes gleißend helle Lampen auf. Vier Männer traten aus einer Metalltür am östlichen Ende der Halle. Konopke knirschte mit den Zähnen, als er Kriminalrat Gottfried Schuster erkannte. Natürlich hatte der es sich nicht nehmen lassen bei der Übung dabei zu sein, die Schulungsleiter Breitenesser extra für ihn ausgearbeitet hatte.

Langsam zog sich Konopke das Funkset von seinem verschwitzen Kopf. „Klasse“, grinste Breitenesser, als die Gruppe bei Franz Xaver Konopke angekommen war. „Den Mitschnitt der Filmaufnahmen dieser Übung werde ich aufbereiten und in You Tube setzen. Ich bin sicher, dass dieses Video alle Rekorde im Bereich Spaß schlagen wird.“ „Sagen sie mir lieber, wo die Geisel ist, anstatt sich auf meine Kosten zu amüsieren. Sie wissen genau, dass meine Stärken in anderen Bereichen liegen. Außerdem hasse ich diese dämlichen Schießspielchen.“

Kriminalrat Schuster räusperte sich und Franz Xaver konnte sehen, wie die Ader auf seiner Stirn anschwoll. „Wenn sie die Übungen als Spielchen bezeichnen, dann haben sie scheinbar immer noch nicht verstanden, dass es um ihren Job geht, Konopke. Bei dem Übergewicht das sie mit sich herumschleppen ist es ein Wunder, dass sie überhaupt noch ihren Dienst versehen.“ Franz Xaver war klar dass er mit seinen fünfundvierzig Jahren nicht ganz dem Idealbild des Polizeibeamten entsprach. Trotz allem fühlte er sich recht wohl in seiner Haut solange er sich nicht übermäßigen Anstrengungen wie dieser aussetzte.

„Fragen sie einfach unseren Polizeiarzt, der ihnen bescheinigen wird, dass ich topfit bin.“ Am Zucken der Augenlider seines Vorgesetzten sah Franz Xaver, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Dr. Obermeyer war zwar selbst darüber verwundert gewesen, dass alle Werte Konopkes im grünen Bereich lagen. Er hatte sich aber letztendlich damit abgefunden, dass der Kriminalhauptkommissar sich bester Gesundheit erfreute, auch wenn seine Fitness stark zu wünschen übrig ließ. Für einen sportlichen Gesundheitsfanatiker wie seinen Vorgesetzten aber war Konopke das roteste Tuch, das es geben konnte.

„Wäre jetzt jemand so freundlich mir zu sagen, wo ihr die Geisel versteckt habt“? Ohne ein Wort zu sagen, aber mit einem noch breiteren Grinsen im Gesicht hob Breitenesser das Türblatt an, das Konopke aus den Angeln gerissen hatte. Darunter tauchte die Schießbudenfigur eines Kindes auf, das die Geisel darstellen sollte. „Aufgrund des harten Aufpralls und dem enormen Kampfgewicht unseres Geiselbefreiers gehe ich von der Voraussetzung aus, dass die Person die Befreiung nicht überlebt hat. Wenn ein Pathologe Pappkameraden untersuchen würde statt echter Leichen, dann würde er garantiert Tod durch plattwalzen in den Autopsie-Bericht schreiben.“

Konopke sah, wie sich bei dem Urteil des Ausbilders die Mundwinkel von Polizeirat Schuster für einen kurzen Moment nach oben schoben. „Ich kann also davon ausgehen, dass Hauptkommissar Konopke die Übung nicht bestanden hat“, fragte er Breitenesser. Konopke war sofort klar was die zufriedene Miene seines Vorgesetzten bedeutete. Falls der Ausbilder entscheiden sollte, dass der Parcours von ihm nicht bewältigt worden war, hatte Schuster endlich einen Grund gefunden um Konopke ein Abspeck-Programm zu verordnen.

„Ich denke in dem Fall habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden“, warf Franz Xaver ein. „Da gibt es nichts mitzureden, die Sachlage ist eindeutig. Der Befreiungsversuch ist danebengegangen und die Geisel ist tot.“ Sein Vorgesetzter schien sich nicht auf Diskussionen einlassen zu wollen und Konopke wusste, dass dies auch nicht nötig war. Das endgültige Urteil fällte immer der Übungsleiter und das war Breitenesser.

„Ich würde vorschlagen, dass wir den ganzen Einsatz kurz Revue passieren lassen und dabei analysieren“, schlug Franz Xaver vor. „Von mir aus, ich lache gerne noch einmal.“ Breitenesser gluckste wieder vor Vergnügen.

„Na schön, fangen wir an. Den ersten Gegner habe ich ausgeschaltet, sofort nachdem ich das Zimmer betreten hatte.“ „Ich würde sagen, dass sie wild in den Raum geballert haben ohne überhaupt zu sehen, wohin sie schießen. Außerdem haben sie ihm lediglich zwei Mal in den Fuß und einmal in die Hand geschossen. Wobei in die Hand geschossen wie ich zugebe etwas untertrieben ist. Die Kugel hat ihm nämlich zwei Finger weggefetzt.“

„Eine Frage Herr Ausbilder, mit einer neun Millimeter in den Fuß, plus der Verlust von zwei Fingern. Würden sie sagen, dass der Kerl noch kampffähig war“? Breitenesser überlegte kurz und schüttelte dann langsam den Kopf. „Nein, alleine durch den Schock müsste er entweder in Ohnmacht gefallen sein, oder sogar einen Herzstillstand erleiden.“ „Habe ich den Punkt oder habe ich ihn nicht?“ Konopke ließ nicht locker und schaute starr in die Augen des Übungsleiters. „Den Punkt haben sie, ein Ehrenpünktchen sozusagen, auch wenn sie sich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben.

„Dann kommen wir zu Gegner Nummer zwei hinter dem Sofa.“ „Den Punkt wollen sie doch nicht allen Ernstes geltend machen“, platzte Schuster dazwischen. „Sie sind hinter der Wand hervor gekugelt wie ein nasser Sack, weil sie ihr Gleichgewicht verloren haben. Dabei können sie noch von Glück sagen, dass sie sich nicht selbst umgebracht haben, als ihre Waffe losging.“ Franz Xaver runzelte kurz die Stirn und wandte sich dann wieder an den Ausbilder. „Ich will nur eines wissen, habe ich ihn ausgeschaltet oder nicht“? Breitenesser spürte, dass der Polizeirat eine bestimmte Antwort von ihm erwartete, aber er war schon zu lange im Polizeidienst, als dass er sich von der finsteren Miene eines Vorgesetzten hätte einschüchtern lassen. „Ich muss zugeben, dass auch dieser Gegner nicht mehr kampffähig gewesen wäre.“ Konopke nickte zufrieden „Also habe ich auch den zweiten Verbrecher ausgeschaltet. Bekomme ich diesen Punkt oder bekomme ich ihn nicht“?

Polizeirat Schuster wurde jetzt richtig zornig. „Konopke, es kann nicht ihr Ernst sein diesen Glückstreffer als Punkt einzufordern. Bleiben sie auf dem Boden der Tatsachen und sehen sie endlich ein, dass sie im Ernstfall komplett versagt hätten. Ihr Speck scheint sie allmählich sogar am Denken zu hindern.“ „Das glaube ich nicht, Herr Polizeirat Schuster. Mein Denkvermögen funktioniert mit jedem Kilo besser, das können sie mir glauben.“ „Trotzdem war es Zufall und der gilt nicht.“ „Dann müsste jeder Angler, der an einem Wettkampf teilnimmt, die gefangenen Fische auch wieder in den Bach werfen, von Goldsuchern ganz zu schweigen.“

Franz Xaver nahm die Stellung eines imaginären Diggers ein der seine Schürfpfanne schwenkt. „Gold, oh mein Gott, ich habe Gold gefunden. Nur schade, dass ich es nicht behalten kann, weil es ja nur ein Zufall war, dass ich an dieser Stelle gebuddelt habe.“ Theatralisch hob Franz Xaver die Hände in den Himmel, doch bevor er mit seinem Schauspiel fortfahren konnte, wurde er von Breitenesser unterbrochen. „Hören sie auf mit dem Blödsinn, Konopke, sie bekommen den Punkt. In dem Übungshandbuch steht nichts darüber, dass zufällig erzielte Treffer ungültig sind und genau daran halte ich mich.“ „Nichts anderes wollte ich hören“ strahlte er und rieb sich die Hände.

„Gibt es an Gegner Nummer drei auch etwas auszusetzen?“ „Nein, das war bilderbuchmäßig“, gab Breitenesser zu. „Die beiden vorherigen wurden lediglich kampfunfähig gemacht, während der direkte Bewacher der Geisel mit einem finalen Rettungsschuss getötet wurde. Im Ernstfall hätte er noch nicht einmal mehr den Finger krumm machen können, um den Abzug zu betätigen.“

Franz Xaver atmete tief durch und ging zu der Tür, die er aus dem Rahmen gesprengt hatte. „Dann wollen wir uns die Sachlage mal etwas genauer betrachten.“ „Da gibt es nichts zu betrachten, die Geisel ist Matsch“, warf Schuster ein. „Erledigt von einem einhundertzwanzig Kilogramm schweren Kriminalhauptkommissar, der seine Masse auf einhundertfünfundsiebzig Zentimeter Körpergröße konzentriert. Mensch Konopke sehen sie doch ein, dass sie viel zu fett sind und ziehen sie endlich das Abspeckprogramm durch.“ „Gott sei Dank sind es im Augenblick einhundertdreiundzwanzig Kilogramm, Herr Kriminalrat, ansonsten wäre es mir nicht möglich gewesen die Geisel zu retten.“

Ungläubig sahen die Männer Konopke an der sich krampfhaft bemühte nicht zu grinsen. Die zwei Begleiter von Schuster und Breitenesser hatten sich während des Disputs diskret abseits gehalten, aber Franz Xaver konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie es in den Gesichtern der beiden verdächtig zuckte und sie nur mit Mühe ein Schmunzeln zurückhalten konnten. „Jetzt ist er völlig übergeschnappt. Wie soll ein Mensch, noch dazu ein Kind, diesen Aufprall überlebt haben“? Schuster war völlig perplex, während der Ausbilder die Stirn runzelte. „Dann werden sie mir sicher gleich erklären, warum die Leiche nicht das Zeitliche gesegnet hat“, warf Breitenesser ein.

„Erstens kann eine Leiche nicht mehr das Zeitliche segnen, weil sie bereits tot ist und zweitens war das garantierte Überleben der Geisel eine rein mathematische Aufgabe.“

Als wenn er bereits ahnen würde dass Franz Xaver seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen versuchte, runzelte Polizeirat Schuster sorgenvoll seine Stirn. „Legen sie los, Konopke, ich bin wirklich gespannt, welchen Unsinn sie uns als Ausrede präsentieren werden.“ Franz Xaver setzte eine todernste Miene auf und legte theatralisch Daumen und Zeigefinger an die Stirn. Die Diskussion hatte ihm ausreichend Zeit gelassen, eine Erklärung zu finden die nur schwer zu widerlegen war.

„Wenn der Gegner sich mit einer Geisel in einem Raum befindet und dieser nicht erkundet werden kann, bleiben dem Einsatzkommando folgende Möglichkeiten. Erstens, man versucht zu verhandeln, worauf sich allerdings nicht jeder Entführer einlässt, insbesondere dann nicht, wenn zwei seiner Kollegen mit einer solchen Menge Kugeln abgefüllt wurden, die ausreichen um zwanzig Angler mit Gewichten für ihre Ruten auszustatten. Er ist also nervös bis in die Fingerspitzen, was natürlich zum Tod der Geisel führt, wenn er sie um den Abzug einer Pistole gelegt hat.

Die zweite Möglichkeit besteht darin mit einem Rammbock die Tür aufzuschlagen, was immer mit Unwägbarkeiten verbunden ist. Man muss die Notwendigkeit eines zweiten Schlages mit einkalkulieren, was dem Geiselnehmer die Möglichkeit bietet, die Geisel zu erschießen falls er es nicht bereits nach dem ersten Schlag getan hat. Drittens: Mehrere Kollegen des Einsatzkommandos versuchen die Tür gemeinsam aufzubrechen, was immer ein Mordsgedrängel gibt und wiederum mit dem Tod der Geisel endet.

Viertens: Sprengstoff. Ich liebe Sprengstoff, das knallt immer so schön, aber nimmt man zu wenig, ist die Tür noch intakt und die Geisel tot, nimmt man zu viel, ist die Tür kaputt und die Geisel auch, da sie ja als lebendes Schutzschild direkt vor der vermaledeiten Tür gestanden hat. Also alles in allem eine Scheiß-Situation.“

Das Grinsen der beiden Männer, die sich während der Erklärung von Franz Xaver immer noch im Hintergrund hielten, war nicht mehr zu übersehen. Die Gesichter von Schuster und Breitenesser wurden indessen immer länger, als ahnten sie bereits was kommen würde. „Blendgranaten, Tränengas, alles Mist. Jeder Kidnapper hat, wenn er entschlossen genug ist, die Zeit, um die Geisel noch schnell zu erledigen. Nein, die einzige Möglichkeit war, durch die Tür zu brechen und durch Körper und Türblatt die Geisel zu schützen. So wurde dem Kind auch die Bewegungsfreiheit genommen, was natürlich in einer solchen Situation unschätzbar wertvoll ist, weil dadurch verhindert wird dass es in die Schusslinie gerät.

Man konnte Schuster und Ausbilder Breitenesser ansehen, wie sie innerlich kochten. „Der beste Schutz nützt nichts, wenn die Geisel durch eben diesen Schutz stirbt“, warf Breitenesser ein. „Die Geisel konnte gar nicht sterben, Herr Ausbilder. Wie groß ist die Tür in etwa“? „Ungefähr achtzig auf zwei Meter.“ „Genau! Was schätzen sie, wie groß und breit ich bin“? „Für die Breite auf jeden Fall zu klein.“ „Sie sind ein Spaßvogel Herr Breitenesser. Wenn sie meine vordere Körperfläche auf die Fläche der Tür umrechnen, werden auch sie zu dem Ergebnis kommen, dass auf jedem Quadratzentimeter des Kindes ein Gewicht von gerade mal einem Kilo lastete. Dazu kommt noch, dass der Türknopf nicht abgebrochen ist und daher noch einen nicht unerheblichen Teil meines Gewichts aufgenommen hat. Die hauptsächliche mathematische Aussage besteht allerdings darin, dass sich meine Knie, während ich aufgestanden bin, nur auf dem unteren Drittel der Tür befanden, während sich der Oberkörper der Geisel im unter dem oberen Drittel des Türblatts befand. Wenn ich alles zusammenrechne, kommt ein Druck von etwa einhundert Gramm auf jeden Quadratzentimeter der Geisel. Da wollen sie mir erzählen, ich hätte das Kind zerquetscht? Am besten rufen sie einen unserer Pathologen an und fragen ihn, was für ein sachverständiges Urteil er unter den gegebenen Umständen abgeben würde.“

Franz Xaver schaute in fassungslose Gesichter, nachdem er seine Rechnung aufgemacht hatte. Das Schweigen war so erdrückend, dass sogar das Knistern der Kulisse hörbar war, die sich unter den heißen Deckenscheinwerfern leicht verzog. „Was ist, bekomme ich meinen vierten Punkt oder nicht“? Breitenesser setze den Kugelschreiber mit einem Druck auf das Papier, dass es halb zerriss, als er den Haken unter den letzten Punkt setzte. „Hier, sollten sie aber auf den Gedanken kommen ihre Methode in das Handbuch für Geiselbefreiungen eintragen zu lassen, dann sorge ich persönlich dafür, dass sie es bei der nächsten Übung mit echten Gegnern zu tun haben werden.“

Die Laune des Ausbilders war noch Gold, gegen die von Polizeirat Schuster. „Mitkommen Konopke, wir haben etwas zu besprechen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging zum Ausgang. Während Breitenesser im Raum zurückblieb, um die entstandenen Schäden zu begutachten, folgte Franz Xaver zusammen mit den beiden Unbekannten Polizeirat Schuster zu dessen Büro. „Setzen.“ Unmissverständlich machte der Vorgesetzte klar, wer der Chef im Ring war. „Konopke, sie werden München verlassen.“ „Aus was für einem Grund, ich habe den Test bestanden“, brauste der Hauptkommissar auf. Er wusste, dass er auf der Abschussliste stand, doch wenn Schuster glaubte ihn einfach abzuschieben zu können hatte er sich getäuscht.

Er war nach wie vor der beste Ermittler des Kriminalfachdezernats 1 in der Münchner Hansastraße. Franz Xaver ermittelte beim K11, das sich mit vorsätzlichen Tötungsdelikten befasste und davon gab es nicht gerade wenig in der bayrischen Landeshauptstadt. „Ich darf ihnen erst einmal die beiden Herren hier vorstellen“, überging Schuster einfach den Einwand von ihm. „Herr Sobert und sein Kollege, Herr Bachert. Die beiden Herren sind Beamte des Bundeskriminalamtes und hier um sie gleich mitzunehmen. Ab sofort sind sie dem BKA unterstellt.“ „Dem BKA, was zum Teufel verspricht sich das BKA von meiner Mitarbeit“? Der größere der beiden, der Franz Xaver als Sobert vorgestellt worden war, räusperte sich. „Eigentlich sind sie nicht dem BKA unterstellt, sondern werden dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg als Berater zur Verfügung stehen.“ „Ich will aber nicht hin- oder abgestellt werden. Wissen sie eigentlich, was für ein Berg an Arbeit auf meinem Schreibtisch liegt? Aufgrund der mittlerweilen chronischen Personalknappheit arbeite ich die Fälle von zwei Vollzeitstellen ab.“ Schuster grinste hämisch. „Futtern können sie auch für zwei, dann wird ihnen das bisschen Mehrarbeit garantiert nichts ausmachen.“

„Herr Konopke, wir wissen, dass ihre Fälle wichtig sind, trotzdem müssen wir auf ihre Mithilfe bestehen“, warf BKA-Mitarbeiter Bachert ein. Der Mann erinnerte Franz Xaver an einen US-Marine. Er war untersetzt, strotzte aber vor Muskeln und die Art und Weise, mit der er hin und wieder seine Halsmuskulatur lockerte, zeigte ihm, dass er einen ausgebildeten Boxer vor sich hatte. Manche Angewohnheiten konnte man einfach nicht verbergen oder ablegen.

Auch Sobert schien nur äußerlich die Ruhe selbst zu sein. „Täusche ich mich oder würden sie jetzt gerne eine Zigarette rauchen? Gar nicht so leicht Anspannungen abzubauen, wenn man vor drei Monaten dem Nikotin abgeschworen hat.“ Sobert sah Konopke entgeistert an. Woher zum… woher wollen sie wissen, dass ich auf Entzug bin“? Mitleidig schaute Konopke ihn an. „Der erste Monat ist schwer, aber der zweite noch viel schwerer. Da fängt man an die Fingernägel abzukauen, immer wenn man am liebsten zur Zigarette greifen würde. Ab dem dritten Monat wird es etwas leichter und man gewöhnt sich außer dem Rauchen auch das Nägelkauen wieder ab. Nur der Reflex zur Kippenschachtel bleibt noch eine Weile erhalten. Die haben sie meistens in der linken Tasche ihrer Jacke getragen, da sie dort am wenigsten aufträgt. Das Feuerzeug allerdings steckt jetzt noch in ihrer rechten Hosentasche. Logisch, die Zigaretten kann man sich selbst nachts aus dem Automaten ziehen, falls einem die Sucht überfällt, aber Feuer muss man dabei haben, das findet man nicht an jeder Ecke.“

Der BKA- Mann war sprachlos. „Sie haben recht, ich versuche mir das Rauchen abzugewöhnen. Aber woher wissen sie dass ich vor drei Monaten damit aufgehört habe“? „Beim Entzug verhalten sich fast alle Menschen gleich, egal was für eine Willenskraft sie haben. Den Rest konnte ich mir an der Länge ihrer Nägel ausrechnen.“ „Und wie soll das gehen?“, platzte Sobert‘s Kollege Bachert heraus.

„Auch wieder ganz einfach zu erklären“, lächelte Konopke und bemühte sich ernst zu bleiben um nicht unhöflich zu erscheinen. „Menschliche Nägel wachsen innerhalb gewisser Normen. Fußnägel etwa einen Millimeter pro Monat, während Fingernägel die gleiche Länge bereits nach einer Woche erreicht haben. Vorher hatte ihr Kollege die Angewohnheit des Nagelkauens nicht, ansonsten wären die Nagelhäute stärker angegriffen.“

Polizeirat Schuster räusperte sich. „So toll finde ich ihre Beobachtungsgabe nun auch wieder nicht Konopke.“ Schuster wandte sich wieder seinen beiden Besuchern zu. „Mir ist es nach wie vor schleierhaft, wieso sie ausgerechnet Kriminalhauptkommissar Konopke in ihrem Team haben möchten.“

Auf einen Schlag wurden die beiden BKA-Mitarbeiter ernst. „Das hängt mit seinem Hobby zusammen.“ „Was für ein Hobby? Seit wann hat Konopke ein anderes Hobby, als zu essen“? Erstaunt schaute Sobert Polizeirat Schuster an. „Sie wissen nicht, dass ihr Mitarbeiter noch eine andere Tätigkeit ausübt außer der Polizeiarbeit in ihrem Dezernat?“ „Zumindest hat er bei mir keine Nebentätigkeit angemeldet obwohl es natürlich meldepflichtig ist. Aber danke, ich finde die Information sehr interessant“, Schuster grinste wie ein Löwe, der sich auf eine kommende Mahlzeit freut weil es für seine Beute keine Möglichkeit des Entkommens mehr gibt.

„Mein Hobby, Herr Polizeirat. Von Nebentätigkeit hat kein Mensch gesprochen.“ Enttäuscht sah Schuster wieder seine Felle davon schwimmen. Allmählich schien auch er zu der Überzeugung zu kommen, dass Konopke eine Spur zu clever war, um sich bei irgendwelchen Ungereimtheiten erwischen zu lassen, die ihn den Job kosten konnten. „Es wäre trotz allem nett von ihnen, wenn sie mir mitteilen würden, was das Hobby von Konopke mit der Beratertätigkeit beim BKA zu tun hat“?

„Herr Konopke schreibt Bücher und sein Hintergrundwissen könnte uns bei dem Fall, den wir bearbeiten, nützlich sein“, antwortete Bachert ausweichend. „Was haben Kochbücher mit einem Fall des BKA zu tun“? Langsam ärgerte Konopke das Verhalten seines Chefs, der anscheinend nicht in der Lage war, aus seiner festgefügten Denkschablone auszubrechen. Wie schon so oft, fragte er sich, wie manche Leute zu einer leitenden Stelle gekommen waren, ohne auch nur die geringste Befähigung zu haben diese auch auszufüllen. Als Kriminalist war sein Vorgesetzter auf jeden Fall absolut talentfrei.

„Ich schreibe keine Kochbücher, Herr Kriminalrat Schuster.“ „Was schreiben sie dann“? „Herr Konopke hat nur ein einziges Thema, das er in seinen Büchern behandelt.“ Man merkte, dass auch den beiden BKA-Beamten das Spiel allmählich zu dumm wurde. „Und das wäre“? „Ungeklärte Morde ab dem 17. Jahrhundert bis heute, Herr Polizeirat. Allmählich komme ich zu der Überzeugung, dass in diesem Kommissariat ein Talent vergeudet wird.“

Die Stimme von Sobert klirrte wie Eis, als er mit Schuster sprach. Es war nicht die geringste Spur von Freundlichkeit mehr darin und man spürte, dass ihn auch das rauchen einer Zigarette nicht davor bewahrt hätte, aus der Haut zu fahren. Kommentarlos legte sein Kollege Bachert ein Schreiben auf den Schreibtisch von Schuster.

„Herr Konopke ist von sämtlichen Aufgaben in ihrer Dienststelle entbunden und nimmt ab sofort nur noch Weisungen der Mitarbeiter des BKA von der Abteilung ZD entgegen. Die Weisungsberechtigung von ihnen, Herr Schuster, oder anderen Vorgesetzten endet ab sofort. Sorgen sie dafür, dass Herrn Konopkes Privatsachen die sich in seinem Spind oder Schreibtisch befinden, ausgeräumt und ihm nachgeschickt werden. Die genaue Adresse bekommen sie innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden.“

Noch nie zuvor hatte Konopke seinen Chef dermaßen fassungslos gesehen. Sein Mund öffnete und schloss sich, ohne dass er ein Wort herausbekam. Fast schlagartig fing eine Ader auf der Stirn an zu pulsieren, was immer ein sicheres Zeichen dafür war, dass der nächste cholerische Anfall kurz bevor stand. „Sein Speichel flog durch den Raum, als er anfing zu schreien. Von einem auf den anderen Moment wurde er krebsrot und schien fast zu platzen vor Wut. „Was erlauben sie sich. Scheinbar wissen sie nicht, wen sie vor sich haben. Niemand redet so mit mir und ihr Scheiß Papier können sie sich in den Hintern schieben. Auch das BKA hat mir nicht vorzuschreiben, was ich mit meinem….“

Mit einem Satz war Sobert am Schreibtisch Schusters und schlug mit der Faust darauf, während Bachert seelenruhig im Hintergrund eine Nummer an seinem Handy wählte. „Wenn ihnen ihr Job lieb ist, dann halten sie die Schnauze, sie inkompetenter Vollidiot.“ Konopkes Vorgesetzter war dermaßen verdutzt dass es jemand wagte ihm Einhalt zu gebieten, dass er schlagartig verstummte. Wortlos reichte ihm Bachert das Telefon, an dessen anderem Ende sich scheinbar schon ein Gesprächspartner befand. Ungehalten riss Konopkes Chef das Handy aus Bacherts Hand. „Schuster“, bellte er in den Hörer, um gleich darauf leichenblass zu werden. „Ja, Herr Innenminister, selbstverständlich, Herr Innenminister, das werde ich, Herr Innenminister.“ Wortlos reichte er das Telefon an Bachert zurück.

„Ich verpflichte sie hiermit Stillschweigen über die ganze Angelegenheit zu wahren. Sollte jemand nach dem Kollegen Konopke fragen, dann sagen sie, dass er sich bis auf Weiteres als Verstärkung bei einer anderen Dienststelle eingesetzt wird. Sein Rückkehrtermin ist unbekannt. Seine Personalakte senden sie unverzüglich an das BKA. Haben wir uns verstanden, Herr Kriminalrat Schuster“? Franz Xavers Vorgesetzter nickte nur stumm und blieb, wie versteinert, sitzen, als die Drei das Büro verließen.

„Wieso ist ihr Chef eigentlich so sauer auf sie, haben sie ihm schon irgendwann einmal ans Bein gepinkelt?.“ „Ich beobachte eben manchmal etwas zu viel und meine Schnauze halten kann ich auch nicht immer“, gab Konopke lapidar Antwort auf Bacherts Frage, während sie durch den langen Flur in Richtung Ausgang gingen.

Vor dem Hauptgebäude stand bereits der Dienstwagen der beiden BKA-Leute. „Konopke, ein richtig bayrischer Name ist das aber nicht. Darf ich fragen, woher sie ursprünglich kommen“? Sobert schaute ihn bei der Frage neugierig an. Franz Xaver stoppte seinen Schritt so abrupt ab, als wäre er an eine Wand gelaufen. „Himmeheàgōdna graizbirnbāmundhollaschdaun zefixhallelujasaggl zemendnoamoi durindviechdukariàds... dös soagst net noamol.“

Bachert feixte, als er das verdutzte Gesicht seines Kollegen sah. „Ich glaube eben hast du die falsche Frage gestellt, Werner. Natürlich ist Herr Konopke ein waschechter Bayer.“ „Dös gloabst aber“, gab Franz Xaver zufrieden zurück. „Der Name Konopke ist ein Erbstück meines Großvaters, der ursprünglich aus Berlin kam. Darunter hatte auch schon mein Vater zu leiden. Wenn die beiden Herren mir einen Gefallen tun möchten, dann sagen sie einfach Franz Xaver zu mir, oder noch einfacher, nur Franz.“ Sobert streckte ihm lachend die Hand entgegen. „Tut mir leid Franz, meine Frage war vielleicht etwas ungeschickt formuliert. Ich bin der Werner.“ Auch Bachert akzeptierte die Bitte Konopkes sofort. „Und ich der Jochen.

Wir müssen uns etwas beeilen. Um neunzehn Uhr ist bereits die erste Dienstbesprechung in Mannheim angesetzt. Wir treffen uns mit den Kollegen des Landeskriminalamtes und den Vertretern der dortigen Behörden.“ „Würdet ihr mir bitte erst einmal erklären, um was es eigentlich geht und wozu ihr meine Hilfe benötigt“? Franz schaute die BKA- Beamten aufmerksam an.

Schlagartig wurden die Mienen von Sobert und Bachert düster. „In einem deiner Bücher hast du Geschehnisse beschrieben die sich in Hockenheim, im Jahre 1692 abspielten.“ Franz pfiff leise durch die Zähne. „Stimmt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen, die in kein, auch heute bekanntes, Schema passen. Ich habe den Fall nur in mein Buch aufgenommen, weil er so widersprüchlich war. Einerseits scheint es sich um ein wildes Tier zu handeln, das über Wanderer und Einheimische hergefallen ist, aber auf der anderen Seite passen ein paar der Angaben, die ich den Geschichtsaufzeichnungen entnommen habe, überhaupt nicht zu dem Rest der Wunden. Ich habe mich damals bei meinen Recherchen schon gefragt, wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung in den Angaben steckt. Aber welches Interesse hat das BKA an der Geschichte, die vor über dreihundertzwanzig Jahren geschehen ist“? Die Stimme des BKA-Beamten Sobert wurde brüchig, als er antwortete. „Weil es jetzt gerade wieder geschieht.

 

Kapitel 4

Wie in Watte getaucht hörte Christian das leise Prasseln eines Feuers. Wieso hatte er es verpasst aufzustehen? Er war es doch, der am Morgen das Feuer anzündete. Mühsam versuchte er seinen Arm zu heben, was ihm aber nicht gelang. Was war los mit ihm, wo war der Elan, mit dem er normalerweise von seiner Schlafstätte aufstand? Er versuchte nach seiner Frau Marie zu rufen, aber ein heißeres Krächzen war alles, das aus seinem Mund drang. Schlaff fiel seine Hand wieder nach unten und Christian versuchte, sich zu orientieren. Ein Schleier umnebelte seine Augen und er sah nur undeutlich die Umrisse der Möbel in der kleinen Hütte, die sein Zuhause war.

Wieder bemühte er sich aufzustehen, fiel aber kraftlos zurück auf sein Bett. So schwach und hilflos hatte er sich noch nie zuvor in seinem Leben gefühlt. Christian fror, obwohl er mit einer schweren Decke bedeckt war. Sein Verstand schien einfach nicht richtig zu funktionieren. Das Zeitgefühl hatte er völlig verloren. Noch einmal versuchte er, sich bemerkbar zu machen, aber mehr als einen gurgelnden Schrei bekam er nicht heraus.

Gleich darauf klirrte etwas, als wenn ein Topf zu Bruch gegangen wäre und das erschreckte Gesicht seiner Frau erschien im Türrahmen. „Er ist wach.“ Ihr Schrei schien etwas ausgelöst zu haben, denn gleich darauf hörte er das Geräusch vieler trampelnder Stiefel. Der Schein der Kerzen flackerte unter dem Luftzug der offenen Tür, als der Raum sich mit Menschen füllte. „Lasst mich vorbei, macht Platz verdammt noch mal.“ Die Stimme des Baders war unüberhörbar.

Das Stimmengemurmel wurde lauter als der Bader sich nach vorne drängte und rücksichtslos jeden zur Seite schob, der ihm im Weg stand. Leicht verschwommen sah Christian ein Gesicht, das sich über ihn beugte und ihm die Hand auf die Stirn legte. „Das Fieber hat abgenommen, aber über den Berg ist er noch lange nicht.“ „Frag ihn, was passiert ist“, hörte Christian den Schultheiß fragen. „Wenn du glaubst, dass dieser Mann einen anständigen Bericht abliefern kann, dann glaubst du auch, dass kurfürstliche Scheiße nicht stinkt“, blaffte der Bader ihn an.

„Im Übrigen ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt. Wenn uns dieser Bodo von Birkenfeld nicht den Medicus vorbeigeschickt hätte, würde er jetzt bereits von den Würmern gefressen.“ Tatsächlich war kurz nachdem man Christian gefunden hatte ein kurfürstlicher Arzt im Dorf erschienen. Nachdem von Birkenfeld über die jüngsten Vorkommnisse informiert worden war schien es ihm wichtig zu sein, Christian am Leben zu erhalten, um weitere Informationen zu erhalten. Er war es auch der den Medicus beauftragt hatte sich um Christian zu kümmern.

Der Mediziner war mit zwei bewaffneten Begleitern im Dorf erschienen. Man sah ihren Pferden an, dass sie einen scharfen Ritt hinter sich hatten, denn die Leiber dampften vor Schweiß. Der Arzt war sich seines Standes bewusst und würdigte die Umstehenden keines Blickes. Angeekelt schaute er auf die Rinne der Gosse, in der Fäkalien langsam in Richtung des Baches flossen. Es war nach wie vor üblich, dass man den Inhalt der Nachttöpfe einfach vor dem Haus leerte. „Wo ist er?“, fragte er einen der Umstehenden kurz angebunden. Man spürte, dass es ihm zutiefst zuwider war, hier zu sein.

Ohne darauf zu achten, wen er zur Seite stieß, schob sich der Bader durch die Menge, dicht gefolgt vom Schultheiß, der den Gesandten begrüßen wollte. „Ich bin der Bader am Ort, Herr. Kommt mit, ich zeige euch, wo der Verletzte liegt.“ Der Arzt zog kurz die Augenbrauen hoch. „So, der Bader, dann nehme ich an, dass ihr ihn soweit es euch möglich war, versorgt habt.“ „Wie ihr schon sagtet, soweit ich konnte.“ „Soweit ich konnte…Herr“, legte der Arzt seinen Status fest. „Natürlich… Herr.“ Der Bader war es gewohnt dass Mediziner auf ihn, den unstudierten Quacksalber, herabschauten.

Nur auf dem Schlachtfeld war es anders. Amputationen wurden häufig von seiner Zunft ausgeführt, während sich die Ärzte auf schwerere Wunden und die Offiziere konzentrierten. Trotzdem wusste man dort seine Leistungen zu schätzen und keinem der dort wirkenden Ärzte wäre es eingefallen, auf ihn herabzuschauen. Man merkte an seinem Verhalten dass dieser Mann nie auf dem Schlachtfeld gewesen war und seine Zeit entweder an der Universität oder am Hofe verbracht hatte. Was dem Bader auffiel, waren die sauberen Hände des Arztes, als er seine Handschuhe auszog und ihm zu dem Haus von Christian folgte.

Zufrieden nickte der Bader. Es konnte nicht gut für seinen Schützling sein, wenn eine Wunde erst vom Schmutz gereinigt wurde, um anschließend von den dreckigen Händen eines Helfers wieder verunreinigt zu werden. Stück für Stück tastete er den Schädel des Verletzten ab wobei seine Miene immer sorgenvoller wurde. Einer seiner Helfer reichte ihm ein Vergrößerungsglas unter dem er sich die Wunden genauer besah, bevor er mit seiner eigentlichen Arbeit begann. Nach und nach entfernte er während der Behandlung mehrere kleine Knochensplitter aus Christians Kopf. „Würde mich wundern, wenn der Bursche die Verletzungen überlebt, aber das Bauernpack soll ja ziemlich widerstandsfähig sein“, murmelte er, nachdem er die Wunden nochmals gesäubert und anschließend genäht hatte. Nachdem der Kurfürstliche Medicus seine Arbeit verrichtet hatte, überließ er Cristian wieder den Händen des Baders. „Ruft mich, wenn er es wider Erwarten schaffen sollte, zu überleben. Bodo von Birkenfeld verlangt Auskünfte, die anscheinend nur dieser Bauer geben kann.“ Ohne noch ein weiteres Wort zu verschwenden, schwang er sich auf sein Pferd und galoppierte mit seinen Begleitern davon, ohne Rücksicht auf die Menschen in den engen Gassen zu nehmen.

Zwei Wochen rang Christian mit dem Tod und der Bader hätte seine letzte Flasche Schnaps darauf verwettet, dass man ihn bald verscharren würde. Trotzdem saß er fast Tag und Nacht am Bett und träufelte dem Verletzten Flüssigkeit ein, die dieser ohne zu schlucken aufnahm. Er hatte einen Kräutersud bereitet, der das Fieber dämpfen sollte, aber eine Wirkung stellte sich auch darauf nicht ein. Der Bader wusste dass er die Temperatur senken musste, denn ansonsten würde Christian, wenn er wirklich wieder zu sich kommen sollte, nicht mehr als ein sabbernder und stammelnder Idiot sein.

„Geht in den Eiskeller und holt an Eis herbei, was noch übrig ist“ befahl er einigen Nachbarn die immer wieder die Hütte betraten um nach dem Verletzten zu sehen. „Sofort brauste der Schultheiß auf. „Kommt nicht in Frage, es ist eh nicht mehr viel vom vergangenen Winter übrig und wenn ihr es hier vergeudet, verdirbt unsere Nahrung.“ Der Eiskeller war wichtig. Sobald der Bach gefroren war, machten sich die Einwohner Hockenheims auf, um das Eis zu schlagen und in das Kellergewölbe unter der Kirche zu bringen. Mit Sand eingerieben hielt es sich dort so lange, bis die heißen Monate vorbei waren und eine Kühlung der Speisen nicht mehr notwendig war.

„Ihr tut, was ich sage“, donnerte der Bader, als er spürte, dass die umstehenden Männer nachdenklich geworden waren. Man sah ihren Gesichtern an, dass sie kurz davor waren, sich zu weigern der Aufforderung des Baders nachzukommen. Nahrung war kostbar, kostbarer als das Leben eines einzelnen Mannes, von dem man sowieso nicht wusste, ob er es schaffen würde, dem Sensenmann von der Klinge zu springen.

Na gut“, knurrte der Bader. „Dann lasst es eben bleiben. Allerdings werde ich diesem Bodo von Birkenfeld erzählen, dass wir leider nichts für den Verletzten tun konnten, weil ansonsten das bisschen Schweinefleisch und ein paar vertrocknete Äpfel Schaden genommen hätten. Sicherlich freut er sich so sehr darüber, dass er es dem Kurfürsten steckt, damit dieser sich über ein paar dumme Dorfbewohner amüsieren kann, denen ein paar Bissen Essen wichtiger waren, als die Informationen, die uns dieser Mann vielleicht geben kann.“

Grimmig schaute er in die betretenen Gesichter der Männer. Auch der Schultheiß schien erschrocken darüber zu sein, welche Konsequenzen seine Weigerung nach sich ziehen würde das Eis für den Verwundeten zu opfern. „Ist euch eigentlich klar, dass Christian der einzige Überlebende aus der Gruppe unserer Freunde ist, die nach dem… Vieh gesucht haben? Fünf Männer sind tot und ihr weigert euch zu helfen.“ Ungläubig schüttelte der Bader den Kopf. Eine kurze Kopfbewegung des Schultheißen sorgte dafür, dass sich der kleine Trupp in Bewegung setzte und kurze Zeit darauf packte der Bader das Eis auf Christians glühenden Körper.

Nach einer fast endlosen halben Stunde sank die Temperatur auf ein Maß, das der Bader als erträglich befand. Ein Stöhnen zeigte ihm, dass sich zumindest der körperliche Zustand seines Patienten stabilisiert hatte obwohl dieser vor Kälte zitterte. Die Gedanken denen der Bader nachhing zersprangen wie ein auf den Boden geworfener Weinkrug als zwar schwach, aber verständlich, Christians Stimme erklang. „Was machen all die Menschen hier und wieso liege ich im Bett?“

„Raus mit euch allen, seht ihr nicht, dass euer Geplärr ihn aufregt? Raus, bevor er wieder einen Rückfall bekommt und gar nicht mehr redet.“ Die Stimme des Baders übertönte mit Leichtigkeit das Stimmengewirr und selbst der Schultheiß verließ automatisch die Stube, ohne darüber nachzudenken, dass seine Stellung ihn eigentlich zum Bleiben berechtigte. Wieder versuchte Christian sich aufzurichten, was ihm allerdings nicht gelang. Alles drehte sich in seinem Kopf und die körperliche Schwäche entsetzte ihn. Selbst ein kleines Kind war ihm in seinem Zustand überlegen.

Wieder drang die Stimme des Baders durch den Raum, allerdings nicht mehr befehlend, sondern weich und beruhigend. „Lass es, du schaffst es sowieso nicht aufzustehen. Nicht nur dein Kopf, auch dein Körper ist schwach, weil du seit rund vierzehn Tagen so gut wie keine Nahrung zu dir genommen hast. Ich hätte nie geglaubt, dass die paar Löffel Suppe, die wir dir eingeflößt haben, einen Mann am Leben erhalten können.“ „Wieso?“, war alles was Christian über die Lippen brachte. Der Bader lachte leise. „Ich habe mir gleich gedacht, dass du uns nicht viel erzählen kannst. Erinnerst du dich an gar nichts mehr, was draußen im Hardtwald geschehen ist?“

Der Bader sah, wie der ehemals kraftstrotzende Mann seine Stirn runzelte und sich verzweifelt bemühte, wenigstens Bruchstücke seiner Erinnerung zurückzuholen. Ein Schluchzen entfuhr seinem Mund, als er kraftlos auf seinem Lager in sich zusammen sackte. „Lass gut sein, Junge, morgen ist auch noch ein Tag. Bei dem, was du durchgemacht hast und solch üblen Verletzungen ist es ein Wunder, dass du nicht auch noch die Sprache verloren hast.“

„Was… ist… geschehen?“ Leise, wie ein Lufthauch wehten die Worte durch den Raum. Einen Moment lang sah der Bader Christian an. „Gütiger Gott im Himmel, vielleicht ist es besser, wenn du dich nie mehr an das erinnerst, was du gesehen hast. Einen normalen Menschen müsste das Geschehen in den Wahnsinn treiben.“ Das Unverständnis über die Worte des Baders stand Christian ins Gesicht geschrieben. „An was soll ich mich nicht erinnern?“

Panik kam in ihm auf, die sich trotz seiner Schwäche in seiner Stimme bemerkbar machte. Der jetzige Zustand und der Verlust seines Gedächtnisses, bereiteten ihm mehr Angst, als er in seinem ganzen Leben zuvor verspürt hatte. Die vagen Andeutungen des Baders, ließen allerdings keine Seite in seinen Erinnerungen anschlagen. Gewaltsam zwang er sich, über das Gehörte nachzudenken.

Ihm war, als befände er sich in einem Traum und wartete darauf aufzuwachen. Sicher würde sich Marie gleich neben ihm regen und ihn auffordern endlich aufzustehen. Oder sich an ihn kuscheln und anschließend ihr Bein über seine Schenkel legen. Das war ihre Art der Aufforderung, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen, bevor die Kinder wach wurden. Er grinste leicht bei dem Gedanken, dass er dieser Pflicht immer sehr gerne nachgekommen war.

Er musste auch noch ein Wörtchen mit Johannes reden. Der Schmied hatte versprochen, die Egge zu reparieren und es wurde höchste Zeit dafür. Wie sollte er das kleine Stück Land beackern, das er, neben seiner Tätigkeit als Schreiner, bewirtschaftete. Die Menschen, für die er Reparaturen ausführte, hatten meistens selbst nicht genug zum Leben und Aufträge für neue Möbel hatte er schon ewig nicht mehr erhalten. Gott sei Dank waren die Wege schlecht und die einzig lukrative Einnahmequelle waren die ständig zerbrechenden Räder und Achsen der Kutschen, die er in Zusammenarbeit mit Johannes reparierte.

Leichter Ärger stieg in ihm auf, als er an Johannes und die Egge dachte. Der Schmied war sein engster Freund und deshalb erwartete Christian dass Johannes sein Ackergerät zuerst reparierte anstatt fremde Aufträge auszuführen. „Kannst du mir Johannes holen, Bader? Er muss noch eine Arbeit für mich erledigen.“ Seine Stimme war nach wie vor brüchig, aber es war der erste wirklich zusammenhängende Satz, den Christian seit seinem Erwachen gesprochen hatte.

Die Kiefer des Baders mahlten und er ballte seine großen Hände zu Fäusten. Die Stille, die folgte, kündigte mehr Unheil an, als das ganze Geschrei der Dorfbewohner vorher. „Das Vieh… das Tier, was auch immer es ist… Johannes ist tot. Ausgeweidet und ohne Haut, wie alle anderen, die mit dir im Wald waren. Du bist der einzige, der überlebt hat.“

Der Bader sah das Unverständnis in Christians Gesicht, das sich ohne jede Vorwarnung in blankes Entsetzen verwandelte. Die Augen schienen aus den Höhlen zu treten und Wahnsinn flackerte darin. Ganz langsam und tief begann Christian zu schreien, bis seine Stimme so schrill wurde, dass Glas zersprungen wäre, wenn sich welches in der Hütte befunden hätte. Abrupt brach das Geschrei ab.

„Der Teufel, es war der Teufel. Es waren die roten Augen des Teufels.“ Die Augen Christians wurden weiß, als seine Pupillen sich nach oben schoben. Gleich darauf fiel er in eine Starre, als wenn er in Eis verwandelt worden wäre. Die Hände des Baders zitterten, als er fahrig in seine Tasche griff und die Flasche mit Schnaps herauszog, die er dort ständig aufbewahrte. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, als er die Worte Christians noch einmal halblaut wiederholte. „Die roten Augen des Teufels.“ Die Flasche entglitt seinen Händen und zersprang auf dem Boden.

 

Kapitel 5

Franz Xaver schritt in dem Hotelzimmer hin und her, wie ein gereizter und im Käfig gefangener Tiger. Der BKA-Mann Sobert versuchte ihn zu beruhigen. „Es ist doch nur vorübergehend, Franz. Kollege Bachert ist bereits dabei, eine Wohnung für dich aufzutreiben.“ „Ich kann nicht denken in dieser Absteige“, schluchzte Konopke auf, „Wie soll ein normaler Mensch in diesen vier Wänden, dieser Bruchbude ohne jedes gehobene Ausstattungsmerkmal, einer Arbeit nachgehen, die Logik und Kreativität erfordert.“ Die Stimme Konopkes war schrill und seine Bewegungen abgehackt und zornig.

Sobert seufzte leise. „Meine Güte, Franz, übertreiben kann man alles. Du hast ein wunderschönes Hotelzimmer mit allem Komfort und nur wegen einer solchen Kleinigkeit…“ „Kleinigkeit? Kleinigkeit sagst du? Bayrische Hotels, ach was sag ich, Pensionen, ganz normale, kleine billige Pensionen haben so etwas bereits in der Grundausstattung.“ Sobert runzelte die Stirn, als versuchte er, sich etwas ins Gedächtnis zu rufen. „Tut mir leid, Franz, aber selbst der bayrische Hof in München wartet mit dem Extra nicht auf, das du gerade einforderst. Außerdem haben die hier einen tollen Service, den du zu jeder Tages- und Nachtzeit in Anspruch nehmen kannst. Und hier, auch wenn sie nicht so groß ist kann die Minibar doch wenigstens….“ „Verdammt, Werner, willst du mich nicht verstehen?“ Unterbrach Konopke die Beschwichtigungsversuche seines Kollegen. „Ich brauche einen Kühlschrank, keine Minibar und auch keinen Zimmerservice.“

Langsam schüttelte Sobert den Kopf. Man sah, dass er allmählich die Geduld verlor, was Konopke allerdings nicht im Geringsten zu stören schien. „Mannheim ist zwar nicht München, aber auch kein Provinzstädtchen, das die Gehsteige um zwanzig Uhr nach oben klappt. Hier sind alle Nationalitäten vertreten, die dich fast rund um die Uhr mit allen kulinarischen Köstlichkeiten versorgen, die du dir nur wünschen kannst.“

Sobert seufzte noch einmal, als er die verzweifelte Miene von Franz Xaver Konopke betrachtete. „Hör zu, jetzt erkläre ich es dir noch einmal. Tief in mir steckt eine vollschlanke Person, die ich nur mit dem Einsatz diverser Nahrungsmittel in Schach halten kann damit sie nicht ausbricht. Doch dazu müssen sich die genannten Kalorien auch griffbereit in meiner Nähe befinden.“ „Und dazu benötigst du einen amerikanischen Kühlschrank in Übergröße und zwei Gefrierfächern? Franz, du spinnst.“

„Mal ehrlich Werner, ist dir das Wort Appetit ein Begriff? Erkennst du auch nur ansatzweise die Bedeutung hinter dem Wort Appetit? Es geht nicht darum, irgendwelche Nahrungsmittel in sich hineinzustopfen. Nein, Appetit zu befriedigen ist eine Kunst. Die Nuancen zwischen süß, salzig, nussig, sauer, fruchtig und was es sonst noch gibt, auf eine Art und Weise zu mischen, dass eine Komposition daraus entsteht, die den Verstand anregt, ohne den Körper übermäßig zu belasten. Es geht um die vollkommene Harmonie von Körper und Geist.“ Die Mundwinkel des BKA- Mann zuckten schon wieder verdächtig.

Franz Xaver Konopkes Stimme wurde auf einen Schlag lauter. „Ohne meine innere Harmonie nutze ich euch einen Dreck, also beschafft mir endlich einen amerikanischen Kühlschrank, wenn ihr den Fall gelöst haben wollt.“ Wieder seufzte Sobert leise vor sich hin. „Jochen ist doch dabei eine entsprechende Lokalität für dich zu besorgen.“ „Mit Kühlschrank?“ „Mit Kühlschrank. Ansonsten gibst du ja doch keine Ruhe. Allerdings beginne ich deinen ehemaligen Vorgesetzten….“ „Sprich es nicht aus, sprich es ja nicht aus,“ brauste Konopke auf, „ansonsten kündige ich dir sofort meine Freundschaft, auch wenn diese noch gar nicht so alt ist.“

Schuldbewusst schaute Werner Sobert nach unten. „So habe ich es auch nicht gemeint, aber glaubst du es ist richtig, wenn du dir dein ganzes Leben von deinem Appetit diktieren lässt?“ Vorwurfsvoll schaute Konopke Sobert an. „Mein lieber Werner….“ „Sag nicht, mein lieber Werner zu mir. Der Spruch ist meiner Frau vorbehalten, wenn sie mich wieder mal in den Senkel stellt, weil ich irgendeine Vereinbarung nicht eingehalten habe.“

Konopke grinste. „Du hältst Vereinbarungen nicht ein? Bei einem so korrekten Menschen, wie dir, würde mich das wundern.“ „Du kennst unseren Job Franz“, seufzte Sobert „Berufs- und Privatleben kollidieren sehr oft miteinander und das macht beileibe nicht jede Frau auf Dauer mit.“ „Damit habe ich keine Probleme, meine Leidenschaft gehört dem…“, „dem Essen, ich weiß“, fiel der BKA- Mann Konopke ins Wort. „Dein Essen schert sich logischerweise nicht darum, wenn du wieder einmal Knall auf Fall vom Mittag- oder Abendtisch losgerissen wirst und Vorhaltungen macht es dir auch nicht.“ „Genau, es wird lediglich kalt und genau deswegen wird sich mein Buch das ich demnächst schreiben werde mit diesem Thema befassen.“ Was für einem Thema?“ „Hast du es immer noch nicht begriffen, Herr BKA-Beamter? Rezepte für Polizei- und ähnliche Beamtengruppen, die oft nicht zu Ende essen können, weil sie zu einem Einsatz gerufen werden.“

Sobert rieb sich nachdenklich das Kinn. „Du meinst wirklich, dass du ein Kochbuch für Polizisten an Polizisten verkaufen kannst? Wie ich die Kollegen kenne, stellen sie sich doch wieder an die nächste Currywurstbude und bestellen sich ne Rote mit Pommes bevor sie Zuhause den Herd anwerfen.“ Konopke schnaubte verächtlich. „Der Mensch ist was er isst. Die alte Garde stirbt doch sowieso langsam aus. Jüngere Kollegen achten darauf, mit was sie ihren Körper füttern und Kolleginnen allemal. Außerdem sind die meisten sowieso verheiratet und was ist das größte Ärgernis für die Frau eines Polizisten? Logisch, zwei Stunden am Herd stehen und anschließend den Fraß in den Mülleimer werfen, weil der Herr Gemahl entweder gar nicht zum Essen erschienen ist, oder wie du vorhin schon bemerkt hast, einfach aus dem Kreis seiner Lieben und weg vom dem schönen Braten, zum Dienst gerufen wird.“

„Und was hat dein Buch damit zu tun?“ Sobert schaute Konopke zweifelnd an. „Ganz einfach“, antwortete Franz Xaver mit dem Brustton der Überzeugung. „Ich werde Rezepte zusammenstellen, mit Speisen, die man warm, kalt und auch aufgewärmt noch genießen kann, ohne, dass der Geschmack leidet.“

„Hast du auch schon einen Titel für dein neuestes Werk?“ fragte Sobert neugierig. „Klar doch, kaltes Kotelett.“ Sobert schaute noch kritischer drein. „Mit dem Titel wirst du keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Lass dir wenigstens etwas Spektakuläreres einfallen, wenn du den Schinken verkaufen willst.“ Konopke seufzte wieder hingebungsvoll. „Ohne einen vernünftigen Kühlschrank in meinem direkten Umfeld wird dieses epochale Werk niemals entstehen.“

Bei seinen nächsten Worten schaute er Sobert direkt und sehr ernst an. „Vor allem solltest du daran interessiert sein, diese beiden seltsamen Mordfälle zu lösen. Du weißt, dass ich den Kollegen vor Ort eine echte Hilfe sein kann. Das wird aber nur funktionieren, wenn ich meine innere Balance wiedererlange.“ „Und dazu brauchst du deinen Kühlschrank.“, ergänzte Sobert Konopkes Satz. Noch bevor Konopke etwas erwidern konnte, klopfte es mehrmals heftig an die Tür. „Siehst du und seine Ruhe hat man auch nicht, wenn man sie braucht.“ Konopke hatte die Klinke noch nicht ganz nach unten gedrückt, als von außen die Tür mit einem Ruck aufgerissen wurde. Ohne einen Ton der Entschuldigung stürzte Bachert in Raum. „Kommt mit ins Präsidium, es gibt schon wieder einen Toten.“

 

Kapitel 6

Friedrich Schuckele grinste in sich hinein. Er fand seine Idee immer noch genial, in diesem Teil des Waldes ohne Erlaubnis Holz zu schlagen. Der größte Teil des äußeren Hardtwaldes bestand aus Nutzholz. Kiefern die relativ schnell wuchsen, aber nicht unbedingt dazu beitrugen, die natürliche Struktur des Waldes zu erhalten. Bei den heutigen Energiepreisen war der Verkauf von Buchenholz mehr als lohnend. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, eine entsprechende Genehmigung des Forstamtes zu erhalten. In dem Teil des Bannwaldes, in dem er sich aufhielt, war es schlichtweg eine Unmöglichkeit, auf legalem Weg eine Zustimmung zum Schlagen der Bäume zu erhalten.

Das zweite Problem war, dass es keine lautlosen Kettensägen gab und es unweigerlich auffallen würde, wenn der Zweitaktmotor angeworfen wurde, damit sich die Säge durch das Holz fressen konnte. Schuckele grinste noch breiter, als in der Ferne genau dieses Geräusch ertönte. Laut lachend warf er seine Säge an und schob den Gesichtsschutz seines Helms nach unten.

Gleich darauf hatte er den Baum so gekerbt, dass er genau in die Richtung fiel, in der Friedrich Schuckele ihn haben wollte. Nach einer knappen halben Stunde hatte er die Kiefer entastet und stellte schwitzend die Säge ab. In der Ferne war immer noch das kreischen der Motoren und sirren der Ketten zu hören, die von den Waldarbeitern stammten, die den Auftrag hatten, einen Teil der Kiefern zu fällen, damit an den freien Plätzen wieder aufgeforstet werden konnte. Kein Mensch konnte bei diesen Bedingungen sagen, wo genau im Wald gerade gearbeitet wurde, so dass der Lärm, den er veranstaltete, überhaupt nicht auffiel.

Der Abtransport würde kinderleicht werden. Der zugewucherte Waldweg war unter normalen Umständen nicht zu entdecken. Schuckele benutze sein Auto nur, wenn es unbedingt sein musste. Alle anderen Wege legte er mit seinem Fahrrad zurück. Die kürzesten Wege in die umliegenden Dörfer führten dabei durch den Wald. Als Frührentner konnte er es sich erlauben länger unterwegs zu sein, um seine Geschäfte zu erledigen.

Nebenbei erledigte Schuckele Arbeiten für jeden, der ihn bezahlte. Das Ganze an der Steuer vorbei, natürlich. Alles in allem hatte er ein Auskommen, um das ihn mancher normale Arbeitnehmer beneidet hätte. Nach einer Reifenpanne vor knapp sechs Wochen hatte er um abzukürzen sein Fahrrad quer durch den Wald geschoben und dabei die Lichtung und den zugewucherten Weg entdeckt. Friedrich Schuckele hatte eine Schwäche für halblegale oder auch verbotene Dinge. Nicht, dass er zu Verbrechen wie Raub, Betrug oder Schlimmeren in der Lage gewesen wäre, aber wenn er eine Möglichkeit sah, ein paar Euros zu verdienen, dann packte er die Gelegenheit beim Schopf.

Dieses Waldstück war ideal, um bestes Holz ohne lästige Störenfriede zu schlagen. Selbst der Förster würde ihm nicht über den Weg laufen, wenn er die zerlegten Bäume mit seinem Wagen und dem Anhänger abtransportierte. Die dünnen Bäumchen, die den Weg überwucherten, waren kein wirkliches Hindernis, aber die beste Tarnung für dieses Waldstück, das man sich denken konnte.

Grinsend nahm er einen Schluck aus seiner Wasserflache, bevor er das Sichtvisier seines Schutzhelmes wieder nach unten klappte und die Ohrenschützer aufsetzte. Friedrich achtete auf seine Sicherheit. Er hatte nicht vor, wegen einer Verletzung seine Arbeitsfähigkeit zu gefährden. Auch wenn der Rententräger der Meinung war, dass er zu einer geregelten Tätigkeit nicht mehr fähig war, bewies Friedrich sich selbst jeden Tag das Gegenteil.

Den nächsten Baum würde er am Rande der Lichtung fällen, dort wo eine kleine Erhebung aus dem Boden ragte. Während er sich der Kiefer näherte, bemerkte Schuckele die Ebenmäßigkeit des Hügels, der auf einmal gar nicht mehr natürlich wirkte. Neugierig trat er noch zwei, drei Schritte näher, als ihn von hinten ein harter Schlag traf. Noch während es dunkel um ihn wurde, war Friedrich Schuckele der Meinung von einem herabfallenden Ast getroffen worden zu sein.

 

Kapitel 7

„Jetzt wird die Sache persönlich.“ Der Leiter der Mannheimer Kripo, Harald Weber, war weiß wie eine Wand und schäumte gleichzeitig vor Wut, während er zusammen mit den beiden BKA-Beamten und Konopke die Pathologie verließ. Der Himmel über ihnen war grau und regnerisch, was der gedrückten Stimmung der Männer entsprach. Die Leichen waren wirklich kein schöner Anblick gewesen. Neben dem toten jungen holländischen Paar lag auf der nächsten Bahre die Leiche von Polizeiobermeister Tobias Schmied.

Weber blickte seine Kollegen mit einem Gesichtsausdruck an, der neben Zorn und Wut auch Hilflosigkeit enthielt. „Können sie mir sagen, wie ich es der Frau von Kollegen Schmied beibringen soll, was mit ihrem Mann geschehen ist? Soll ich sagen, tut mir leid, nicht genug, dass ihr Mann tot ist. Nebenbei wurde er noch halb aufgefressen und weil noch ein bisschen von ihm übrig war, hat der, die oder das, was ihm dieses Ende beigebracht hat, noch nebenbei sein Gehirn ausgeleckt und ihm den Skalp, mitsamt dem Rest der Gesichtshaut abgezogen?“

Weber schüttelte den Kopf. „Verstehen sie mich richtig, ich habe mich noch nie davor gedrückt schlechte Nachrichten zu überbringen und bei Gott, es waren schon wirklich schlimme Momente dabei. Aber das hier…, seine Frau ist im sechsten Monat schwanger und das erste Kind der beiden ist gerade mal vier Jahre alt.“

Bachert räusperte sich. „Wenn sie möchten, übernehmen mein Kollege Sobert und ich es, der Frau von Polizeiobermeister Schmied den Tod ihres Mannes mitzuteilen.“ Mit einem Ruck richtete sich Weber auf. „Nein, es war mein Mitarbeiter und es ist meine Aufgabe, seiner Witwe die Nachricht zu überbringen. Außerdem haben sie eine andere Aufgabe.“

Mit stahlharten Augen schaute Weber die BKA-Männer und auch Konopke an. „Finden sie den oder die Mörder… und finden sie ihn schnell. Egal was sie dazu benötigen, teilen sie es mir mit und ich sorge dafür, dass sie es bekommen. Der Fall hat die höchste Priorität.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte Weber sich um und ging mit schleppenden Schritten zu seinem Wagen.

„Das geht an die Nieren, aber ich habe auch nicht erwartet, dass er die Aufgabe abgibt und einen anderen zu Schmieds Witwe schickt.“ Sobert nickte. „Ich finde es trotzdem richtig, dass du ihm das Angebot gemacht hast.“ Konopke rieb sich nachdenklich das Kinn. Fassen wir noch einmal kurz die Tatsachen zusammen, die uns bekannt sind.“

Sobert grinste humorlos. „Ich sehe, dass das aufstellen des Kühlschranks im Hotelzimmer geholfen hat dein Denkvermögen wieder in Gang zu setzen.“ Konopke blickte ihn kühl, fast schon arrogant an. „Mein lieber Werner...“ Mit Zufriedenheit bemerkte Konopke, wie Sobert leicht zusammenzuckte. „Mein lieber Werner, selbst ohne Kühlschrank liegt mein Denk- und Kombinationsvermögen noch deutlich über dem des Durchschnitts. Der Rest ist Feintuning, aber das habe ich dir schon erklärt.“ „Wärst du dann so freundlich und uns deine Einschätzung des Falles zu geben?“

Man merkte, dass Jochen Bachert nicht geneigt war unnütze Diskussionen zuzulassen. Konopke seufzte. „Auf den ersten Blick wird bereits klar, dass hier gar nichts zusammenpasst.“ „So weit waren wir auch schon“, warf Sobert ein.“Nicht unterbrechen, wenn ich beim Denken bin“, würgte Konopke die Frage seines Kollegen ab.

Einen Knoten entwirrt man, indem man den Anfang des Fadens sucht. Der Rest ist anschließend reine Gedulds- und Entwirrarbeit.“ „Entwirrarbeit, das habe ich auch noch nicht gehört“ Bachert runzelte skeptisch seine Stirn. „Natürlich Entwirrarbeit, genau wie beim Essen.“ „Wie beim Essen? Was hat deine Leidenschaft fürs Essen mit unserem Fall zu tun?“ Unwillkürlich war Sobert eine Spur lauter geworden.

Konopke richtete sich zu seiner vollen Größe von einmeterfünfundsiebzig auf, was seiner Figur die Gestalt einer etwas unregelmäßig geformten Kugel verlieh. „Wer von euch Kretins ist in der Lage, eine zubereitete Speise zu kosten, und anschließend ihre Bestandteile zu nennen? Seid ihr in der Lage, ausgehend vom Aussehen, der Konsistenz und dem Geschmack, sämtliche Zutaten, Gewürze und auch die Art der Zubereitung zu analysieren? Seid ihr beiden BKA-Wichte wirklich in der Lage, all eure Sinne auf eine Sache zu konzentrieren? Es wird ausgeschlossen, hinzugefügt, widerlegt, zugestimmt, gezweifelt und am Ende hat man das Ergebnis. Jetzt erklärt ihr beiden Pfeifen mir noch einmal, warum Essen nichts mit Kriminalistik zu tun haben soll und das Wort Entwirrarbeit so ungewöhnlich für euch ist.“

Die beiden BKA-Männer sahen Konopke sprachlos an. „Kann ich jetzt endlich anfangen?“ Konopke blickte von einem zum anderen. Er sah, dass beide dabei waren, umzudenken, was seine Essleidenschaft betraf. „Jetzt erzähl schon, wir hören zu“ forderte Bachert Konopke auf. „Lasst uns da drüben in das Lokal gehen. Erstens ist fast dreizehn Uhr und zweitens denkt es sich beim Essen besser.“ „Wie du meinst, schaden kann es bestimmt nicht und es fängt sowieso zu regnen an“, stimmte Sobert zu.

Nachdem sie Platz genommen hatten und das Essen serviert worden war, begann Konopke von neuem. Allerdings wurde er jetzt nicht mehr unterbrochen. „Zunächst kommen wir zu den Gemeinsamkeiten der Fälle von 1692 und den drei aktuellen Todesfällen. Alle Opfer haben eines gemeinsam, die Todesart. Die Bäuche und Brustbereiche wurden mit einer brutalen Gewalt aufgerissen. Alleine schon dieser Umstand sagt uns, dass ein Mensch so etwas nicht zustande bekommt, zumindest nicht ohne mechanische Hilfe.

Heutzutage wäre es mit einer entsprechenden Apparatur garantiert zu schaffen, aber 1692 wäre es unmöglich gewesen. Die Eingeweide und weitere wichtige Organe wurden regelrecht aufgefressen, was auf ein Tier hinweist. Auch, dass die Schädeldecken zertrümmert wurden und die Gehirne fehlen, deutet auf ein Tier hin. Eingeweide und Hirnmasse sind für viele Raubtiere eine wahre Delikatesse. Hyänen beispielsweise….“

„Könnten wir vielleicht das Ganze etwas weniger ausführlich besprechen, solange wir beim Essen sitzen?“ Bachert schob mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck seinen Teller von sich weg. Ungerührt aß Konopke weiter. Ihn schienen seine eigenen Ausführungen wenig zu stören.

„Machen wir mit den Gemeinsamkeiten weiter, einige haben wir ja noch. Alle Toten, damals wie heute, hatten eine fein säuberlich abgezogene Kopf und Gesichtshaut. Es gibt kein Tier, das so etwas schaffen könnte. Ein Mensch? Wo sind die Spuren von einem Messer oder Skalpell? Der Pathologe hat nicht feststellen können, dass irgendetwas darauf hindeutet, dass ein scharfes Werkzeug benutzt wurde.

Der ortsansässige Bader hat sehr genau beschrieben, wie die Leichen von 1692 zugerichtet waren. Auch er war verwundert, dass die Haut fehlte, ohne, dass irgendwelche Muskeln, Fasern oder gar Fleischfetzen fehlten. Wie wir heute gesehen haben, waren auch die Gerichtsmediziner ratlos, weil weder die Verletzungen, noch die vorhandenen DNA-Spuren einen Aufschluss über das Vieh geben können.“ „Wie kommst du auf den Begriff Vieh“, unterbrach Sobert Konopke. „Weil der Ausdruck bereits vor über dreihundert Jahren für dieses Etwas gebraucht wurde, das Menschen umbringt und sie ausweidet.“ „Na gut, einigen wir uns zunächst auf den Ausdruck Vieh, bis wir dieses „Was auch immer“ genauer definieren können“ warf Bachert ein.

Konopke holte Luft und redete weiter. „Wenden wir uns den Dingen zu, die nicht zusammenpassen beziehungsweise keine Gemeinsamkeit darstellen.“ „Und die wären?“, fragte Sobert gespannt. „Zunächst einmal der Fundort der Leichen. Wir wissen, dass es nicht der Tatort sein kann. Es wurde kein Tropfen Blut in der näheren oder weiteren Umgebung gefunden.

Anders bei der Tat von 1692. Wie der Chronist berichtete, waren sowohl der Waldboden, als auch die Bäume bis zu einer Höhe von etwa drei Metern wie mit Blut übergossen. Natürlich war es damals nicht möglich, irgendwelche Spuren zu verfolgen oder gar zu sichern, schon gar nicht weil die Männer die die Toten gefunden haben, alles zertrampelten. Die Obrigkeit, die später versuchte, die Tat zu rekonstruieren, hatte keine Chance mehr, etwas zu finden, was Aufschluss über den Täter gegeben hätte.

Der zweite, nicht gerade unwichtige Unterschied besteht darin, dass bei diesen Opfern, im Gegensatz zu heute, keinerlei Wertgegenstände zu finden waren. Selbst Stiefel trugen sie keine mehr.“ Sobert schaute nachdenklich auf seinen noch fast vollen Teller. „Unsere Toten hatten alle persönlichen Dinge noch bei sich, sofern man von bei sich überhaupt noch reden kann.“

„Richtig“, ging Konopke sofort auf den Einwand Sobert‘s ein. „Genau das ist das mehr als erstaunlich. Nicht einmal die Dienstwaffe von Polizeiobermeister Schmied fehlte, obwohl der Gürtel, der die Waffe hielt, regelrecht auseinandergerissen wurde. Was mich aber noch mehr verwundert, ist die Tatsache, dass die Kleidung und die Räder des jungen Paares, das getötet wurde, ebenfalls in der Nähe sichergestellt werden konnten. Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht keinerlei persönlichen Dinge am Tatort liegenzulassen wobei ich noch nicht verstehe warum man die Habseligkeiten nicht einfach ganz verschwinden ließ.“

Konopke nahm einen tiefen Schluck von dem Weißbier, das er sich zum Essen bestellt hatte. „Noch erstaunlicher finde ich es, dass im Umkreis der Räder, aber auch an der Stelle an der die Leichen abgelegt wurden, keinerlei verwertbare Fußspuren festgestellt wurden“, stimmte Bachert Konopke zu. Franz Xaver lächelte leicht und schüttelte den Kopf. „Das ist erklärbar. Alle Stellen, die irgendwie betreten werden konnten, waren mit Moos und Laub bedeckt. Der Ablageplatz ist also ganz bewusst so ausgewählt worden, dass nichts zu finden war. Außerdem hat es in der Nacht geregnet und Sternmoos braucht lediglich drei Stunden um auch den stärksten Druck, wie er beispielsweise durch Schuhe verursacht wird, wieder auszugleichen. Es muss sich bei der Person die die Leichen dort platziert hat um jemand handeln der sich sowohl mit den Örtlichkeiten als auch mit der Natur auskennt“

„Was ist dir noch aufgefallen, Franz“, fragte Sobert weiter, nachdem für ein paar Sekunden eine Pause im Gespräch eingetreten war. Nachdenklich schob Konopke einen weiteren Bissen des Cordon bleu in seinen Mund, bevor er weiterredete. „Was mich wirklich nachdenklich stimmt, sind die Berichte der Hundeführer. Geschulte Polizeihunde, die sich von jetzt auf nachher weigern, eine Spur weiterzuverfolgen und jaulend in Panik verfallen. Es muss die Kollegen eine gehörige Portion Überwindung gekostet haben, in den Bericht hineinzuschreiben, dass ihre vierbeinigen Lieblinge die Fährte nicht verloren, sondern mit eingekniffenen Schwänzen das Weite gesucht haben.“

Sobert schaute sehr nachdenklich drein. „Dieser Fall ähnelt in nichts dem, mit was wir es sonst zu tun haben. Irgendwie unheimlich, das Ganze.“ Bachert schaute seinen Kollegen skeptisch an. „Wenn du mir jetzt sagst, dass du an Geister, Werwölfe oder ähnliches glaubst, lasse ich dich in die nächste Klapse einweisen.“ Franz Xaver Konopke lachte laut. „Meine Herren, eines kann ich jetzt schon garantieren, übersinnlich ist die ganze Sache nicht. Aber ich denke, dass wir, bevor wir das Heute und Jetzt näher unter die Lupe nehmen, erst einmal eine Reise in die Vergangenheit unternehmen müssen.“ „Und wie willst du das anstellen?“ Bachert sah Konopke genau so ungläubig an, wie vorher seinen Kollegen Sobert. „Keine Angst, ich denke, es gibt eine Möglichkeit, den Vorkommnissen aus dem Jahre 1692 näher auf die Spur zu kommen.“

 

Kapitel 8

Friedrich Schuckele erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen. Im ersten Moment fiel es ihm schwer zu begreifen was geschehen war, Doch dann kehrte langsam seine Erinnerung zurück. Ausgerechnet in diesem abgelegenen Waldstück musste dieser verdammte Ast ihn treffen. Wieso hatte sein Helm nicht verhindert dass es ihn so böse erwischt hatte? Es lohnte sich scheinbar doch nicht, immer auf Sonderangebote zurückzugreifen. Sparsamkeit hin oder her, ab sofort würde er sich nur noch vernünftiges Werkzeug zulegen.

Da er kein Handy besaß, konnte er noch nicht einmal Hilfe herbei rufen, wobei dies sowieso nicht die beste Lösung wäre, Wie hätte er erklären sollen was er in dem Waldstück zu suchen hatte? Sein Wagen mit dem Anhänger und die Kettensäge würden zu Fragen führen die er nicht unbedingt beantworten wollte. Friedrich versuchte die Augen zu öffnen, was ihm erst nach geraumer Weile gelang. Schlagartig wurde ihm klar, dass hier einiges nicht stimmte.

Er lag nicht auf dem Waldboden, sondern saß auf einem Stuhl. Erst als er versuchte sich zu bewegen bemerkte er, dass seine Hände und Füße gefesselt waren. Auch die Umgebung war eine ganz andere, als er erwartet hatte. Er befand sich nicht auf der Waldlichtung, sondern in einem kahlen weißgetünchten Raum der noch dazu relativ groß war. Eine einzelne Lampe erhellte von der hohen Decke aus die Wände, die weder einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort, noch sonst eine Besonderheit aufwiesen. Auch der Boden bestand aus Beton, der relativ grob ausgegossen worden war. Die einzige Tür des Raumes war aus Stahl und sah merkwürdig alt und verrottet aus. Das alles wirkte, als wenn sein Aufenthaltsort seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden wäre.

Friedrich trug zwar noch seine Kleidung, aber die komplette Schutzausrüstung, die er beim Holz fällen trug war verschwunden. Die Situation war irreal. Er war hier weder in einem Krankenhaus und auch nicht in auf einer Polizeistation. Alles war unlogisch. Je mehr Friedrich sich anstrengte darüber nachzudenken, was mit ihm geschehen war umso weniger plausibel wurde ihm das Ganze.

Nach ein paar Minuten entschloss er sich zu rufen und auf sich aufmerksam zu machen. Schlimmer als jetzt konnte es nicht werden und seine Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl ließen auch nicht nach. „Hallo, ist da Wer?“ Der Hall seiner Stimme, die von den Wänden zurückgeworfen wurde, verstärkte das Dröhnen in seinem Schädel und Friedrich verzog sein Gesicht.

Allmählich überwand er seine Hilflosigkeit und Ärger keimte in ihm hoch. Das, was gerade mit ihm geschah, konnte nicht zulässig sein. Auch wenn er einer illegalen Tätigkeit nachgegangen war, gab es keinerlei gesetzliche Handhabe ihn so zu behandeln. Friedrich Schuckele war immer noch der Meinung beim Fällen der Bäume erwischt worden zu sein und von irgendeinem Ordnungshüter festgehalten zu werden. „Wenn ihr mich nicht sofort freilasst und einen Arzt zu mir schickt, hetzte ich euch meinen Anwalt auf den Hals. Der wird dafür sorgen, dass ihr eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Hals bekommt, die sich gewaschen hat“, schrie er und hoffte auf eine Reaktion der Leute die ihn hier festhielten.

Insgeheim rechnete sich Friedrich sogar aus der momentanen Situation einen Vorteil für sich aus. Was war schon eine Anzeige wegen dem nicht genehmigten Fällen von Kiefern in einem Bannwald gegen die Tatsache, dass man ihn an einen Stuhl gefesselt und ihm die ärztliche Versorgung vorenthalten hatte. Grob überschlagen würde es ihm einige hundert Euro, wenn nicht sogar ein paar Tausender einbringen, wenn das Gericht befand, dass die Polizei ihn unverhältnismäßig hart behandelt hatte.

„Wenn ihr mich nicht sofort losmacht, sorge ich dafür, dass in dem Laden einige Köpfe rollen werden“, brüllte Friedrich gegen die geschlossene Tür. Zufrieden hörte er, wie sich Schritte näherten. Der Bande würde er ganz gehörig einheizen.

Mittlerweile fühlte er sich wieder als Herr der Lage. Die Herrschaften würden sich wundern, zu was ein Friedrich Schuckele fähig war. Schnell ordnete er seine Gedanken. Freiheitsberaubung, unterlassene Hilfeleistung, menschenunwürdige Fesselung einer hilflosen Person. Friedrich musste sich beherrschen um nicht zu grinsen. Von wegen ein paar Hunderter. Wenn man alles zusammenrechnete, kamen garantiert fünf- bis achttausend Euro zusammen, die er vor Gericht erstreiten konnte. Es überlief ihn heiß, als er daran dachte, was eine Zeitung dafür bezahlen würde, um diese Geschichte zu drucken.

Keinesfalls würde er sich darauf einlassen Stillschweigen zu bewahren. Wenn er schon seinen Mund halten sollte, musste der Betrag, der ihm angeboten wurde, fünfstellig sein, aber nicht am unteren Ende der Skala. Wenn ihn die Fesseln nicht daran gehindert hätten, dann wäre dies der Moment gewesen, um sich in Vorfreude die Hände zu reiben.

Die Schritte wurden lauter und verharrten vor der Tür. Friedrich atmete nochmals tief durch und bemühte sich angeschlagen und krank auszusehen. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er den Schlag auf den Kopf und die Gefangenschaft unversehrt überstanden hatte. Je leidvoller, umso höher die Entschädigung, die ihn erwartete. Als die Tür sich öffnete, ließ Friedrich den Kopf sinken und stöhnte mitleidserregend auf. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken und hielt die Augen bis auf einen schmalen Schlitz geschlossen. Innerlich gratulierte er sich zu der Vorstellung, die er gerade bot.

Aus den Augenwinkeln sah er eine Gestalt auf sich zutreten, die ihn an etwas erinnerte. Verdammt noch mal, die Kleidung kam ihm bekannt vor und auch der Gegenstand, den der Fremde in der Hand hielt, war ihm nicht unbekannt. Das Geräusch, das gleich darauf ertönte, ließ jedes schauspielerische Gehabe sofort von Friedrich abfallen. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dem Gebrüll seiner eigenen Kettensäge, die den Raum erzittern ließ. Friedrich riss die Augen auf und blickte entsetzt in ein rotes Augenpaar, bevor ihm mit seinem eigenen Werkzeug das rechte Bein abgetrennt wurde.

 

Kapitel 9

Franz hatte den Computer angeschaltet und wartete. Das einzige Licht in seinem Hotelzimmer stammte von einer Stehlampe, deren warmer Schein nur eine Ecke des Raumes mit warmem Licht erfüllte. Einer der Fälle, den er in seinem Buch beschrieben hatte, handelte von einem bisher noch nicht überführten Täter, der seine Opfer über das Internet kontaktierte. Es gab genügend Foren, in denen einsame, meist ältere Frauen einen Partner suchten.

Konopke hasste es, von etwas keine Ahnung zu haben, wenn er darüber zu berichten gedachte. Wenn mit einem Werkzeug ein Verbrechen begangen wurde musste man auch mit dessen Funktionsweise vertraut sein.

Aus diesem Grund hatte er sich bei der Kontaktbörse angemeldet, die auch der Mörder der vier Frauen bevorzugte. „Wenn du deinen Gegner verstehen willst, dann versetzte dich in sein Denken hinein.“ Im Gegensatz zu den üblichen Betrügereien, die in diesem Medium scheinbar Gang und Gäbe waren, hatte es diese Person nicht auf Geld abgesehen. Konopke war sich noch nicht einmal sicher, ob es sich wirklich um einen Mann handelte.

Die Polizei hatte die Chatprotokolle zum Teil sicherstellen können und ausgewertet. Entweder handelte es ich bei dem Gesprächspartner der Opfer um einen Mann, der sich fast schon unheimlich in die Gedanken- und Gefühlswelt der Frauen hineinversetzen konnte, oder um eine Frau, die sich als Mann ausgab. Es war erschreckend, was manche Frauen in diesem Medium preis gaben, wenn der Gesprächspartner erst einmal ihr Vertrauen gewonnen hatte.

Alle vier weiblichen Opfer waren mit einer dünnen Schnur erdrosselt worden. Dazu war so gut wie kein Kraftaufwand nötig. Das Besondere an dem Fall war, dass die toten Frauen hinterher rituell aufgebahrt wurden. Der Mörder hatte ihnen die Hände wie zum Gebet gefaltet. Jede von ihnen hielt eine einzelne rote Rose in der Hand, wie sie vielen normal Entschlafenen auch von ihren Familien in die Hände gedrückt wurden. Auch die Gesichtszüge wirkten auf den ersten Blick entspannt. Der Täter hatte sich alle Mühe gegeben, sie friedlich und glücklich erscheinen zu lassen.

Bis jetzt war die ermittelnde Polizei noch um keinen Deut weitergekommen. Die einzige Gemeinsamkeit schien darin zu bestehen, dass sie sich in dem gleichen Chatroom aufgehalten hatten. Allerdings besaß die ganze Sache einen Nebeneffekt, mit dem Konopke nicht gerechnet hatte. Während seiner Recherchen war er auf Maria gestoßen. Nicht er hatte sie, sondern sie ihn angeschrieben, nachdem er sich bei der Partnerbörse angemeldet hatte.

Auf seiner Profilseite hatte Franz Xaver die wahren Angaben zu seiner Person festgelegt, allerdings ohne zu erwähnen, dass er Polizist war. Einhundertzwanzig Kilogramm bei einer Körpergröße von hundertfünfundsiebzig Zentimetern hörte sich nicht unbedingt attraktiv an. Umso erstaunter war Konopke, dass sich Maria scheinbar nicht daran zu stören schien. Er hatte auch kein Bild hinterlegt und trotzdem hatte sie ihn angeschrieben.

Sie war ihren eigenen Angaben zufolge zwei Zentimeter größer als er und dabei noch rank und schlank. Ihren weiteren Angaben zufolge zählten neben dem Reisen, Humor und Einfühlungsvermögen noch ihre Hunde, die Jagd und ihr Beruf zu den Leidenschaften, die sie ausmachten.

Nach den ersten nichtssagenden Zeilen entwickelte sich der Dialog auf eine Weise die Konopke interessant fand. Dabei waren weder Romantik oder gar Liebe das Thema. Der Kriminalist Konopke konnte auch bei einem harmlosen Geplänkel im Internet nicht aus seiner Haut heraus. Die Schlussfolgerungen die er aus den wenigen Angaben zog um daraus auf die Persönlichkeit zu schließen, schien Maria zu faszinieren.

„Was denkst du denn, was für einen Menschen du vor dir hast“, fragte sie Konopke, der den leisen spöttischen Unterton aus den Worten herauslesen konnte. „Einen interessanten Menschen, der mich interessieren könnte“, schrieb er zurück. „Aha“, war die kurze Antwort Marias, die sich scheinbar auf eine relativ plumpe Anmache einzustellen schien. „Du bist eine Skeptikerin, was ich dir nicht verdenken kann, bei den Persönlichkeiten, die sich in diesem Forum tummeln.“ „Bist du auch einer der Männer, die sich hier ohne Grund aufhalten, weil ihnen langweilig ist, oder ein kleines Abenteuer suchen?“ Konopke grinste. Die Dame schien bereits genügend negative Erfahrungen gemacht zu haben.

„Nützt es dir etwas wenn ich dir antworte, dass ich halb beruflich hier bin?“ stellte er die Gegenfrage. „Das wäre eine völlig neue Anmache“, stellte sie amüsiert fest. „Aber erklären solltest du mir schon, was halb beruflich bedeutet.“ Konopke zögerte kurz. „Vielleicht später“, tippte er in den Computer. „Wenn ich sage, dass ich dich interessant finde, dann meine ich das wörtlich und auf dein Profil bezogen. Es gibt nicht unbedingt viele Frauen, die die Jagd als ihre Leidenschaft bezeichnen.“ „Ups, der Punkt geht an dich“, gab Maria zurück. „Die meisten Typen, die mich anschreiben überlesen dies meistens, oder reißen blöde Witze darüber.“

„Der Reiz des Unbekannten besteht für mich nicht in irgendwelchen Dates oder gar einer Partnersuche“, tippte Konopke zurück. „Was für einen Reiz meinst du dann?“ In diesem einen Satz erkannte Franz Xaver, dass Maria neugierig geworden war. „Ich versuche mir ein Bild über die Person zu machen mit der ich mich unterhalte. Betrachte es einfach als eine kleine Denksportaufgabe.“ „Soso, als Denksportaufgabe bezeichnest du mich also.“

Auch ohne eine Bildverbindung konnte Konopke spüren, wie breit Maria bei dieser Feststellung grinste. „Na schön, ich verbessere mich. Durch meine ausgeprägte Kombinationsgabe versuche ich, die Persönlichkeit hinter der Person ausfindig zu machen. Reines Interesse an dem Menschen selbst.“ „Du erstaunst mich, was liest du denn jetzt gerade über mich aus den Zeilen, die dir zur Verfügung stehen?“ Jetzt war Konopke in seinem Element. „Du hast eine gute Bildung oder Ausbildung genossen. Ich tippe auf einen Hochschulabschluss.“ „Wie kommst du denn darauf?“ erschien die Frage auf dem Bildschirm von Franz Xavers Computer.

„An mangelndem Selbstbewusstsein leidest du auf jeden Fall nicht, denn ansonsten hättest du nicht deinen Namen als Nickname benutzt. Die Zahl, die du angefügt hast, lässt auch keine Aufschlüsse über dein Geburtsjahr oder deinen Geburtstag zu. Trotzdem muss die Zahl für dich eine Bedeutung haben, denn sie sieht nicht zufällig gewählt aus. Logischerweise gibt auch deine Jagdleidenschaft Anlass zu weiteren Spekulationen. Eine Frau kommt in den allerseltesten Fällen zu einem solchen Hobby. Ich tippe, dass entweder zu siebzig Prozent dein Elternhaus den Anstoß gegeben hat die Jagd zu erlernen, oder mit einer Wahrscheinlichkeit von dreißig Prozent dein Ehemann, den du sicherlich irgendwann einmal gehabt hast.“ „Woher willst du wissen, dass ich schon einmal verheiratet war?“

Dieses Mal war kein Spott zwischen den Zeilen zu finden. „Reine Statistik“, erwiderte Konopke. „Rund fünfundachtzig Prozent der Frauen mit einem höheren Schulabschluss, oder einem Studium heiraten in einem Alter, das zwischen achtundzwanzig und sechsunddreißig Jahren liegt. Allerdings werden von diesen fünfundachtzig Prozent auch sechzig Prozent nach acht bis zehn Jahren wieder geschieden. Ich schätze also dein Lebensalter auf fünfundvierzig, plus minus zwei Jahre“

Konopke wartete auf eine Antwort, denn bis jetzt war der Dialog ohne längere Wartezeiten abgelaufen. „Hallo, bist du noch da?“ tippte er in den Computer, nachdem etliche Sekunden vergangen waren, ohne, dass sich auf seinem Bildschirm irgendetwas getan hatte. „Ja, ich bin noch da, mach weiter“, erfolgte auf seine Aufforderung hin prompt die Antwort. „Es scheint dir Spaß zu machen, wenn ich dich analysiere“, schrieb Konopke zurück. „Ob es mir Spaß macht weiß ich noch nicht, auf jeden Fall ist es interessant“, antworte Maria

„Kommen wir zu deinem Beruf, hm… Einfühlungsvermögen… das ist schwieriger. Einfühlungsvermögen wird in vielen Bereichen des Lebens gebraucht. Du könntest sowohl in der freien Wirtschaft tätig sein, was ich allerdings ausschließe.“ „Wieso schließt du die freie Wirtschaft aus?“, schrieb Maria dazwischen und unterbrach die Aufzählung von Konopke. „Ganz einfach. Wenn du mit Kunden im herkömmlichen Sinn zu tun hast, hättest du das Wort Verhandlungsgeschick gebraucht. Das wäre passender und ich denke, du bist eine Frau, die sich ganz genau überlegt, was sie sagt und vor allem was sie schreibt.“ „Gut erraten“, erfolgte die Antwort. „Ich tippe mehr auf den sozialen Bereich“, sinnierte Konopke weiter. „Ärztin? Nein, dazu bist du zu wenig frustriert. Obwohl, wenn du eine Ärztin wärst, garantiert eine eigene Praxis dein eigen nennen würdest.“ „Danke für dein Kompliment, aber eine Ärztin bin ich wirklich nicht.“ „Danke, aber eine Psychologin auch nicht.“ „Wieso nicht?“ „Weil ein Psychologe nicht einfühlsam sein muss, sondern einfach sein Programm abspult.“ „Wieder richtig geraten“, war Marias lapidare Antwort. „Irgendetwas sagt mir, dass du mit Kindern arbeitest“, schrieb Konopke weiter. Dieses Mal erfolgte keine Antwort. „Hallo, was ist? Macht dir meine Analyse keinen Spaß mehr?“

Gleich darauf sah Franz Xaver, dass Maria den Chatroom verlassen hatte. „Schade“ dachte er bei sich. Gerade jetzt, wo die Sache anfing ihm richtig Spaß zu machen. Nachdem sich niemand mehr meldete, schaltete er seufzend den Computer aus.

Als sich Konopke am nächsten Abend wieder einloggte, zeigte ihm ein blinkendes Zeichen, dass eine Mail auf ihn wartete. „Du hattest recht, ich arbeite mit Kindern. Von Beruf bin ich Ergotherapeutin. Auch, was deine anderen Vermutungen betrifft, hast du ins Schwarze getroffen, in allen Punkten. Gruß Maria. P.S. Wenn du wieder online bist, würde ich mich gerne weiter mit dir unterhalten.“

Seit dieser ersten Begegnung vor etwa einem halben Jahr, war der abendliche Chat mit Maria der Höhepunkt in Franz Xavers Tagesablauf. Es war schwer Konopkes Vertrauen zu gewinnen, aber Maria hatte es in dieser relativ kurzen Zeit geschafft, dass er ihr mehr anvertraute, als irgendeinem anderen Menschen. Er schätzte ihre Offenheit, aber noch mehr die Eigenschaft, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Endlich erschien auf Konopkes Desktop der Hinweis, dass sie online war. „Na Franz, wie ist dein Tag gelaufen?“ erschienen die ersten Worte auf dem Monitor. „Nicht gut, es gibt einen weiteren Toten“, schrieb Konopke zurück. „Scheiße.“ Kurz und knapp gab Maria wieder, was Franz Xaver dachte. „Habt ihr wenigstens schon einen Anhaltspunkt, wer oder was es gewesen sein könnte?“ „Noch nicht, aber ich habe morgen früh ein Treffen mit einem Mann, der mir eventuell weiterhelfen kann, zumindest, was die alten Morde betrifft.“ „Du meinst das, was im Jahr 1692 geschehen ist?“

Genau das war es, was Maria ausmachte. Sie hörte nicht einfach nur zu, sie nahm alles was Franz Xaver sagte in sich auf und legte es in ihrem Gedächtnis ab. Eine Eigenschaft von Maria, welche Franz sehr schätzte. „Genau das meinte ich, ich hoffe, dass ich noch ein paar Details erfahre, denn ich bin fest davon überzeugt, dass der Schlüssel des Ganzen in der Vergangenheit zu suchen ist.“ „Mir ist die Gegenwart lieber und am liebsten wäre mir deine Gegenwart, hier bei mir.“

Konopkes Magen zog sich zusammen. Sie waren wieder einmal bei dem Thema angelangt, das ihm fast schon körperliche Schmerzen verursachte. In letzter Zeit drängte Maria immer stärker darauf, ihn persönlich kennenzulernen. Es gab so gut wie nichts, was Franz Xaver wirklich Angst bereitete, aber er war aber realistisch genug um zu wissen, dass er einer Frau, wie Maria, nicht das bieten konnte, was sie seiner Meinung nach verdiente.

Er scheute davor zurück ihr zu begegnen. In Gedanken malte er sich ihr Erschrecken aus, wenn er, wie eine Tonne, auf sie zuging. Er sah ihren mitleidigen Blick und wie sie sich von ihm zurückzog. Geld besaß er nicht im Überfluss und einen besonders hohen sozialen Status ebenso wenig. Warum also sollte sich eine Frau wie Maria, weiterhin mit ihm abgeben, nachdem sie ihn persönlich kennengelernt hatte? Er genoss den Gedankenaustausch mit ihr und wollte nicht riskieren, dass sie die Verbindung zu ihr abbrach. Schon seit längerem hatte er sich gefragt, ob man sich in einen Menschen verlieben konnte, ohne ihn je gesehen zu haben.

„Habe ich dich wieder einmal mit meiner Bitte erschreckt, mein Bester?“ „Keine Angst, ich will dich nicht gleich in mein Lotterbett zerren, um dir deine Jungfräulichkeit zu nehmen.“ Wieder zuckte Franz Xaver zusammen. Noch so ein Thema, was ihm unangenehm war. Seit er denken konnte, war er dick. Mädchen kicherten, wenn sie ihn sahen und letztendlich hatte sich Franz damit abgefunden sein Leben alleine zu verbringen. So ganz unrecht hatte sie mit dem Begriff Jungfräulichkeit nicht.

„Nein“, gab er zurück. „Du hast mich nicht erschreckt, aber lass uns mit der persönlichen Begegnung noch ein wenig warten, bis ich weniger im Stress bin.“ Er hasst sich selbst für diese Ausrede. Bisher waren sie vollkommen offen und ehrlich miteinander umgegangen und er wusste, dass Maria seine faule Ausrede sofort durchschauen würde. „Wie du meinst, sei mir nicht böse, aber ich erwarte noch Besuch und mache Schluss für heute. Halt mich bitte auf dem Laufenden, was deinen Fall betrifft. Wir sehen uns Morgen, ja?“ Konopke nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte. Dann erst tippte er seine Antwort in den Computer. „Ich werde morgen Abend wieder hier sein und auf dich warten.“ Nach ein paar Sekunden schrieb er noch dazu, „Es ist schön, dass es dich gibt, pass auf dich auf.“ „Dich auch“ tippte Maria zurück. „Und du auf dich, bis Morgen.“ Konopke schaltete den Computer aus. Er war gespannt, was der Hockenheimer Heimatforscher ihm am nächsten Tag zu berichten hatte.

 

Kapitel 10

Christian saß auf der Mauer, die am Kraichbach entlangführte. Neben der Zollstation war das Gewässer eine weitere Einnahmequelle der Bewohner. Der Kurfürst hatte in der Nähe des sogenannten Herrenteichs einen kleinen künstlichen See angelegt, der den Hof mit fangfrischen Fischen versorgte. Der Zu- und Ablauf war mit Reisigstangen gesichert, um die Fische am Entkommen zu hindern. Was die adeligen Herrschaften nicht wussten war, dass die Dorfbewohner einige der Stangen entfernt hatten, um es den Grätentieren zu ermöglichen flussaufwärts in die Kraich zu schwimmen. Damit stellten sie eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan der Dorfbewohner dar.

Natürlich war auch der Rhein in der Nähe, dort aber die ansässigen Fischer hatten sich gegen entsprechende Abgaben die Fischereirechte gesichert und ließen es nicht zu, dass die Hockenheimer sich aus den dortigen Gewässern bedienten.

Kurz nachdem er aus dem Koma erwacht war, erschien Bodo von Birkenfeld an seinem Krankenbett. Er ließ Christian keine Zeit, um sich zu erholen. „Was ist geschehen, erzähle mir alles, was du weißt“, forderte er den Verletzten barsch auf. Man sah ihm an, dass er keine Zeit vergeuden wollte. „Herr, das einzige, an was ich mich erinnere, sind glühend rote Augen und eine riesige Gestalt, die auf mich zugestürzt ist.“ „Weiter, das kann nicht alles sein.“ Von Birkenfeld wippte ungeduldig mit dem Fuß. „Ich weiß nur noch, dass ich den Teufel…, dass ich das Ding mit meiner Pike angegriffen habe und der Widerstand sie mir aus der Hand gerissen hat.“

„Zumindest hat das Ding einen Körper“, murmelte von Birkenfeld vor sich hin. „Rede, ich muss wissen, was geschehen ist, jede noch so unwichtige Kleinigkeit.“ Man konnte Christian ansehen, dass er auf der einen Seite bemüht war, sich das Geschehnis ins Gedächtnis zu rufen, aber auf der anderen Seite gar nicht daran erinnert werden wollte. „Los jetzt, ich habe nicht ewig Zeit“, drängte der Adlige. „Ich habe nicht den Arzt aus Heidelberg kommen lassen, um einen einfachen Bauern am Leben zu erhalten. Ich erwarte von dir Informationen und Dankbarkeit, in genau dieser Reihenfolge.“

„Ich bin hinter den Anderen zurückgefallen, weil ich an diesem Tag Durchfall hatte. Außerdem hatte ich keine Fackel dabei und orientierte mich an dem Neumond der durch die Bäume hindurch zu sehen war, als ich das Geräusch hörte.“ „Was für ein Geräusch?“ hakte Bodo von Birkenfeld sofort nach. „Es hörte sich grauenhaft an. Ein Schmatzen und Knacken, das von einem Brummen und Fauchen begleitet war, wie ich es noch nie zuvor gehört habe.“ Bodo von Birkenfeld schaute nachdenklich zu Christian herab, der nach wie vor nicht in der Lage war aufzustehen.  Die Verwundung war so schwer dass eine schnelle Genesung ausgeschlossen war.

„Das muss der Ort gewesen sein, an dem die Männer, die dich und die Leiche deines Freundes, dem Schmied, gefunden haben. Die Geräusche, die du gehört hast, sind wahrscheinlich dadurch entstanden, dass dieses Ding ihn gerade aufgefressen hat.“ Christian erschauerte. Alleine der Gedanke daran, dass er Zeuge geworden war, wie Johannes zerfleischt wurde, ließ ihn würgen.

„Was kannst du mir noch berichten?“ Birkenfeld ließ nicht locker. „Nichts, mehr Herr. Außer, dass ich solche Wesen noch nie zuvor….“ „Halt“, wie eine Peitsche unterbrach die Stimme des Adligen die Ausführungen von Christian. „Wieso sprichst du in der Mehrzahl?“ Dieser riss die Augen auf, denn erst in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er es nicht nur mit einer einzelnen Kreatur zu tun gehabt hatte.

Er fuhr trotz seines geschwächten Zustands von seinem Lager hoch wie eine gespannte Feder, als ihm schlagartig klar wurde, wie wichtig seine Bemerkung war. „Nein, Herr, es waren zwei dieser… dieser Dinger. Das eine mit den roten Augen hatte die Figur eines Menschen und das andere war hoch und so breit wie ein Berg. Es muss mich um mindestens eine Manneslänge überragt haben.“

„Gibt es noch etwas, das dir aufgefallen ist? Versuche dich noch einmal in die Situation hineinzuversetzen, es ist wichtig, dass ich alles erfahre, was du weißt.“ Die Stimme von Birkenfeld war drängend und seine Augen sorgenvoll. Christians Atem ging keuchend. Die Erinnerung ließ sein Herz automatisch schneller schlagen und Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

„Der Geruch, Herr, ein ganz übler Geruch ging von dem… Vieh aus. Es roch nach…“, wieder überlegte der Verwundete einen Moment, um das richtige Wort zu finden. „Es roch nach Tod. Tod und Verwesung, wie ich es auch schon auf dem Schlachtfeld gerochen habe. Allerdings noch in einer solchen Stärke und Konzentration, aber mehr weiß ich wirklich nicht.“

Bodo von Birkenfeld holte tief Luft und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Gut gemacht Bauer, wirklich gut gemacht. Das, was ich erfahren habe, ist mehr als ich zu hoffen wagte. Sollte dir noch etwas einfallen, dann zögere nicht, mich rufen zu lassen.“ Mit Verlaub, Herr, aber was gedenkt ihr wegen dieser Kreaturen zu unternehmen?“ Mit einem Schlag wurde von Birkenfeld wieder so kühl, wie zuvor. „Nichts, Bauer. Es war ein Wolfsrudel, das durch den Wald gezogen ist und unglücklicherweise zwei Wanderer und fünf Dorfbewohner getötet hat.“

Ungläubig sah Christian den Adligen an. „Aber….“ „Nichts aber. Das Rudel ist weitergewandert und wird die Reisenden auf der Poststraße nicht mehr belästigen. Von dir erwarte ich, dass du das, was ich eben gesagt habe bestätigst, wenn du gefragt wirst. Alles andere entsprang nur deiner fiebrigen Fantasie, als du auf Leben und Tod darniederlagst“

Ohne Christian noch eines Blickes zu würdigen, verließ von Birkenfeld die ärmliche Hütte. Christian wurde aus seinen Gedanken gerissen, als der Bader in der Eingangstür stand. „Na wie geht es meinem Patienten heute?“ fragte er gutgelaunt und drosch Christian mit der Hand auf die Schulter. Der stöhnte unter dem Hieb, den die Pranken ihm versetzt hatten, kurz auf. „Solange du nicht vorhast mich zu erschlagen, geht es mir gut“, grinste er zurück und rieb sich die Stelle, an der ihn der Bader getroffen hatte.

„Seit wann verhältst du dich wie ein Weib, wenn man dir einen freundschaftlichen Klaps versetzt?“ Wart nur ab, bis ich meine Muskeln wieder etwas aufgebaut habe, dann kommt garantiert die Retour“, warnte er den Bader lachend. „Ich kann es kaum erwarten dich wieder völlig hergestellt zu sehen. Dann werde ich die Rechnung für meine Dienste stellen und du kannst mir glauben, die wird happig.“

Entsetzt sah Christian den Bader an. Er hatte noch gar nicht daran gedacht, dass dieser sein Brot mit seiner Heiler-Tätigkeit verdiente und natürlich auch entlohnt werden musste. Als dieser den Blick Christians sah, lachte er laut auf, was wie ein rollendes Fass klang. „Keine Angst, die Rechnung wurde bereits vom kurfürstlichen Hof beglichen und ich habe sehr gut daran verdient. Sogar so gut, dass ich dich nachher ins Wirtshaus einladen kann. Ich denke, ein Humpen Wein wird deiner Gesundheit förderlich sein.“

Der Bader sah, wie sich das Gesicht seines Gegenübers entspannte. Er wusste nur zu gut, dass der Mann jetzt schon Schwierigkeiten haben würde seine Familie über den Winter zu bekommen, nachdem er wegen der Verletzung bis jetzt noch nicht arbeitsfähig war. Schlagartig wurde die Miene Christians dunkel vor Sorge. „Jetzt wo Johannes tot ist, weiß ich sowieso nicht, wie ich unser Brot verdienen soll. Ich habe die Schreinerarbeiten für die Durchreisenden erledigt aber er war für die Beschläge und sonstigen Arbeiten mit Metall zuständig. Was nützt es wenn ich gebrochene Speichen repariere und das Rad anschließend nicht mit dem Eisenreif beschlagen werden kann. Meine Welt ist das Holz, mit dem Blasebalg kenne ich mich nicht aus. Er fehlt mir nicht nur als Freund, sondern auch als Partner.“

Der Bader grinste breit vor sich hin. „Das habe ich ganz vergessen dir zu erzählen. Wir werden in nächster Zeit einen neuen Schmied bekommen und der hat sich auch schon erkundigt, wann du wieder arbeiten kannst. Er will die Zusammenarbeit die du mit Johannes hattest fortsetzen.“ In Christians Miene spiegelte sich zunächst ein Wechselbad der Gefühle wieder. Aber die Erleichterung darüber, dass zumindest sein karges Einkommen gesichert sein würde, ließ ihn gleich darauf strahlen. „Garantiert hast du hier auch wieder deine Hand im Spiel, Bader“, frotzelte er und knuff ihm seinen Ellbogen in die Seite, so, dass dieses Mal der Bader aufstöhnte. „Kann sein, dass ich ein wenig bei seiner Entscheidung, mit dir zusammenzuarbeiten, mitgeholfen habe“, gab er zu. „Aber ich weiß was unser Dorf braucht. Ohne Schreiner und Schmied geht es nicht. Deshalb hatte es relativ wenig mit mir zu tun.“

Vor den Bergen vor denen Heidelberg lag braute sich ein Gewitter zusammen. Dunkle Wolken ballten sich auf und zogen langsam in Richtung Hockenheim. Das erste dumpfe Grollen war bereits zu hören und auch vereinzelte Blitze waren schon zu sehen. Fluchend zerquetschte der Bader eine Stechmücke, die sich auf seiner Wange niedergelassen hatte. „Verdammte Viecher. Die spüren auch, dass sich etwas zusammenbraut und sind noch aggressiver als sonst.“ „Solange es nur Schnaken sind, an die Viecher gewöhnt man sich“ erwiderte Christian. Sein Blick wanderte in Richtung des Waldrandes. An etwas anders gewöhnte man sich allerdings nicht. Der Himmel verdunkelte sich fast schlagartig und ein heftiger Wind kam auf. Die Frauen rissen laut zeternd die Wäsche von den Leinen und auf den Gassen war gleich darauf keine Menschenseele mehr zu sehen. Wie ein schlechtes Omen tobte sich das Unwetter über dem kleinen Ort aus und instinktiv wusste Christian, dass die Sache noch nicht ausgestanden war.

 

Kapitel 11

Da die beiden BKA-Beamten heute ihren Vorgesetzten Bericht erstatten mussten, fuhr Franz Xaver Konopke mit einem normalen Streifenwagen und zwei Polizeibeamten des Mannheimer Präsidiums nach Hockenheim. Er erhoffte sich von dem Treffen mit dem Heimatforscher Jochen Beisel weitere Hinweise zu den Todesfällen aus dem Jahre 1692.

Sofort, nachdem er den Wunsch nach einem Dienstwagen geäußert hatte, standen die beiden Streifenbeamten für ihn bereit. Die beiden waren drahtig, jung und durchtrainiert. Sie grinsten als Konopke seine Massen auf die hintere Sitzbank des Fahrzeugs hievte, hielten sich aber mit Kommentaren zurück. Alleine die Tatsache, dass ein Berater des hiesigen Kommissariats nur einen Wunsch zu äußern brauchte und dieser von ihrem Chef sofort erfüllt wurde, gab ihnen zu denken. Es wäre unklug gewesen über den „Gast“ eine abfällige Bemerkung zu machen, wenn ihnen anschließend ihr Chef den Kopf abreißen würde.

„Wohin soll denn die Reise gehen“, fragte der Fahrer aufgeräumt. Ein kleiner Ausflug ohne Verpflichtungen war nicht schlecht. Man konnte nicht sagen, dass ihr täglicher Dienst langweilig war, in der Gegend von Mannheim, in dem sie eingesetzt waren schon gar nicht. Deshalb war ein wenig gepflegte Langeweile während man den Fahrgast ablieferte und anschließend wieder einlud nicht zu verachten.

Sie befanden sich gerade auf der Ausfallstraße zur B36, als das Funkgerät anfing zu Quäken. „Code 021 und 231 in der Meerfeldstraße. Zwei Kollegen sind schon vor Ort, erbitten aber dringend Verstärkung.“ Der Fahrer fluchte leise vor sich hin, als er das Blaulicht und das Martinshorn einschaltete und mit quietschenden Reifen wendete. „Entschuldigung, Herr Kollege, awwer mir misse bevor mir sie abliffere erscht emol zu nem Banküwwerfall“, rief der Kollege des Fahrers in breitestem Mannheimer Dialekt Konopke zu, während er sich krampfhaft festhielt, nachdem der Streifenwagen eine Kurve etwas zu schnell genommen hatte und über den Bordstein rumpelte. „Jo mei, dös mocht nix, dann fahrts halt emoal, i hab noach a bisserl Zeit“ gab Konopke in genau so breitem Bayrisch zurück.

Der Fahrer zuckte irritiert zusammen. „Ich komme aus Hannover meine Herren. Es wäre schön, wenn ihr beide in einer Sprache reden würdet, die ich auch verstehe.“ Der Beifahrer grinste so breit, dass Konopke Angst hatte, die Mundwinkel würden gleich die Ohren treffen. „Mein Kumpel Alex macht jetzt bereits seit drei Jahren Dienst in unserer schönen Stadt, aber manchmal fühlt er sich mit dem kurpfälzer Sprache etwas überfordert. Deshalb hat unser Chef auch mich an seine Seite gestellt, damit er sich langsam aber sicher in unserer Kulturhochburg eingewöhnt. Wissen sie, so ab und an adoptieren wir auch mal einen Auswärtigen, damit er später vielleicht in den Busch, äh ich meinte nach Hannover zurückkehren kann, um dort Missionsarbeit zu leisten.“

Konopke hielt sich den Bauch vor Lachen. Der Mannheimer Streifenpolizist gefiel ihm auf Anhieb. Auch der Fahrer lächelte leicht, fühlte sich also von den Worten nicht getroffen. „Umgekehrt wird ein Schuh draus. Man muss diesem Pack endlich beibringen, wie man sich artikuliert und gepflegt spricht. So kann man sie ja nicht auf die übrige Menschheit loslassen.“

Das Martinshorn sorgte dafür, dass der fließende Verkehr auf die Seite wich und sie schnell vorankamen. Der Fahrer bremste, dass Konopke, wenn er nicht angeschnallt gewesen wäre, garantiert mit dem Kopf die Frontscheibe aus den Fugen gerissen hätte. Er hatte sowieso Glück, dass ihm der Gurt passte. „Ich muss aufpassen“, dachte er bei sich. „Noch drei Zentimeter mehr Bauchumfang und das fahren mit einem Auto war vorbei. Er musste beim angurten jetzt schon die Luft anhalten, aber zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel hatte er gar keine Lust.

„Sie warten schön brav im Auto“, forderte ihn der eine Polizist auf. „Ich habe keine Lust unserem Chief zu erklären, warum man unserem Mitfahrer die Rübe weggeballert hat.“ „Geht nicht, meine Herren“, erwiderte Konopke knapp. „Wie ich vorhin klar und deutlich gehört habe, hat unser Bankräuber Geiseln genommen und im exakt in diesem Bereich habe ich erst kürzlich eine ganz spezielle Ausbildung erhalten.“ Innerlich grinste Franz Xaver, als er an das Gesicht von Ausbilder Breitenesser dachte.

Beide Polizisten blickten Konopke skeptisch an. „Meinetwegen, soll er mitkommen, aber auf eigene Gefahr“, ließ sich der Mannheimer vernehmen. „Aber ich weise sie ausdrücklich darauf hin, dass wir sie aufgefordert haben, im Wagen zu bleiben und wir keinerlei Garantien für ihr Leben und ihre Gesundheit übernehmen“, ergänzte sein Kollege den Satz. „Für den Bericht: Ich stelle hiermit ausdrücklich fest, dass ich auf die Risiken aufmerksam gemacht worden bin und bei dem Einsatz billigend in Kauf nehme. Ich handle auf ausdrücklichen eigenen Wunsch und als ausgebildeter Beamter für Geiselbefreiungen.“

Immer noch nicht ganz überzeugt nickten die beiden Polizisten und Konopke stieg mit ihnen zusammen aus. Geduckt liefen die drei zum Wagen der bereits eingetroffenen Kollegen. „Was ist los da drinnen?“ Der Hannoveraner deutete auf die Bank. „Wir haben Nachricht aus dem Innern des Gebäudes erhalten. Scheinbar vom Filialleiter selbst, der sich anfangs noch versteckt halten konnte. Ein Bankräuber und vier Geiseln, wobei drei zu den Angestellten gehören. Eine Person ist verletzt, allerdings wissen wir nicht, wie leicht oder schwer. Der Geiselnehmer ist bewaffnet, allerdings sollen bis jetzt keine Schüsse gefallen sein.“ Konopke atmete auf. Es war immer gut, wenn ein Bewaffneter auf seine Knarre verzichtete und anderweitig versuchte zum Erfolg zu kommen.

„Wie sieht es aus, habt ihr bereits das SEK informiert?“ fragte Konopke. Es war Vorschrift, dass bei einer Geiselnahme die Spezialisten eingeschaltet wurden. Die Aufgabe der normalen Beamten bestand darin, den Tatort abzusichern und zu verhindern, dass Personen hinein- oder heraus gelangen konnten. Das mochte sich paradox anhören, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ein Angehöriger der Geiseln, oder ein Reporter versucht hätte, in ein besetztes Gebäude zu gelangen.

Mittlerweile trafen immer mehr Polizeifahrzeuge ein. Die Beamten sprangen heraus und sicherten die Straße und die Hauseingänge ab, so dass Unbeteiligte nicht mehr auf das Areal gelangen konnten. Ein weiteres Augenmerk gehörte den Fenstern der umliegenden Häuser. Wie immer waren ein paar neugierige Nasen zu sehen, die ihre Köpfe herausstreckten, um ja nichts zu verpassen. Ein paar derbe Worte durch das Megaphon sorgten allerdings dafür, dass bald darauf die Häuserfront einer Geisterstadt glich.

„Verdammt nochmal, wir wissen immer noch nicht wie es der Geisel geht und wo zum Teufel bleibt das Sondereinsatzkommando?“ fluchte der Mannheimer Kollege. Man merkte den beteiligten Polizisten an, dass sie froh gewesen wären, wenn sie die Verantwortung so schnell wie möglich an übergeordnete Stellen hätten abgeben können. Gleich darauf traf ihr Vorgesetzter ein und ließ sich über die Lage informieren. Im Gegensatz zu den Streifenpolizisten war er über die beratende Tätigkeit von Konopke informiert.

„Rotbrenner ist mein Name. Sie sind also einer der Spezialisten, die den Mord unseres Kameraden und den anderen beiden Toten aufklären soll“, begrüßte er Franz Xaver und schüttelte ihm die Hand. „Wir waren gerade dabei in der Angelegenheit eine Befragung durchzuführen, als die Streife hierher beordert wurde, die mich nach Hockenheim bringen sollte“, grinste Konopke zurück. „Eine vertrackte Situation. Eine verletzte Geisel und das SEK kann nicht früher als in wenigstens einer dreiviertel Stunde hier vor Ort sein.

Konopke passte die Situation ganz und gar nicht. Jochen Beisel würde nicht ewig auf ihn warten und es war fraglich, ob sie sich einen vertanen Tag leisten konnten, solange die Bestie noch frei herum lief. Etliche Hundertschaften hatten das Gelände um den Fundort der Leichen durchkämmt, waren aber nicht fündig geworden. Nicht die geringste Spur, die einen Aufschluss darüber geben konnte, wo sie umgebracht worden waren.

„Herr Rotbrenner, wenn wir weiterhin warten, bis unsere Spezialisten eintreffen, kann es entweder für die verletzte Geisel zu spät sein, oder der Bankräuber dreht durch und knallt alles über den Haufen, was nicht schnell genug in Deckung geht“, gab Konopke seinem Kollegen zu bedenken. „Was sollen wir ihrer Meinung nach tun? Einfach rein marschieren und mal kurz Hallo sagen? Nein Konopke, wir warten bis das SEK eintrifft.“

Im gleichen Moment öffnete sich die Milchglastür der Bank einen kleinen Spalt und ein Kopf wurde sichtbar. „Nicht schießen, ich bin der Leiter der hiesigen Bankfiliale“, ertönte eine Stimme, die vor Angst bebte. „Wir benötigen Verbandszeug weil eine unserer Mitarbeiterinnen stark blutet. Wir können es auch nicht stoppen, weil sie aus gesundheitlichen Gründen blutverdünnende Medikamente nehmen muss. Außerdem verlangt der Herr, der uns hier festhält, ein Fluchtfahrzeug und am Flugplatz soll ein Helikopter für ihn bereitgestellt werden.“

So schnell, wie der Kopf in der Tür erschienen war, verschwand er auch wieder. „Wie langweilig“, gähnte Konopke und hielt sich dabei noch nicht einmal die Hand vor den Mund. „Immer das gleiche, was die Kerle verlangen.“ Konopke ahmte den Filialleiter nach. „Ein Fluchtauto und ein Helikopter, manchmal auch ein ganzes Flugzeug, vollgetankt und mit Piloten. Können sich die Kerle nicht einmal etwas Ausgefalleneres ausdenken?“ „Und das wäre?“ fragte Rotbrenner zurück. „Ein Pferd fände ich toll und anschließend ein U-Boot oder etwas Ähnliches. Die Kerle schauen alle zu viele Krimis.“

„Humor haben sie wenigstens, aber uns läuft die Zeit davon“, erwiderte Rotbrenner. „Ich bin in dem Bereich Geiselbefreiung ausgebildet, lassen sie mich wenigstens mit dem Bankräuber verhandeln“, bat Konopke „Das geht nicht, sie sind quasi als Privatperson hier“, warf Rotbrenner ein. „Aber dem BKA unterstellt und damit aktiv im Dienst. Amtshilfe nennt man das im Beamtenjargon.“ „Ich weiß genau, was sie meinen, aber haben sie auch die geringste Vorstellung davon, was geschieht, wenn sie auch nur einen Kratzer davontragen? Die versetzen mich nicht nur in den Streifendienst zurück, die lassen mich anschließend noch das Revier fegen.“

„Eigentlich kann es ihnen Wurscht sein, wer sie fertig macht. Wenn es nicht ihre Vorgesetzten sind, dann eben die Presse, die ihnen vorwerfen wird, nicht gehandelt zu haben und deshalb eine Geisel verblutet ist.“ Rotbrenner seufzte. „Habe ich eine Alternative zu ihnen?“ „Nein“, antwortete Franz Xaver knapp. In sein Schicksal ergeben nickte Konopkes Gegenüber.

„Gehen sie nach hinten zu den Einsatzwagen und lassen sie sich eine kugelsichere Weste geben. Besser ein kleiner Schutz als gar keiner.“ Wieder seufzte Konopke tief. „Haben sie zufällig auch die berittene Polizei vor Ort?“ Man sah Rotbrenner an, dass er nicht wusste, auf was Franz Xaver hinauswollte. Konopke schnaufte zornig. „Mann, schauen sie mich doch einmal an. Meinen sie im Ernst mir passt eine ihrer 08/15 Westen? Wenn es die Dinger für Polizeipferde gibt, habe ich vielleicht eine Chance, dass mein Bauch verdeckt wird, ansonsten muss es auch so gehen.“

Konopke drehte sich um, ohne die Antwort Rotbrenners abzuwarten. Er wusste, dass er dem einsatzführenden Kollegen keine Möglichkeit geben durfte nachzudenken, ansonsten hätte der ihm garantiert verboten, dieses Risiko einzugehen. Mit den Händen in den Hosentaschen ging er auf die Bank zu, als wenn er auf dem Weg zu einem Cafe oder Supermarkt wäre. Er musste sich beherrschen, nicht noch eine Melodie dabei zu pfeifen.

Etwa drei Meter vor dem Bankgebäude öffnete sich plötzlich mit einem Ruck wieder die Eingangstür und eine gutturale Stimme mit südländischem Akzent dröhnte ihm entgegen. „Spinnst du Alder, komm noch näher un isch mach disch platt du Arsch.“ Alleine schon die Tatsache, dass er bis kurz vor die Tür gekommen war, zeigte Konopke, dass der Geiselnehmer etwas länger brauchte, um gewisse Geschehnisse zu erfassen, was seine Laune sofort wieder steigen ließ.

Provozierend machte er noch einen Schritt auf die Bank zu, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Sofort ertönte wieder die Stimme. „He du fette Quarktasche, du. Isch hab gesacht, bleib, wo du bischt, sonst ich leg alle um.“ Die Töne waren etliche Oktaven höher und die Panik darin war unschwer zu überhören. Provozierend mit gespreizten Beinen stand er vor der Tür und grinste vor sich hin. „Was guckst du so blöd, du dummes Bullenschwein? Willscht du, dass isch dich umlege?“ kreischte die Stimme hinter der Tür. Konopke machte noch einen Schritt auf die Tür zu. „Bleib stehn, isch mach dich platt, isch schwörs.“

Neben der Panik war ein Schluchzen zu hören. Der Geiselnehmer war sichtlich mit seinen Nerven am Ende. Bis jetzt hatte Konopke noch nicht ein Wort gesprochen. In aller Seelenruhe fischte er ein Bonbon aus der Tasche, das er umständlich aufwickelte und sich in den Mund steckte. „Red mit mir, du dickes Bullenschwein“, schrillte die Stimme und der Lauf einer Waffe wurde sichtbar, die durch den Spalt der Tür geschoben wurde. Darauf hatte Franz Xaver nur gewartet. Wäre das SEK vor Ort gewesen, wäre der Geiselnehmer bereits ein gefundenes Fressen für die Scharfschützen geworden.

Konopke ließ das Bonbon sichtlich gelangweilt von einer Backe zur anderen wandern und steckte die Hände wieder in die Hosentaschen. „Kannst du mir sagen, warum ich mit einem Toten reden soll?“, gab er nuschelnd von sich. „Isch bin nicht tot, du Arsch, isch leb doch“ Konopke zog eine Hand aus der Tasche und drohte dem Unbekannten lächelnd, aber warnend mit dem Zeigefinger. „Wenn du noch einmal Arsch oder Bullenschwein zu mir sagst, lass ich dich abknallen, du dummer kleiner Wichser.“ Sag noch einmal dummer Wichser un isch mach disch werklisch platt, du…“

Konopke nickte anerkennend. „Gut, du hast es kapiert. Dieses Mal war kein Schimpfwort dabei. Vielleicht bist du doch keine Leiche, zumindest so lange, wie du keine Schimpfwörter mir gegenüber gebrauchst. Also…. brav sein, oder ich sorge dafür, dass man dich platt macht und damit meine ich mausetot platt.“

Die Verunsicherung des Geiselnehmers war deutlich spürbar. Nach einer kurzen Pause ertönte wieder die Stimme. „Du kannst misch net abknalle, du hascht keine Pischtole.“ Konopke schnaufte sichtlich gereizt. „Sag mal, bist du so bescheuert oder tust du nur so. Warum sollte ich dich erschießen, wenn zwanzig Scharfschützen auf dich zielen? Es reicht doch, dass ich ihnen das Zeichen gebe, oder wenn du versuchst dich wieder zurückzuziehen. Lass die Knarre also schön da, wo wir alle sie sehen können, sonst hörst du noch nicht einmal die Schüsse, wenn deine Rübe vom Hals gepustet wird.“

Die Hand, die die Pistole hielt, fing von einem zum anderen Moment an zu zittern. Wenn die Stimmlage des Geiselnehmers vorher schon schrill gewesen war, dann überschlug sie sich jetzt. „Wo sinne die Scharfschütze? Sag de Scharfschütze, dass isch disch mitnehm, wenn die schieße.“ Mit gespieltem Zorn schnaubte Konopke durch die Nase. „Sag mal, geht’s noch? Du bist ja noch dümmer, als ich dachte. Die freuen sich doch, wenn du mich abknallst. Wieder eine Pension weniger, die der deutsche Staat zahlen muss. Die sparen doch eh schon an allen Ecken und Enden. Anschließend noch ne Kugel für dich und schon hat man die Gefängniskosten gespart. Meinst du ich habe Angst vor deinem dämlichen kleinen Spielzeug?“ „Woher weißt du, dass…?“

Jetzt machte die Sache Konopke richtig Spaß. Er musste sich beherrschen um nicht zu kichern, weil der Geiselnehmer sich verplappert hatte. „…woher ich weiß, dass deine Knarre ein Spielzeug ist? Na das sieht doch jedes Kind.“ Konopke wurde sichtlich ungeduldig und schaute auf seine Uhr. Ohne seine Stimme zu erheben sprach er weiter, als wenn er dem Gangster mitteilen würde, dass die Sonne scheint.

„Ich habe jetzt keine Zeit mehr, erstens habe ich Hunger und zweitens noch einen Termin. Am besten ich lasse dich jetzt erschießen, dann ist die Sache erledigt und ich komme endlich zu meinem Mittagessen. Soll ich deinen Verwandten noch einen Gruß von dir bestellen, bevor ich den Scharfschützen das Zeichen gebe?“

Mit einem Schreckensschrei fiel die Pistole auf den Asphalt des Gehsteigs und gleich darauf erschien eine dunkel gekleidete Gestalt, die sich auf den Boden warf. „Sag den Scharfschützen, isch geb auf“, schrillte die Stimme unter der Sturmhaube. Von allen Seiten kamen Polizisten angerannt, die den Geiselnehmer auf dem Boden festhielten, während ihm Handschellen angelegt wurden. Gleichzeitig stürmten Rettungskräfte in den Schalterraum, nachdem dieser von der Polizei gesichert worden war. Wie sich herausstellte, war die verletzte Geisel ausgerutscht und hatte sich dabei an der Schaltertheke den Kopf gestoßen.

Freudestrahlend stürmte Rotbrenner auf Konopke zu und umarmte ihn, was bei dessen Körperfülle an sich schon fast ein Ding der Unmöglichkeit war. „Mensch Konopke, ich weiß nicht, wie sie das gemacht haben, aber, dass sie es innerhalb von vier Minuten geschafft haben den Bankräuber zur Aufgabe zu bewegen ist ein neuer Rekord. Sie müssen mir sagen, wie sie dieses Wunder vollbracht haben.“ Konopke grinste. „Später, Herr Rotbrenner, später. Zuerst habe ich noch eine Verabredung, die ich einhalten muss.

 

Kapitel 12

Friedrich Schuckele erwachte in völliger Dunkelheit. Ihm war kalt und er hatte einen höllischen Durst, der ihn fast umbrachte. Wie viel Uhr war es eigentlich? In seinem benebelten Gehirn schossen die Gedanken wirr durcheinander. Er hatte geträumt, von irgendwelchen Untieren verfolgt worden zu sein, während er sich in einer gallertartigen Masse bewegte, die ein Fortkommen fast unmöglich machte.

Hinter sich hörte er das Geifern der Fratzen, die ihn verfolgten und dabei näher kamen. Als das Fauchen und Brüllen ihn fast erreicht hatte wusste Schuckele dass er die Klauen der Verfolger, die mit messerscharfen Krallen versehen waren, gleich spüren würde. Als ihn das erste der Monster berührte wachte er endlich auf. Der Traum war so real gewesen, dass Friedrich in Schweiß gebadet war und sein Herz in einem wahren Trommelwirbel raste. Er keuchte vor Anstrengung, als wenn er wirklich gerannt wäre und in seinen Augen standen Tränen, die salzig brannten.

Nur langsam fand er sich in seinem halbwachen Zustand zurecht und fühlte wie sein Puls zwar immer noch schnell, aber nicht mehr bis zum Bersten pochte. Trotzdem wusste Schuckele, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. An eine solche Dunkelheit war er beim Aufwachen nicht gewohnt. Sein Schlafzimmer befand sich zur Straßenseite hin und dort brannte immer eine Laterne.

Auch der Geruch, der ihn umgab, war ihm fremd. Es roch…steril. Sein rechtes Bein juckte, als wenn er in einem Ameisenhaufen gelegen hätte. Stöhnend und ächzend drehte er sich auf die Seite, während seine Hand unter der Decke den Oberschenkel hinab wanderte, um sich zu kratzen. Er war immer noch viel zu benebelt, um zu begreifen, was mit ihm geschehen war und erst als er knapp unter dem Knie ins Leere griff, .kam die Erinnerung mit einer Wucht zurück, als wenn ihn jemand in kaltes Eiswasser getaucht hätte.

Friedrich fühlte den feuchtwarmen Stumpf und das Blut wich aus seinem Gesicht. Als er die Decke etwas anhob, stieg ihm der Geruch von eitrigem Blut in die Nase. Es war nicht einfach nur ein Schrei, den er ausstieß. Wie der anschwellende Ton einer Sirene, steigerte sich seine Stimme und erzeugte Töne, die man niemals von einem Menschen erwartet hätte. Seine Hand, die er zurückzog war feucht und klebrig. In Panik wischte er sie an der Bettdecke ab, als wenn er damit ungeschehen machen könnte, was mit ihm geschehen war.

Als wenn sein Geschrei das Signal gewesen wäre, flammte grell die Deckenlampe auf und erhellte den Raum, in dem Friedrich Schuckele mit weit aufgerissenen Augen lag und sich die Seele aus dem Leib schrie. Die Gestalt, die gleich darauf durch die Tür schritt, blickte in Augen, in denen sich bereits das flackern des Wahnsinns abzeichnete, der in diesem Augenblick von Friedrich Schuckele Besitz ergriff. Das zitternde Bündel Mensch auf dem kargen Feldbett wehrte sich noch nicht einmal, als die Kettensäge von neuem aufheulte und seinen Arm vom Körper trennte, als wäre es der trockene Ast einer Buche.

 

Kapitel 13

Es waren schon fast vier Monate ins Land gezogen, seit Christian sein Bewusstsein wiedererlangt hatte und der Herbst lag in den letzten Zügen. Wenn er sich jetzt nicht um Brennholz für den Winter kümmerte, würden er und seine Familie frieren müssen, wenn der Frost kam. Ein rauer Ostwind riss die letzten Blätter von den Bäumen und wirbelte sie vor seinen Füßen auf. Sein Körper hatte sich weitestgehend erholt, seine Seele noch nicht.

In der letzten Zeit zweifelte er daran, ob die beiden Ungeheuer wirklich existierten, die er Bodo von Birkenfeld beschrieben hatte. Es hatte keine weiteren Übergriffe mehr gegeben und allmählich kehrte in Hockenheim wieder Ruhe ein, auch wenn diese trügerisch war. Die Mütter schrien nach wie vor ihre Kinder an, wenn sie dem Waldrand zu nahe kamen und auch die Männer, die in dem Forst ihre Arbeit verrichteten, gingen nicht unbewaffnet aus dem Haus. Wenn es sich einrichten ließ, arbeiteten sie lieber in Gruppen, als alleine. Doch selbst dann erwischte man den einen oder anderen der sich immer wieder verstohlen umsah und dabei sein Genick einzog. Auch die Ausbeute an Beeren, die gewöhnlich von den Frauen gesammelt wurden um sie einzukochen, war eher dürftig.

Der Verlust der fünf Männer hatte das Dorf mehr geschwächt, als man sich eingestehen wollte. Sie hatten zwar einen neuen Schmied, der seine Arbeit gut verrichtete, aber die Bande, die auch Christian mit den Männern verschweißt hatte, konnte nicht einfach wieder hergestellt werden. Die Nachwirkungen seiner Verletzung waren noch spürbar. Auch wenn er wieder seinem Tagewerk nachging, musste er doch öfter innehalten und verschnaufen, als ihm lieb war.

„Das wird schon wieder“, hatte ihn der Bader getröstet, dem er sein Leid geklagt hatte. „Du kannst auch nicht einer Katze den Schädel einschlagen und dann verlangen, dass sie am nächsten Tag schon wieder Mäuse fängt.“ Christian hatte über diesen Vergleich gelacht. „Wenn ich einer Katze den Schädel einschlage, dann fängt sie nie mehr Mäuse.“ „Das muss sich der Kerl, der dir die Rübe zerdeppert hat, auch gedacht haben, aber wie du siehst, stehst du wieder auf den Beinen.“

Schlagartig wurde Christian wieder ernst. „Ich verstehe bis heute noch nicht, wieso ich als Einziger überlebt habe. Ihr habt mich erst viel später gefunden, es wäre also genügend Zeit gewesen, mich genauso zuzurichten, wie unsere Freunde?“ Der Bader überlegte kurz. „Vielleicht war das Vieh einfach nur satt und hatte keine Lust mehr dir deinen Wanst auszuräumen.“ Bedächtig schüttelte Christian den Kopf. „Selbst wenn du recht haben solltest, muss es gespürt haben, dass ich noch nicht tot bin. Es hätte mir zumindest den Rest geben können.“

Der Bader lachte laut auf. „Was spinnst du da vor dich hin? Sei einfach nur froh, dass du lebst. Es ist doch so egal als wenn ein Gaul im kurfürstlichen Stall einen Furz lässt, warum es dich verschont hat. Du bist nicht tot und das ist alles was zählt.“ „Trotzdem würde es mich interessieren, was das Ding davon abgehalten hat, mir endgültig den Garaus zu machen, auch wenn mir die Nachwirkungen der Wunde immer noch etwas zu schaffen machen.“

Der Bader grinste noch breiter und packte ihn am Arm. „Wenn du der Meinung bist, dass es dir schlecht geht, lade ich dich ein mit mir zu kommen. Ich habe eine Verabredung mit der Frau des Müllers, die unbedingt einen schmerzenden Eckzahn loswerden will. Ich kann die keifende Alte sowieso nicht leiden und habe jetzt die Möglichkeit dafür zu sorgen, dass sie wenigstens für eine Weile ihr Schandmaul hält.“ Nun grinste Christian ebenfalls. „Und das schönste ist, du wirst auch noch dafür bezahlt.“

Der Bader lachte laut auf. „Das ist genau das, was mir an dir gefällt. Du bringst immer alles sofort auf den Punkt. Erinnere mich daran, dass ich dich demnächst auf einen Humpen Wein ins Wirtshaus einlade. So ein Festtag wie heute muss begossen werden.“

Laut ein Schandlied auf die Müllerin singend drehte sich der Bader winkend um und ließ Christian zurück, der sich vor Lachen bog. Er wäre zu gerne dabei gewesen, wenn der Zahn der alten Hexe von der Zange des Baders gepackt wurde. Der Schreiner war sicher dass sich der Bader alle Mühe geben würde, so grob wie nur möglich zu sein.

Während seine Gedanken abgeschweift waren, hatte Christian den Waldrand erreicht. Automatisch packte er die Axt fester, die er geschultert hatte. Der Wind trieb tiefhängende Wolken vor sich her und der Wald wurde dadurch noch dunkler, als er ohnehin schon war. Früher hatte er gerne und oft Holz geschlagen. Er liebte es, wenn sich die Axt in das Holz kerbte und er die Erschütterung des Aufpralls in den Muskeln seiner Arme spürte.

„Willst du wirklich alleine gehen?“, hatte ihn Marie gefragt. Sie spürte den Widerwillen in ihm, wenn er an den Forst dachte. „Ich tue nur, was getan werden muss. Du weißt selbst, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, bis der Winter kommt. Erklärst du unseren Kindern, warum unsere Feuerstelle kalt und unwirtlich ist, während die anderen Familien des Dorfes es warm und gemütlich haben?“ Er hatte die Angst in den Augen seiner Frau gesehen, als sie zustimmend nickte. „Geh, aber pass auf dich auf“, hatte sie ihn verabschiedet.

Die besten Bäume waren natürlich schon geschlagen, denn andere Dorfbewohner hatten weitaus früher als Christian, für den Winter vorgesorgt. Den Dorfbewohnern war ein genau bestimmtes Gebiet des kurfürstlichen Waldes zugewiesen worden, aus dem sie sich mit Brennholz versorgen durften. Die dürren Bäumchen, die stehengeblieben waren, reichten gerade Mal für ein oder zwei Wochen, wobei das ständige Nachlegen von Brennholz auch nicht gerade das war, was sich als angenehm bezeichnen ließ.

Die einzigen Stämme, die für Christian von Interesse waren, befanden sich hinter dichten Brombeerhecken und waren auf normalem Weg so gut wie unerreichbar, wenn man sich nicht die Haut in Fetzen vom Leib ziehen lassen wollte. Die einzige Möglichkeit, an verwertbares Brennholz zu kommen, bestand darin, die Hecken zu umgehen und die Bäume so fallen zu lassen, dass die Hecken niedergedrückt wurden. Wenn er sich anschließend ein Fuhrwerk lieh, um das Holz abzutransportieren, konnten die Pferde auch gleich die Stämme aus dem dornigen Gebüsch ziehen.

Die Laune Christians besserte sich leicht, nachdem er seinen Plan noch einmal überdacht hatte. Wenn er sorgfältig und mit Keilen arbeitete, musste es gelingen. Er packte sein Bündel und schlängelte sich an den Hecken vorbei in das angrenzende Gehölz. Dabei fluchte er da eine gebückte Haltung die einzige Möglichkeit war um dem Gewirr von wildem Wuchs zu entgehen, der in diesem unberührten Teil des Waldes immer wieder in sein Gesicht schlug.

Nach einer knappen halben Stunde hatte er es geschafft, hinter die Brombeerhecken zu gelangen und ging auf die Bäume zu, die er zu schlagen gedachte. Überrascht pfiff Christian durch die Zähne, als er den kleinen Pfad entdeckte, der hinter den Hecken sichtbar wurde. Bis zum heutigen Tag wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass in diesem Teil des Forstes überhaupt ein Mensch jemals seinen Fuß gesetzt hatte. Die Tatsache, dass hier nur wenig Gras wuchs, zeigte ihm, dass der Weg in Gebrauch war. Wäre er länger nicht benutzt worden, hätte sich die Natur längst das zurückgeholt, was ihr sowieso gehörte.

Die Entdeckung hatte seine Neugierde geweckt. Langsam schlängelte er sich zwischen den Bäumen vorbei und folgte dem schmalen Pfad in nördlicher Richtung. An manchen Stämmen waren in Brusthöhe Zeichen eingeritzt, deren Bedeutung Christian nicht kannte. Sie schienen eine Nachricht zu enthalten, die für Eingeweihte von Wichtigkeit war, denn man konnte sehen, dass sie unterschiedlichem Datums waren. Einige befanden sich sicherlich schon seit mehreren Jahrzehnten in dem knorrigen Holz, während bei anderen noch nicht einmal das Weiß unter der Rinde angegriffen war.

Hier und da lag ein Ast auf dem Boden, der sich in den weichen Lehm eingetreten hatte, aber noch nicht von Regen und Witterung überdeckt worden war. Die Nadelhölzer verdunkelten automatisch den Hintergrund, so dass jemand, der dunkle Kleidung trug, auf keinen Fall von dem Teil des Forstes aus gesehen werden konnte, der oft begangen wurde.

Eines wusste Christian, derjenige der hier entlang ging, legte Wert darauf nicht gesehen zu werden. Dieser Teil des Waldes war ihm und sicherlich auch dem Rest der Dorfbewohner vollkommen unbekannt. Dies schienen sich Menschen zunutze zu machen, die das Tageslicht und die Gesellschaft von anderen Personen scheuten.

In dem Moment als sich der Wald lichtete, wurde Christian durch das Knacken eines Astes hinter ihm gewarnt. Er konnte sich gerade noch ducken, als die Klinge eines Hiebmessers um Haaresbreite seinen Kopf verfehlte. Das Tragen von Messern war jedem freien Bürger gestattet. Voraussetzung war, dass die Klinge nur einseitig geschliffen war. So war es selbstverständlich, dass die Messer immer größer wurden und im Laufe der Zeit zwei Parierstangen bekamen, die die Hände vor Verletzungen schützen sollten.

Mit einem Ruck riss Christian die Axt hoch und konnte auch den zweiten Hieb abwehren, der auf seinen Hals gezielt hatte. Er sah sich drei Männern gegenüber, die er nicht kannte und die ihn feindselig angrinsten. „Na, wen haben wir denn da“, sprach ihn der Kleinste der Dreien an. Er hatte eine gedrungene Gestalt, an der trotz der Masse kein Gramm Fett zu viel zu sein schien. Unter seiner sauberen Kleidung, die seltsam bunt wirkte, bewegten sich massive Muskeln, die bei jeder Bewegung zu spielen schienen. Im krassen Gegensatz dazu wirkten die langen, schwarzen und fettigen Haare, die sicherlich seit längerem nicht mehr gewaschen worden waren.

„Als Beute würde ich den Kerl nicht betrachten“, erwiderte der größte der Männer, der an Hagerkeit nicht zu überbieten war. Auch seine Kleidung glich eher dem Gefieder eines Papageien, als dem, was anständige Leute zu tragen pflegten. „Schaut ihn euch doch mal an, ein typischer armer Bauer, bei dem nichts zu holen ist. Ich wette mit euch, dass sich in seinem Bündel höchstens ein Kanten harten Brotes findet. Er hat sicherlich noch nicht einmal ein Stück Käse dabei, um es halbwegs schlucken zu können.“

„Die Wette halte ich“, lachte der Dritte, der von der Kleidung her den anderen glich, wie ein Ei dem anderen.„Wenn er mehr, als das Brot dabei hat, wirst du hier vor meinen Augen den harten Kanten fressen, während ich mir den Käse nehmen werde.“

„Schluss jetzt“, zischte der Untersetzte und unterbrach mit einer Handbewegung das Geplänkel der beiden anderen. Sofort wurde Christian klar, wer hier das Sagen hatte. Seine Hände umklammerten die Axt fest, aber nicht verkrampft. Im Gegensatz zu der Bestie, die ihn angegriffen hatte, waren dies Menschen und gegen Menschen konnte man kämpfen. „Was wollt ihr von mir, ich will keinen Ärger“, sprach Christian den Anführer an, obwohl er wusste, dass es sinnlos war und er dem Kampf nicht ausweichen konnte.

„Bist du so ein Dummkopf, oder tust du nur so? Du weißt, dass du dich an einem Ort befindest, an dem du nicht sein dürftest.“ „Ich bin nur hier, um ein paar Bäume zu schlagen, alles andere geht mich nichts an.“ Gleichzeitig mit diesen Worten trat er drei Schritte nach hinten und duckte sich dabei, als wenn er Angst hätte und mit dieser unterwürfigen Geste zeigen wollte, dass er auf keinen Fall bereit war Widerstand zu leisten.

„Wenn du es mit Gegnern zu tun hast, die du nicht kennst, dann sorge dafür, dass sie dich unterschätzen“, hörte er die Worte seines Ausbilders in seinem Kopf. „Verhalte dich so, als wenn du aufgeben wolltest und schaffe Distanz, um deine Waffen in die richtige Reichweite zu bringen.“ Ruperts Worte waren so präsent, als hätte er sie erst vor ein paar Minuten gesprochen und nicht schon vor vielen Jahren.

„Schaut euch doch nur mal diesen Angsthasen an“, lachte der Hagere und knuffte seinen Begleiter leicht in die Seite.“ Christian machte noch einmal einen Schritt nach hinten und befand sich zwischen zwei Bäumen, so dass es seinen Feinden unmöglich gemacht wurde, ihn gleichzeitig anzugreifen. Wenn sie ihm ans Leder wollten, mussten sie sich ihm einzeln stellen und das würde seine Chancen erhöhen lebendig die Auseinandersetzung zu überstehen.

Der untersetzte Anführer brachte seine Waffe in Stellung und sah ihn fast mitleidig an. „Tut mir leid, aber du hast etwas gefunden, was du nicht hättest finden dürfen. Du verstehst doch sicherlich, dass wir dich nicht einfach laufen lassen können.“ „Ich werde garantiert nichts verraten, ihr könnt euch auf mich verlassen.“ Christians Stimme klang weinerlich und die Axt pendelte hin und her, so dass es aussah, als würde sie ihm gleich aus der Hand rutschen. In Wirklichkeit hatte er nur seine Handgelenke gelockert, um die Hiebwaffe abzuwehren, mit der er sicherlich gleich angegriffen wurde.

„Machen wir es kurz, ich habe Hunger und will zu unserem Lager zurück“ forderte der Hagere und zog mit einer flüssigen Bewegung seine Waffe aus der Scheide. Christian erkannte sofort, dass es sich um einen Katzbalger handelte. Ein Kurzschwert, wie es von Landsknechten für den Nahkampf benutzt wurde. Die Art und Weise, wie der Hagere damit umging, zeigte ihm, dass er auch diesen Gegner nicht unterschätzen durfte.

Der Dritte des Trios zog eine Linkhand unter seinem Wams hervor, die auch Degenbrecher genannt wurde. Normalerweise wurde dieses Langmesser zusätzlich zu einer anderen Hauptwaffe eingesetzt und diente hauptsächlich dazu, einen Degen oder ein Schwert abzuwehren. Allerdings schien ihr Besitzer nicht so richtig zu wissen, was er eigentlich in der Hand hielt. Er schien von seinen Angreifern der Schwächste zu sein.

„Wenn dich mehrere Angreifer attackieren, dann konzentriere dich auf den Anführer. Ihn auszuschalten, bedeutet Verwirrung zu schaffen. Die anderen werden nicht nur geschockt sein, sie werden auch ihr weiteres Vorgehen nicht mehr koordinieren. Bis sie sich geeinigt haben, kannst du deine Chance nutzen.“ Braver Rupert. Der Ausbilder Christians hatte immer gewusst, von was er redete.

„Es reicht, bereiten wir ihm ein schnelles und schmerzloses Ende“, forderte der Untersetzte seine Kumpane auf und schritt auf sein scheinbar wehrloses Opfer zu. Die Stellung seiner Hand sagte Christian, dass er nicht vorhatte einen Hieb anzubringen, sondern zustechen würde, was bei dem engen Zwischenraum der Bäume, hinter denen er stand, auch sinnvoll war. Dabei hatte er nur eines nicht bedacht. Sein Gegner war größer, hatte längere Arme und eine langstielige Axt, was in der Gesamtheit gesehen, eine größere Reichweite erbrachte. Dies hatte Christian längst erkannt und hielt deshalb die Axt am unteren Stielende, als wenn er einen Faustkeil führen würde, während seine andere Hand lediglich als Führung diente, um sie in der Balance zu halten.

Im gleichen Moment, in dem der Untersetzte zustach, stieß ihm Christian mit einer schnellen Bewegung das Haupt der Axt gegen die Stirn. Der Mann taumelte zurück, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. „Wenn du den Anführer erledigst, dann mach es so blutig, wie möglich, das schockt die anderen“, tönte wieder Ruperts Stimme in seinem Kopf.

Noch während sein Angreifer mit dem Gleichgewicht rang, wirbelte Christian die Axt mit einer flüssigen Bewegung herum und hieb die Schneide der Waffe mit voller Wucht in das Gesicht seines Gegners. Der Kopf platzte auf, wie ein reifer Kürbis und die Gesichtszüge verzogen sich grotesk in die Breite. Blut und Hirnmasse verteilten sich, als wenn ein harter Strahl Wasser auf einen Stein treffen würde. Ein Teil des Gewebes traf den Hageren im Gesicht und besudelte seine Weste. Automatisch entfernte er die Fleischfetzen mit zwei Fingern von seinem Oberkleid. Anschließend betrachtete er seine Hand, als wenn er feststellen wollte, was seine Kleidung verunreinigt hatte. Es dauerte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, was an seinen Fingern klebte.

In der Zeit, die ihm dadurch geschenkt wurde, dass der Schock die beiden Begleiter des Anführers gefangen hielt, bekam Christian seine Axt wieder frei, die tief im Schädel des Toten saß. Der Hagere heulte auf wie ein Wolf der in ein Fangeisen geraten war. „Du hast unseren Bruder getötet, dafür bringe ich dich um du Schwein.“ Mit wenigen Schritten überwand der Lange die Distanz, die ihn von Christian trennte und holte so weit er konnte seitwärts aus. Es war die typische Bewegung, wenn man seinem Gegner den Schädel vom Hals trennen wollte.

Hätte er einen kühlen Kopf bewahrt, wäre Christian ein leichtes Opfer gewesen, denn dieses Mal war sein Gegner in Punkto Reichweite klar im Vorteil. Dass er über Kampferfahrung verfügte, hatte er vorher schon gezeigt, denn trotz der blinden Wut, die ihn überkommen hatte, führte er die Klinge mit einer lange geübten Präzision.

„Wenn dein Feind deutlich größer ist als du, dann treffe ihn dort, wo er es nicht erwartet“, hallte wieder die Stimme seines Ausbilders in seinem Kopf. „Ein großer Mensch sieht die Welt von oben und erwartet, dass alle anderen sie auch so sehen. Zeige ihm, dass es auch andere Sichtweisen gibt.“

Als wenn man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hätte, knickte Christian ein und das Schwert zuckte über ihn hinweg. Der Schwung des eigenen Hiebs sorgte dafür, dass sich der Hagere leicht drehte und ihm die linke Ferse zeigte. Mit einem gezielten Schlag durchtrennte Christian die Sehnen seines Gegners bis auf den Knochen. Noch im Fallen versuchte dieser unter einem Schmerzensschrei sein Schwert in die Seite des Schreiners zu rammen.

Er entging dem Stoß nur, weil er sich wie eine Katze zusammenrollte und hinter dem Rücken des Langen zu liegen kam. Mit einer kurzen Bewegung hakte er seine Axt am rechten Fuß des Feindes fest und zog ruckartig am Stiel, so dass dieser das Gleichgewicht verlor. Wie ein gefällter Baum krachte sein Körper zu Boden. Als er versuchte, sich wieder zu erheben, knickte der verletzte Fuß haltlos unter ihm weg.

Aus den Augenwinkeln sah Christian, dass der dritte der Männer sich bereit machte ihn anzugreifen. Es war ihm klar dass er den Hageren schnell erledigen musste um sich dem letzten der Dreien zu stellen. Wie eine gespannte Feder schnellte er vom Boden hoch und hieb dem Hageren seine Waffe mitten in die Brust. Das Knacken der Knochen hörte sich an, als wenn man von einem Kleidungsstück ein Stück Stoff abreißen würde. Noch eine kurze Drehung der Axt und aus dem Körper des Mannes schoss ein Blutstrom, der Christians Hose durchnässte, als wenn er durch einen roten Regen gewatet wäre. Gleichzeitig hörte man das pfeifende Rasseln der zerfetzten Lunge, während mit jedem weiteren Atemzug kleine Bläschen blubbernd aus dem Körper traten.

Der Krieger in ihm wusste, dass sich der Mann in seinem irdischen Leben nicht mehr erheben würde. Der Kampf hatte Christian dermaßen erschöpft, dass er kaum noch die Kraft aufbrachte die Axt zu halten, geschweige denn, sie noch einmal gegen den dritten Mann zu erheben. Von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt bot er einen grauenerregenden Anblick, als er auf den Begleiter der zwei Toten zuwankte. Mit letzter Kraft hob er die Axt und stürzte mit einem Schrei auf den letzten der Gauner zu, obwohl er wusste, dass er den Kampf verlieren würde. Aber wenn er starb wollte er wie ein Mann sterben, aufrecht und kämpfend.

Umso überraschter war er, als der Buntgekleidete seine Waffe wegwarf und mit einem Schrei in den Wald hinein floh. Überrascht ließ Christian den Arm mit seiner Axt sinken und starrte dem Flüchtenden hinterher. Auch wenn er gewollt hätte, wäre er nicht mehr in der Lage gewesen ihn zu verfolgen. Seine Beine zitterten und wenn er sich nicht auf den Stiel seiner Waffe gestützt hätte, wäre er zu Boden gesunken.

Als der letzte seiner Gegner sich in Sicherheit wähnte, drehte er sich mit einem hasserfüllten Blick um. „Du wirst für den Tod meiner Brüder büßen. Domani und Bero werden dich in der Hölle erwarten, damit du ihnen dienen kannst bis in alle Ewigkeiten. Ich werde dafür sorgen, dass dich der rote Tod besucht und dir ein grausameres Ende bescheren wird als du es dir je vorgestellt hast.“ Er spuckte noch einmal verächtlich aus und verschwand von einem auf den anderen Augenblick im Wald, als wenn dieser ihn verschluckt hätte. Gleich darauf wurde es Christian schwarz vor Augen und er sank auf den blutverschmierten Waldboten. „Der rote Tod wird dich holen“, dachte er noch und verband die Drohung mit einem paar rotglühender Augen.

 

Kapitel 14

Nachdem ihn die beiden Polizisten in Hockenheim am vereinbarten Treffpunkt abgeliefert hatten, betrat Konopke den Gasthof Güldner Engel und schaute sich suchend um. Zu dieser Uhrzeit waren nur wenige Gäste im Restaurant. Noch bevor Franz Xaver nach Jochen Beisel fragen konnte, legte sich von hinten eine Hand auf seine Schulter. „Sie müssen der Polizist sein, mit dem ich verabredet bin“, dröhnte eine laute, aber angenehme Stimme an sein Ohr.

Konopke hatte sich unter einem Heimatforscher einen ganz anderen Typ Mensch vorgestellt. Jochen Beisel war ein Bär von einem Mann, mit einem bereits leicht ergrauten Vollbart, der ehemals schwarz gewesen war. Auch seine Haare trug er länger, als es der momentanen Moderichtung entsprach. Normalerweise hasste es Franz von hinten angesprochen zu werden, doch als er in das lächelnde Gesicht des Mannes sah, war der ihm sofort sympathisch.

„Woher wissen Sie, dass ich von der Polizei bin“, fragte Konopke neugierig. „Normalerweise sieht man mir den Polizisten nicht an.“ Normalerweise steigen die Gäste des „Güldenen Engel auch nicht aus Streifenwagen und das auch noch zu der Zeit, in der ich eine Verabredung mit einem Kriminalbeamten habe“, grinste Beisel zurück und streckte Franz Xaver seine Hand entgegen. Der verzog schmerzhaft das Gesicht, als der Heimatforscher mit festem Händedruck zupackte, gab ihn aber anschließend in gleicher Stärke zurück, was Jürgen Beisel überrascht aufblicken ließ.

„Alle Achtung, bei ihnen steckt mehr in der Verpackung, als man glaubt“ bemerkte er erstaunt und lachte anschließend laut auf. Sie gefallen mir. Kommen Sie, wir setzen uns da hinten in die Ecke, dort sind wir ungestört. Neugierig schaute sich Franz Xaver um. „Ein schönes altes Gebäude, kann man hier vernünftig speisen?“ Wieder grinste der Heimatforscher und winkte die weibliche Bedienung mit der Karte an den Tisch.

„Ich habe sie nicht ohne Grund hierher bestellt. Wir bewegen uns sozusagen auf historischem Boden und die Personen, um die es geht, haben in diesen Mauern auch schon ihren Humpen mit Wein geleert.“ „Womit wir auch schon beim Thema wären“, erwiderte Konopke. Schlagartig wurde der Heimatforscher ernst. „Genau, ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wieso sich die Polizei für das Gemetzel aus dem Jahre 1692 interessiert.“

Konopke war eigentlich nicht mit der Absicht gekommen Jochen Beisel über die Details der Morde zu informieren. Der Polizeisprecher hatte der Presse gegenüber zwar von bestialisch zugerichteten Leichen gesprochen, aber bis jetzt war es gelungen, den wahren Zustand der Toten geheim zu halten. Der Polizeipräsident war der gleichen Meinung wie das BKA, dass es erstens niemanden nützen würde noch mehr Panik zu verbreiten als dies ohnehin schon der Fall war und vor allem ging es auch darum, die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden.

Alle Beteiligten, selbst die Waldarbeiter, die die Toten gefunden hatten, waren zu Stillschweigen verpflichtet worden. Die Forstwirte hatten beifällig genickt, als ihnen das Versprechen abgenommen worden war, lediglich zu sagen, dass die Leichen blutüberströmt gewesen waren und von den restlichen Scheußlichkeiten nicht in der Öffentlichkeit zu reden.

„Hören sie, Herr Kommissar“, hatte der eine gemeint. „Ich bemühe mich die ganze Scheiße, die wir gesehen haben zu vergessen. Ich werde den Teufel tun und meine Schnauze halten wenn mich jemand danach fragt. Ich habe Kinder und keine Lust ihnen irgendwann von diesem Erlebnis berichten zu müssen.“ Der andere hatte beifällig genickt. Trotzdem hatte der verantwortliche Ermittler beiden eine Stillschweigeerklärung vorgelegt, die auch anstandslos unterschrieben wurde.

Konopke vertraute auf sein Gefühl und beschloss Beisel reinen Wein einzuschenken. Er war sicher, dass es keinen Sinn machte, dem Heimatforscher etwas zu verschweigen und trotzdem auf Auskünfte zu hoffen, die er für diesen Fall dringend benötigte. „Hören sie, Herr Beisel, ich lehne mich verdammt weit aus dem Fenster, wenn ich ihnen ein heute Dinge erzähle, die von den Behörden unter Verschluss gehalten werden. Auch wenn wir uns eben erst kennengelernt haben, denke ich dass ich mich auf ihre Diskretion verlassen kann und meine Menschenkenntnis hat mich bisher noch nie im Stich gelassen.“

Jochen Beisel schaute Konopke nachdenklich an. „Ich dachte mir schon, dass an der Sache mehr dran ist, als man die Bürger glauben lassen will. Im Übrigen werde ich garantiert nicht plaudern. Die Menschen, mit denen ich aufgrund meiner Forschungen geredet habe, würden mir keine Interna ihrer Familiengeschichte anvertrauen, wenn ich alles öffentlich machen würde, was ich weiß.“

Konopke atmete tief durch und stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab, während er sich zu Jochen Beisel hinüberbeugte und ihn ansah. Seine Augen wiesen die Härte eines Diamanten auf und der Heimatforscher fröstelte für einen Moment. Auch wenn seine Figur den Hauptkommissar gemütlich und behäbig erscheinen ließ, blickte Beisel kurz in die Tiefe seiner Seele. Diesen Mann wollte er nicht zum Feind haben. Er war sicher, dass er einen Täter bis in die Hölle verfolgen und dabei den Teufel über den Haufen rennen, falls dieser ihm in den Weg treten sollte um ihn aufzuhalten. Unwillkürlich musste er bei dem Bild grinsen, das ihm seine Fantasie dabei vorgaukelte.

„Habe ich etwas gesagt, was sie belustigt?“ Irritiert schaute Konopke den Heimatforscher an. Beisel konnte nicht anders und erzählte dem Kommissar, was eben in seinem Kopfkino abgelaufen war. Beide lachten schallend. Man spürte, dass die Männer auf einer Wellenlänge lagen. „So, und jetzt raus damit, worum geht es wirklich und warum legen sie so großen Wert auf die Ereignisse aus dem Jahre 1692“, forderte Beisel sein Gegenüber auf.

„Erzählen sie mir zunächst alles, was sie über die Mordfälle wissen. Ich möchte, dass sie möglichst unbelastet an den Bericht herangehen“, bat Konopke den Heimatforscher. „Wenn wir hier fertig sind, teile ich ihnen die wahren Tatumstände mit, versprochen.“ „Apropos Wein, das Bier hier ist auch Klasse und mit trockener Kehle redet es sich schlecht.“ Grinsend prosteten sie sich zu.

„Sie müssen versuchen zu verstehen, wie der Ort 1692 aussah und mit was für Widrigkeiten die Menschen zu kämpfen hatten“, begann Beisel seine Erzählung. „Gebeutelt von Kriegen, marodierenden und brandschatzenden Truppen, die das Dorf nicht nur einmal bis auf die Grundmauern niedergebrannt haben. Leibeigenschaft und Pachtverträge, die den Dorfbewohnern oftmals nur das notwendigste zum Leben ließ.

Aber nicht nur das machte den Menschen das Leben schwer. Krankheiten, wie die Ruhr und auch die Pest dezimierten die Bevölkerung nicht nur in der Kurpfalz. Schnaken und Mücken waren eine ständige Plage, der man erst in unserem Jahrhundert einigermaßen Herr werden konnte, nachdem im Rheingebiet und den Rheinauen große Sprühaktionen stattfanden, die diese stechende und blutsaugende Brut in die Schranken wies.

Wie sie sehen, Herr Konopke, waren die Menschen dieser Zeit einiges an Unbill gewöhnt und auch nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen. Allerdings waren Aberglaube und auch der Hexenwahn noch weit verbreitet. Hockenheims Bürger waren im Gegensatz zu anderen Dörfern Fremden gegenüber relativ aufgeschlossen, was natürlich auch an der Poststraße und den dadurch fast ständig anwesenden Fremden lag, die hier Station machten.“

Konopke unterbrach ihn kurz. „Wie ich hörte, wurden die Morde damals auf höchste Anordnung hin totgeschwiegen.“ Bedächtig nahm Beisel noch einen großen Schluck Bier und wischte sich anschließend den Bart trocken. „Totgeschwiegen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Geschönt klingt besser. Auch 1692 waren Menschen neugierig und ergötzten sich an dem Leid anderer. Je schauriger die Geschichte umso neugieriger die Menschen. Katastrophentourismus gab es damals genauso wie heute und wirklich totschweigen konnte man ein solch brutales Verbrechen eh nicht.“

„Katastrophentourismus?“, fragte Konopke erstaunt. Beisel grinste freudlos. „Nicht viel weniger als heute. Wenn ein Haus brennt, ein Auto verunglückt, oder sonst ein Unglück geschieht, sind die Geier schon unterwegs, um das alles hautnah mitzuerleben. Wie sie sehen ändern sich die Menschen nicht. Das was wir Zivilisation und Kultur nennen ist nur ein hauchdünner Überzug hinter dem nach wie vor die nackte Gewalt lauert, aber lassen sie mich weiter erzählen. Glücksritter, gelangweilte Adlige und Neugierige waren schon nach kurzer Zeit auf dem Weg zum Ort des Geschehens, um entweder eine Belohnung zu ergattern, oder einfach nur wegen dem Nervenkitzel.“

Ich hätte erwartet, dass sich überhaupt niemand mehr in den Wald getraut hat, um den Gefahren aus dem Weg zu gehen“, sinnierte Konopke, ohne selbst davon überzeugt zu sein. Beisel schüttelte den Kopf. „Das einfache Volk vielleicht, aber der Adel hat damals schon versucht, andere zu überbieten und sich, wie würde man heute sagen, eine Art Prominenten-Status zu schaffen.“ Und hat es geklappt?“, fragte Konopke neugierig.

Der Heimatforscher schüttelte den Kopf. „Nein, trotzdem wurde die Gerüchteküche kräftig angeheizt, nachdem eine Gruppe von drei hochwohlgeborenen jungen Burschen von einem Tag auf den anderen verschwand.“ „Weiß man was mit ihnen geschehen ist?“, fragte der Hauptkommissar nach. „Wie sagt man doch so schön? Etwas Genaues weiß man nicht. Offiziell sind die Drei von durchziehenden Landsknechten ermordet worden, während andere Gerüchte besagen dass sie mit englischen Royalisten über den großen Teich nach Amerika ausgewandert seien, was ich persönlich für den größten Unsinn halte.“

„Das müssen sie mir genauer erklären“, erwiderte Konopke und neigte den Kopf näher zu Beisel. „Später“, winkte dieser ab. „Eben kommt unser Essen.“ Nach einem rosa gebratenen Rumpsteak mit Garnelenspieß und Bratkartoffeln sah auch für Konopke die Welt wieder etwas freundlicher aus. Nach einem weiteren Bier saßen sich die beiden Männer satt gegenüber und Beisel nahm das Gespräch wieder auf.

„Wo waren wir stehengeblieben? Stimmt, bei den drei verschwundenen Burschen, die Jagd auf das Ding oder wie immer wir es nennen wollen, gemacht haben.“ „Sie wollten mir erklären, warum sie es für unwahrscheinlich halten, dass die Männer nach Amerika ausgewandert sind“, erinnerte Konopke den Heimatforscher an seinen letzten Satz. „Ganz einfach, weil es absolut keinen Grund dafür gab. Keiner der Dreien hatte etwas ausgefressen das einen solchen Schritt rechtfertigen würde und bettelarm waren sie schon gar nicht. Auf jeden von ihnen wartete nicht nur ein Titel sondern auch ein stattliches Erbe. Reine Abenteuerlust reicht vielleicht bei einer Person aus um sie zum Auswandern zu bewegen, aber drei auf einmal? Nie im Leben. Es war meiner Meinung nach nur ein Gerücht, um die Bürger und auch die Angehörigen zu beruhigen. Wenn sie mich fragen, ich bin sogar der Meinung, dass ihre Leichen gefunden wurden.“ Beisel sah versonnen auf den Tisch. „Haben sie dafür Beweise“, fragte Konopke eindringlich. „Nennen wir es besser Indizien“, erwiderte Beisel.

„Zur Zeit der Morde wurden Bestattungen auf eine ganz andere Art durchgeführt wie Heutzutage. Der einfache Bürger, geschweige denn ein Bauer konnte sich keinen Sarg leisten. Die Toten wurden in Tücher eingewickelt und dann auf dem Friedhof verscharrt. Die einzigen, die es sich leisten konnten in festen Behältnissen beerdigt zu werden, waren der Adel und der Klerus.

Seltsamerweise berichten die Geschichtsschreiber in Heidelberg, dass genau zu dieser Zeit drei Bestattungen durchgeführt wurden, die ungewöhnlich waren.“ Inwiefern ungewöhnlich“, fragte Konopke nach. „Angeblich sind drei wohlhabende Reisende durch einen Kutschunfall zu Tode gekommen und ihre Angehörigen hätten Särge in Auftrag gegeben, worin sie nicht nur aufgebahrt, sondern auch in der Erde begraben werden sollten.“

Konopke hörte fasziniert zu, wie der Heimatforscher aus einer längst vergangenen Zeit berichtete. Der Kriminalist war schon immer wissbegierig gewesen, nicht nur, was seinen Beruf betraf. „Wer seine Gegenwart verstehen und seine Zukunft einschätzen möchte, der muss auch die Vergangenheit kennen.“ An diese Regel hatte sich Konopke schon immer gehalten.

„Sie müssen verstehen, dass sich zu dieser Zeit so gut wie niemand einen Sarg leisten konnte. Deshalb benutze man sogenannte Konduktsärge, in denen die Toten zwar aufgebahrt und auch überführt wurden, aber eine Bestattung in diesen Behältnissen war verboten.“ Ungläubig schaute Konopke den Heimatforscher an, der unter seinem Blick laut auflachte. „Das berühmt-berüchtigte Edikt Kaiser Josephs II. verbot den Einsatz von Särgen, weil er es als Holzverschwendung ansah. Wie sie sehen sind Pfandsysteme schon viel länger im Einsatz, als wir uns es vorstellen können.“

„Aber was hat dieses Verbot mit den Vorkommnissen im Hockenheimer Wald zu tun?“, unterbrach Konopke sein Gegenüber. „Entweder nichts, oder sehr viel“, entgegnete Beisel. „Selbst wohlhabende Kaufleute hätten diese Bestattung nicht bekommen. Schon gar nicht an einem für sie fremden Ort. Die Familien hätten dafür gesorgt, dass sie in ihre Heimat überführt werden. Wenn der Ausdruck damals schon bekannt gewesen wäre, hätte man gesagt, dass es ein Fake gewesen sein muss.

Die drei Reisenden haben niemals existiert. Ich bin sicher, dass es sich um die Leichen der jungen Adligen handelte. Dass man sie quasi Inkognito begraben hat, ist meines Erachtens darauf zurückzuführen, dass die Körper dermaßen verstümmelt waren, dass man sich schwer getan hätte, es einfach nur Wölfen zuzuschreiben. Die Obrigkeit hat darauf hin alles getan, um weiteren Gerüchten vorzubeugen, die eventuell ihre Steuereinnahmen gefährdet hätten.“

Ungläubig schüttelte Konopke den Kopf. „So etwas lässt sich doch nicht einfach vertuschen.“ „Von wegen, das war viel einfacher, als sie glauben. Vergessen sie nicht, in was für einer Zeit die Menschen damals gelebt haben. Es war ein Jahrhundert der Kriege und Hungersnöte. Mord und Totschlag war an der Tagesordnung, genauso wie Krankheiten und Unfälle. Viele Dörfer, auch Hockenheim sind dadurch so stark dezimiert worden, dass es einem Wunder gleicht, dass sie heute noch existieren. Lediglich durch die hohe Geburtenrate ist es gelungen die Einwohnerzahl wieder anzuheben.

Glauben sie wirklich, dass damals viel Aufhebens gemacht wurde, wenn jemand den Löffel abgegeben hat? Es war eben Schicksal.“ Es war für Konopke faszinierend in die Vergangenheit einzutauchen und sich vorzustellen, wie ein ganz normaler Tag für die Menschen im Jahre 1692 abgelaufen war. Interessiert lauschte er den weiteren Ausführungen des Heimatforschers. Allerdings war ihm das meiste ohnehin schon von seinen früheren Recherchen her bekannt. Er hatte gehofft, von Beisel einen entscheidenden Hinweis zu erhalten, wie sich das Gemetzel von damals mit den heutigen Vorfällen verbinden ließ.

„Wie ging es weiter, was wurde aus diesem Christian und wann endeten die Morde?“ Konopke wusste, dass er sich an einen Strohhalm klammerte, und dass sich bei weitem nicht alles aus irgendwelchen Aufzeichnungen herauslesen ließ, die in Kirchen oder städtischen Archiven vor sich hin staubten. „Leider kann ich ihnen in der Richtung nicht weiterhelfen. Zumindest nicht direkt“, schüttelte Beisel bedauernd den Kopf. Als er den enttäuschten Blick des Kriminalbeamten sah, begann er zu grinsen. „Ich habe mir fast schon gedacht, dass meine Informationen etwas zu dürftig für sie sind und habe deshalb meine Angel etwas weiter ausgeworfen. Wie meinen Sie das“? Konopkes Augen leuchteten auf als hätte man ihm einen Strohhalm zugeworfen der ihn vor dem Ertrinken retten würde. Oder noch treffender ein saftiges Steak dass ihn vor dem Hungertod bewahrte. „Es gibt noch eine Person die ihnen helfen kann.“

„Sie meinen dass sich noch ein anderer Mensch außer ihnen für diese Vorkommnisse von 1692 interessiert?“ „Noch besser“, grinste der Heimatforscher. „Ich habe einen Augenzeugen für sie.“

Kapitel 15

Christian stand alleine am Waldrand. Das Dorf war dunkel und still. Wie von einem Magneten angezogen näherte er sich immer mehr der dunklen Silhouette des Waldes. Der Schweiß lief in Strömen an seinem Körper herunter, als er mit ganzer Kraft versuchte sich der Macht zu widersetzen die ihn zu sich rief. Seine Stiefel rissen tiefe Furchen in die weiche feuchte Erde als er versuchte zu entkommen. „Warum ich?“ schrie eine Stimme in seinem Kopf. „Du hattest deine Opfer, sind sie dir nicht genug? Ich will nicht sterben, zumindest nicht auf diese Art.“

Ein verzweifeltes Schluchzen ließ ihn aufhorchen und im gleichen Augenblick wurde ihm klar, dass es aus seiner eigenen Kehle kam. Für einen Augenblick schien die Welt still zu stehen und eine leise Hoffnung keimte in Christian auf, dass er sich der Kraft widersetzen könnte, die ihn zu verschlucken drohte. Seine Wadenmuskeln verkrampften und drohten ihren Dienst zu verweigern. Christian biss die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz der ihn zu überwältigen drohte. Verzweifelt bemühte er sich die Panik zu bekämpfen die in ihm aufstieg. Seine Körperhaare stellten sich auf wie die Stacheln eines Igels, als er ein fauchendes Atmen hörte das näher kam.

Der Waldboden roch auf einmal nicht mehr erdig, sondern modrig und faul. „Wie der Geruch eines Grabes das bereits belegt war“, dachte er. Es hätte Christian nicht überrascht, wenn sich aus der Erde ein Gerippe mit faulendem Fleisch an den gelben Knochen erhoben hätte, um ihn zu sich herabzuziehen. Im letzten Moment bekam er den Stamm eines jungen Bäumchens zu fassen und hielt sich daran fest. Der Zug an seinen Beinen verstärkte sich so sehr, dass er seinen Halt loslassen musste, um nicht in zwei Teile gerissen zu werden.

Das Fauchen kam näher und wurde im nächsten Moment zu einem Brüllen, wie Christian es noch nie zuvor gehört hatte. Grell wie ein Blitz leuchtete ein riesiges rotes Augenpaar vor ihm auf. „Marie, wer sollte sich um Marie und die Kinder kümmern, wenn er jetzt gleich von dem Ungeheuer verschlungen wurde. Riesige Zähne in einem überdimensionalen Maul wurden sichtbar, in das er unbarmherzig hineingezogen wurde. Verwesungsgeruch schlug ihm entgegen wie eine massive Wand. Gleichzeitig hörte das knistern eines Feuers, ohne zuordnen zu können woher es kam. „Wie bin ich eigentlich hier her gekommen? Warum habe ich das Dorf verlassen?“ Zu seiner eigenen Verwunderung wusste er es nicht mehr. Neben ihm ertönte ein leises Kichern das ihm bekannt vorkam. Immer noch versucht er mit aller Macht der Kraft zu entkommen die ihn in den Rachen des Ungeheuers zu ziehen drohte, oder seinen Körper zerreißen würde.

„Du scheinst Lust zum Sterben zu haben mein Kleiner.“ Der Klang der Stimme die Christian hörte ließ ihn an seinem Verstand zweifeln. „Rupert du bist tot, wieso stehst du auf einmal neben mir?“ Er meinte laut gesprochen zu haben, dabei war es nur ein Krächzen das aus seiner Kehle drang. „Klar bin ich tot“, lachte Rupert wieder in sich hinein und zwirbelte dabei seinen Bart, wie er es immer getan hatte als er noch lebte. „Aber wieso kann ich dich dann sehen und hören wenn du schon seit Jahren unter der Erde vermoderst?.“ Aus Rupert brach ein grölendes Lachen heraus, wie es schon zu seinen Lebzeiten der Fall gewesen war, wenn ihn etwas köstlich amüsierte. „Denk nach, mein Junge, denke einfach nur nach. Oder hast du hast du mittlerweile verlernt deinen Verstand zu gebrauchen?“

„Langsam, sehr langsam keimte in Christian ein Gedanke auf. „Tote kann man nicht sehen, man kann sie auch nicht hören.“ „Aha, wie mir scheint fängst du eben gerade an zu begreifen was hier vor sich geht“: Rupert nickte zufrieden grunzend, wie er es auch getan hatte als er noch am Leben war. Christian war ihm ein guter Schüler gewesen und den Lehrer hatte es schon immer gefreut, wenn er sah dass seine Anweisungen und Anhalte Früchte trugen. „Wenn es dich in Wahrheit gar nicht gibt dann… „Dann was, sag es endlich damit der Spuk hier ein Ende hat und du dich dringlicheren Dingen zuwenden kannst“, ermahnte ihn Rupert. „Dann gibt es dieses… dieses Ding was mich fressen möchte auch nicht“, beendete Christian den Satz. Fast im gleichen Augenblick hörte das Ziehen und Zerren um seinen Körper auf. Der weit aufgerissenen Rachen und die glühenden Augen begannen zu verblassen.

Rupert wirkte durchscheinend, nicht real, aber trotzdem anwesend. Gemütlich zog er seine Pfeife aus der Hosentasche und zündete sie an. „Es wird Zeit mein Junge, du kannst dir kein weiteres Zögern mehr leisten.“ „Wie meinst du das?“ fragte Christian erstaunt, denn die entspannte Haltung seines früheren Lehrmeisters wirkte nicht, als wenn etwas Dringliches anliegen würde. Was stimmte hier nicht? Er spürte dass gleich etwas Schreckliches geschehen würde wenn er nicht handelte, doch wusste er nicht was von ihm erwartet wurde. Schweiß strömte an ihm herab und er hatte das Gefühl darin zu ertrinken. Wie eine ungehemmte Flut hüllte ihn seine eigene Körperflüssigkeit ein und machte es ihm unmöglich zu atmen. Wenn er nicht schnell auftauchte um Luft zu holen, würde er sterben. Wieso war er jetzt auf einmal wieder in seiner Hütte? Gerade eben stand er noch am Waldrand.

Der Raum hatte sich fast komplett mit seinem Schweiß gefüllt und nur ein kleiner Spalt unter der Decke schien noch etwas Luft zu enthalten. In seiner Panik stellte sich Christian noch nicht einmal die Frage wie die Flüssigkeit seines Körpers einen kompletten Raum füllen konnte. „Rupert, hilf mir.“ Wieder ertönte die Stimme lediglich in seinem Kopf auch wenn es ihm vorkam dass die ganze Welt sie hören müsste. Wieso stand Rupert einfach nur herum und rauchte mit einem Lächeln seine Pfeife. „Rupert, ich ertrinke, ich bekomme keine Luft mehr.“ Was tut denn ein normaler Mensch wenn er unter Wasser nicht atmen kann?“ „Auftauchen natürlich was denn sonst?“ Der Zorn drohte Christian zu überwältigen. Sein Ausbilder tat nichts, während er um sein Leben kämpfte. Seine Lungen drohten zu platzen und er wusste dass er sterben würde wenn er nicht schnell etwas unternahm. Aber was?

Rupert begann zu verblassen. Seine Figur wurde durchscheinend und schien sich in Nebel aufzulösen. Wieso war der Nebel rot? Wie ein Hauch wehte die Stimme seines Ausbilders an sein Ohr. „Tauch auf Christian, schnell bevor es zu spät ist.“ Auftauchen, aus was sollte er auftauchen? Die Antwort stand von einem Augenblick zum anderen wie eine Wand vor seinen Augen. Er musste nur eines tun um nicht zu ertrinken… aufwachen. Für einen kurzen Moment schluchzte er im Schlaf vor Erleichterung auf, bis ihm klar wurde dass er wirklich keine Luft bekam. Christian riss die Augen auf und starrte in ein paar glutrote Augen, die zu einer Gestalt gehörten die ihre Hände um seinen Hals gelegt hatte.

 

Kapitel 16

In dem Raum war nichts zu hören, außer einem tiefen Summen das aus allen Richtungen zu kommen schien. An einem Tisch mit polierter Holzplatte saßen dreizehn Männer, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Die wahre Größe des Raumes wurde durch das Halbdunkel das herrschte nicht wirklich ersichtlich. Die Wände waren aus Metall, denen nicht eine Spur von Rost anhaftete, obwohl man sehen konnte dass sie alt waren. Obwohl sie auf etwas oder auch Jemanden zu warten, schienen herrschte keine Ungeduld.

Man hörte selbst in den leisen Atemzügen der Anwesenden die Disziplin mit der sie verharrten. Sie erinnerten an lebende Statuen und wenn nicht ab und an das leise Rascheln von Kleidung zu hören gewesen wäre, hätte man glauben können dass sich die Männer in tiefer Trance, oder Hypnose befanden. Ein Stuhl am Kopfende war leer. Die Männer warteten mit einer Gelassenheit die nicht nur ungewöhnlich, sondern eher unnatürlich war. Man hörte wie eine Tür geöffnet wurde und gleich darauf wieder ins Schloss fiel. Selbst dieses Geräusch ließ keinen von ihnen zusammenzucken. Das donnerähnliche Schnappen zeigte, dass es sich nicht um eine normale, sondern eine höchst stabile Türkonstruktion handeln musste die ebenfalls aus massivem Metall bestand.

Im Gegensatz zu den leisen, beherrschten Atemzügen der am Tisch sitzenden Männer, entrang sich den Lungen des eben hinzugekommenen Mannes bei jedem Zug ein leises Pfeifen und Röcheln. Die Schritte waren langsam und schleppend, wobei das Klacken eines Gehstocks laut wie eine Trommel zu hören war. Unverkennbar war es ein alter, wenn nicht sogar sehr alter Mensch der sich dem Tisch näherte und obwohl es fast unmöglich schien, strafften sich die Körper der anwesenden Männer noch mehr als bisher. Ihre Haltung zeigte dass sie dem Ankömmling den höchsten Respekt entgegenbrachten, wenn nicht sogar Angst.

In dem diffusen Licht konnte man eher erahnen als sehen, dass der Mann den Zenit seines Lebens weit überschritten hatte. Allerdings strahlte er eine Autorität und Kälte aus, die die Anwesenden erschauern ließ. Wie auf ein Kommando erhoben sich die Männer und warteten bis der Alte sich gesetzt hatte. In dem Raum breitete sich eine Spannung aus, als wenn die Luft elektrostatisch aufgeladen worden wäre. „Das hätte nicht passieren dürfen, nicht zu diesem Zeitpunkt.“ Die Stimme war leise und brüchig. Mehr ein Flüstern als gesprochenes Wort und erinnerte an das knacken von Eis bevor man einbricht. Dennoch waren seine Worte deutlich zu vernehmen. Die restlichen Männer am Tisch zuckten zusammen, als wenn man sie mit einer Peitsche geschlagen hätte. Minutenlang herrschte eine gnadenlose Stille, die die Luft wie mit einem Leichentuch überzog und den Anwesenden den Atem nahm.

„Ich erwarte Antworten, wie konnte es geschehen dass der Tunnel entdeckt wurde?.“ Einer der Männer stand zaghaft auf. Er sah aus wie ein ganz normaler Handwerker in blauen Latzhosen, über der er eine graue Jacke trug. Unwillkürlich suchte man nach dem unvermeidlichen Metermaß in der Seitentasche der Hose. Von seinem Äußeren her hätte er auf jede Werbebroschüre einer deutschen Handwerkskammer gepasst. Selbst im Halbdunkel konnte man sehen dass er schwitzte, obwohl die Raumtemperatur eher als kühl zu bezeichnen war. „Es war lediglich ein dummer Zufall dass das Pärchen ausgerechnet an dieser Stelle aufgetaucht ist. Der Abschnitt unseres Gebäudekomplexes wird seit Jahrzehnten schon nicht mehr benötigt und die Stützbalken sind im Laufe der Zeit morsch geworden.“

Wieder breitete sich eine eisige Stille aus bevor sich der Alte langsam von seinem Platz erhob. „Zufall? Es gibt keine Zufälle. Meine Befehle waren klar und unmissverständlich, es darf nichts unterlassen werden um unsere Sicherheit zu gewährleisten. Wir stehen kurz vor unserem Ziel und dieses Vorkommnis gefährdet den großen Plan. Wer von Ihnen hatte den Auftrag die Wartung und Instandsetzung unseres Werkes zu überwachen?“ Der Mann in Handwerkerkleidung hob zaghaft den Arm. „Das war meine Aufgabe, aber es konnte niemand damit rechnen dass ausgerechnet…“ Wie ein Hammer krachte die Hand des Alten auf den Tisch und unterbrach den Redner der augenblicklich verstummte. Jeder im Raum spürte die Angst des Gemaßregelten und seinen Wunsch weit weg von diesem Raum und dem Alten zu sein.

„Alles ist kalkulierbar. Es gibt nichts das man nicht berechnen kann und wenn sich jeder an seine Anweisungen hält, gibt es auch keine sogenannten Zufälle.“ Die spröde Stimme wurde von den Pfeifgeräuschen und den röchelnden Bronchien nicht gemildert sondern noch verstärkt. „Ich bedauere zutiefst dass…“ Wieder donnerte die Hand des Alten auf die Tischplatte. „Wir entschuldigen uns niemals und bei Niemand. Wir stehen für das ein was wir tun und tragen auch die alleinige Verantwortung dafür. Die Gesetze und Prinzipien unserer Bruderschaft haben dafür gesorgt dass wir Jahrhunderte überdauert haben und wir letztendlich den großen Plan verwirklichen werden.“

Langsam wandte sich das Gesicht des Alten dem Handwerker zu. Trotz dem diffusen Licht konnte jeder der Anwesenden erkennen, dass alle Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. Seine Angst war nicht nur zu sehen, man konnte sie riechen. „Es wird nicht wieder vorkommen Magnus Frenator, ich verspreche es, so wahr ich hier stehe und bei der Heiligkeit unserer Bruderschaft.“

Die Panik in der sich überschlagenden Stimme des Mannes war nicht zu überhören und auf dem Boden neben seinen Schuhen breitete sich eine Lache Urin aus. Ohne es zu bemerken hatte er sich eingenässt.

Der Alte verzog sein Gesicht zu einer Grimasse die ein Lächeln darstellen sollte, aber eher der Fratze eines Wolfes glich. „Ich weiß dass es nicht wieder vorkommen wird. Du warst schon immer ein Mann der nach den Regeln der Bruderschaft gelebt hat und jedem von uns ist klar, dass man sich auch in diesem Punkt auf dich verlassen kann. Doch sage mir bitte, was für eine Regel über allem steht und der Garant für die Erfüllung des großen Plans ist?“

Der Mann in der Handwerkerkleidung schwieg und ein kleiner Speichelfaden lief an seinem Mundwinkel herab. Die Augen waren weit aufgerissen und der Körper bebte als wenn Stromstöße ihn durchzucken würden. Immer wieder öffnete er seinen Mund, aber es war ihm unmöglich auch nur ein Wort herauszubringen. „Wenn du es uns nicht sagst, werden es dir die anderen Brüder noch einmal vortragen. Ich bin sicher dass sie keine Schwierigkeiten haben werden unser heiligstes Prinzip wiederzugeben.“

Wie von Marionettenschnüren gezogen, erhoben sich die restlichen Männer. Die Situation unterschied sich in nichts von einem Ritual, das irgendwo auf der Welt, in einer Kirche, Moschee oder einem Tempel hätte stattfinden können.

Ohne die Stimmen zu erheben, murmelten sie die Sätze wie ein gemeinsames Gebet. „Unser Kampf gilt der Schwäche. Wir werden nicht dulden dass Schwäche unsere Zivilisation zerstört. Nur den Starken gehört die Zukunft und nur sie haben das Recht zu Leben. Leben ohne Makel ist unser Ziel, dafür leben wir, töten wir und sind auch bereit dafür zu sterben.“

Bei jedem der Worte sank der Handwerker ein Stück in sich zusammen und bemerkte daher auch nicht den riesigen Schatten der hinter ihm auftauchte. Erst das grollende Fauchen des Wesens machte ihn darauf aufmerksam, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Mit einem gellenden Schrei drehte er sich um, während ihm im gleichen Moment durch einen Prankenschlag der Kreatur der Kopf vom Hals gerissen wurde. Sein Tod war vergleichsweise gnädig, denn das Wesen hatte ihm keine Zeit gelassen darüber nachzudenken wie sein Leben enden würde. Sein Blut spritzte über den Tisch und auf die Kleidung der Anwesenden. Einer der Männer würgte, schien sich dann aber zu besinnen was er vor noch nicht einer Minute selbst über den Begriff Schwäche rezitiert hatte.

In der eingetreten Stille, hörte man das sabbernde Schmatzen des Wesens so deutlich, dass manch einer der Männer froh war, dass der Schein der einzelnen Lampe nicht sehr weit über den Versammlungstisch hinausreichte. So blieb verborgen was mit den sterblichen Überresten des Mannes geschah. Einzig und alleine der Alte schien Gefallen an dem Geschehen zu finden.

„Lasst uns mit dem Tagesgeschäft fortfahren, was wurde unternommen um den Schaden zu begrenzen?“ Ein jüngerer Mann in einem gut sitzenden Anzug erhob sich und trug in geschäftsmäßigen Ton seinen Bericht vor. „Der Vorfall hat natürlich Wellen geschlagen die wir nicht unterbinden konnten. Hätte unser soeben verstorbener Bruder die beiden Leichen unauffällig verschwinden lassen, wäre lediglich nach zwei vermissten Personen gesucht worden. was weitaus weniger Wirbel verursacht hätte.“

„In diesem Punkt muss ich dich berichtigen Hartmut.“ Ein großer hagerer Mann fiel dem Anzugträger ins Wort. Er war leger gekleidet und strahlte eine natürliche Autorität aus, die den Jüngeren sofort Verstummen ließ. „Der Wald wird kleiner und kleiner bedeutet für uns auch unsicherer. Es war der logische Schritt den größten Teil der Bevölkerung abzuschrecken und meines Erachtens ist dies auch gelungen.“

„Aber das Risiko…“ „Du meinst das kalkulierte Risiko“, unterbrach der Legere den jüngeren Anzugträger. „Es ist leichter eine überschaubare Zahl von Besuchern und Neugierigen zu überwachen, als das Umfeld unseres Werkes der Hälfte der Bevölkerung als Spielwiese zu überlassen um irgendwelche vermissten Personen zu finden. „Also hat unser leider viel zu früh verblichener Wolfram doch einen Teil seiner Schuld wieder gut gemacht.“ Der Alte kicherte leise in sich hinein, allerdings ohne damit die Spannung der Anwesenden Männer aufzulockern. „Weiter, was wissen die offiziellen Stellen und wie treten wir weiteren Ermittlungen entgegen?“

Ein weiterer Mann stand auf und räusperte sich bevor er zu sprechen begann. „Leider hat sich das BKA eingeschaltet, wir haben es also nicht nur mit den hiesigen Polizeidienststellen zu tun.“ Wieso mischt sich das BKA in einen normalen Mordfall ein.“ Der Alte wirkte unwirsch, was genügte den Sprecher zusammenzucken zu lassen. „Leider handelte es sich bei dem Pärchen das wir beseitigt haben um niederländische Staatsangehörige und in einem solchen Fall mit ausländischen….“ „Dann ist es gut, ich dachte schon es wären andere Hintergründe die diese Burschen auf den Plan gerufen haben.“ Entspannt lehnte sich der Alte zurück. Der Sprecher zögerte einen Moment bevor er weitersprach. Er wusste dass es seinem Meister nicht gefallen würde was er gleich noch zu sagen hatte.

„Leider hat sich die Polizei der Mitarbeit eines Mannes versichert der uns wirklich gefährlich werden kann.“ „Wer ist es und was wissen wir über ihn.“ Kurz und knapp peitschten die Worte über den Tisch und der alte Körper straffte sich wieder. „Franz–Xaver Konopke ist nicht nur ein einfacher Polizeibeamter, der Mensch kann denken, auch wenn man es ihm rein von seinem Äußeren her nicht zutrauen würde.“ Der Sprecher schilderte detailliert, aber ohne eigene Wertung was er von Konopke wusste. Um einen solche faktischen Bericht abzuliefern bedurfte es jahrelanger Übung und manche Menschen lernten es nie sich von jeglicher Subjektivität zu lösen.

Nach seinen Ausführungen herrschte eine gespenstische, aber konzentrierte Stille in dem Raum das lediglich von dem Rasseln und Röcheln des Alten unterbrochen wurde. „Behaltet ihn im Auge. Ich will über jeden seiner Schritte informiert werden.“ Der leger gekleidete Mann der dem Anzugträger ins Wort gefallen erhob sich in einer fließenden Bewegung von seinem Stuhl. „Ich wurde bereits vor eurer Ankunft über alles Wesentliche informiert, Magnus Frenator. Ich habe mir erlaubt unsere Wölfe auf diesen Konopke anzusetzen. Er kann keinen Schritt mehr machen ohne dass wir es erfahren. Außerdem sind unsere Techniker soeben dabei entsprechend unauffällige Überwachungsgeräte in seinem persönlichen Umfeld anzubringen, so dass wir in Kürze auch Gespräche und E- Mails mithören und lesen können.“

„Sehr gut Subsessor, es beruhigt mich dass es in unserer Runde Männer gibt auf die ich mich verlassen kann und die in solchen Situationen wissen was zu tun ist.“ Der Legere senkte leicht den Kopf als Zeichen des Dankes für das Lob. Als einziger im Raum schien er sich nicht vor dem Alten zu fürchten. Er strahlte eine Aura gebündelter und kontrollierter Kraft aus und seine geschmeidigen Bewegungen zeigten nur zu deutlich, dass er sich in einem hervorragenden körperlichen Zustand befand. Auch der Meister der Runde schien ihn zu respektieren. „Ihr wisst was zu tun ist wenn er uns durch seine Ermittlung zu nahe kommt Subsessor?“ Die Stimme lauerte förmlich auf die Antwort und die knöchernen Hände des Alten formten sich zu Klauen, die den restlichen Anwesenden ein Schaudern über den Rücken jagte, so sehr ähnelte die Gestalt der Person die man im Volksmund „Gevatter Tod“ nannte. Nur der Subsessor behielt seine lockere Körperhaltung bei. „Dann werde ich ihn töten, denn das ist meine Aufgabe. Das Rudel ist auf der Jagd und ich bin der Vollstrecker.“

Kapitel 17

Mit zitternden Knien stand Franz Xaver Konopke am Ankunftsterminal des John F. Kennedy International Airport in New York. Innerlich verfluchte er sich selbst dafür, dass er auf einen vagen Hinwies hin die Reise in die Vereinigten Staaten angetreten hatte, um einen neunundachtzig jährigen Greis namens James T Brown zu treffen, der ihm eventuell eine noch vagere Geschichte über ein Vorkommnis aus dem Jahre 1945 erzählen würde das offiziell niemals stattgefunden hatte. In seinem Kopf formten sich Bilder eines sabbernden, an Demenz oder Alzheimer leidenden Greises, der seinen Besuch noch nicht einmal bewusst wahrnehmen konnte und in einem Rollstuhl sitzend in einem Altersheim für Kriegsveteranen vor sich hinvegetierte.

Der war Flug nicht sehr angenehm für Konopke gewesen. Abgesehen von Turbulenzen und unzähligen Luftlöchern, die seine Maschine wie einen Federball hin- und hergeworfen hatte, war sein Sitzplatz für einen Menschen mit Konopkes Figur die reinste Zumutung.

Auch die Diskussion der beiden Angestellten der Fluglinie bei seinem Check-in, dass er aufgrund seiner Masse eigentlich den doppelten Preis zahlen müsse, hatte seine Laune nicht unbedingt gebessert. Es interessierte ihn herzlich wenig, dass durch sein Körpergewicht weniger Fracht an Bord genommen werden konnte. Erst sein Hinweis dass er sich gleich lautstark mit den anderen Passagieren über die mangelnde Leistungsfähigkeit des Billigfliegers unterhalten würde und Zweifel der an Bord befindlichen Menge der Kerosin Reserve hatte die beiden zum Schweigen gebracht.

Vielleicht war es aber auch der dezente Hinweis mit seinem neuen BKA- Ausweis und einer möglichen Gefährdung durch Terroristen, der kleine Anstoß den die freundliche Dame und der etwas unfreundlichere Herr der Fluglinie benötigten, um ihn endlich an Bord der A340-300 zu lassen.

Konopkes Laune sank endgültig in den Keller, als er versuchte seine Körpermasse in den aus seiner Sicht viel zu engen Sitz zu pressen. Dieser befand sich zu allem Übel in der viersitzigen Mittelreihe der A340. Economy Class, alleine diese beiden Worte brachten ihn zur Weißglut. „Seid ihr verrückt geworden?“ hatte er Bachert angeblafft als der ihm das Ticket in die Hand gedrückt hatte. „Verdammt nochmal Jochen, dass könnt ihr doch nicht mit mir machen. Hast du schon einmal gesehen wie ein Hefeteig aus einer zu kleinen Backform herausquillt? Genau so wird es mir ergehen wenn ich meinen Luxuskörper in eine so kleine Hartschale quetschen muss.“

„Tut mir leid Franz, aber bei unserem Budget ist die Luxusklasse leider nicht drin. In gewissen Dingen gibt es klare Vorschriften die auch ich nicht verbiegen kann.“ Verzweifelt schüttelte Konopke seinen Kopf. „Es geht bei mir doch nicht um Luxus, es geht einfach nur um meine Gesundheit und natürlich auch um die meiner Mitmenschen.“ Bachert runzelte misstrauisch seine Stirn und sah Konopke zweifelnd an. „Ich kenne dich mittlerweile mein Lieber. Mit was für einem fadenscheinigen Argument versuchst du jetzt wieder mir ein erster- Klasse- Ticket aus den Rippen zu schnitzen?“

Entrüstet wehrte Konopke ab. „Ich würde niemals unsere Freundschaft ausnutzen, um mir einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Aber Notwendigkeiten haben nichts mit Bequemlichkeit zu tun.“ „Dann spucke es schon aus bevor du daran erstickst.“ Bachert grinste und war sichtlich gespannt, was für Argumente Konopke vorbringen würde um doch noch an ein First- Class- Ticket zu kommen.

„Sieh mal Jochen, wenn man ein Fußleiden hat verschreibt sogar die billigste Krankenkasse orthopädisches Schuhwerk, um den noch teureren Folgekosten vorzubeugen. Bei so einem langen Flug ist es vorprogrammiert dass ich mir eine gewaltige Thrombose einfangen werde und die nächsten Monate dienstunfähig bin. Hast du eigentlich eine Ahnung was das den Steuerzahler wieder kostet?“

Bachert grinste noch eine Spur breiter. „Sorry Franz, aber eine Thrombose bekommst du wenn du deine Beine nicht bewegen kannst und durch die Sitzstellung deine Blutzufuhr abgeschnitten wird. Deine Beine sind aber zu kurz dafür. In der Hinsicht kann ich dich wirklich beruhigen.“ „Ha, wenn das alles wäre, hätte ich es erst gar nicht erwähnt“, konterte Franz-Xaver sofort. „Durch meine Körperfülle habe ich logischerweise auch mehr Luft in meinem Darm, was an Bord eines hochfliegenden Jets sich wirklich katastrophal auswirken könnte.“ Franz, du spinnst. Was soll denn passieren nur weil du Blähungen hast?“ Entrüstet verzog Konopke sein Gesicht. „Was passiert wenn ein Ballon in große Höhen schwebt? Durch den geringeren Luftdruck dehnt er sich aus und kann im schlimmsten Fall platzen. Wenn sich eine solche Explosion in meinem Innern ereignen sollte, möchte ich als unschuldiger Passagier nicht in meiner Nähe sein.“

Bachert lachte dass ihm die Tränen aus den Augen schossen. „Machst du dich etwa über mich lustig?“ Konopke bebte vor Zorn. „Franz, so eine Geschichte konntest du vielleicht deinem Ex- Chef aufbinden aber nicht mir. Das schlimmste was passieren kann, ist der gewaltigste Furz den man je an Bord eines Flugzeuges erlebt hat und an diesem Punkt stimme ich dir zu, in dem Augenblick möchte ich wirklich nicht in deiner Nähe sein. Deine Mitreisenden werden aber auch das überleben.“

Von einem Moment zum anderen gab Konopke seine Überredungsversuche auf. „Schade, bei einigen meiner vorherigen Dienststellenleiter haben solche Ausreden sehr gut funktioniert. Du verzeihst mir dass ich es versuchen musste.“ „Klar doch Franz, aber du verstehst auch warum ich dein Gesuch ablehnen muss. Selbst unsere Abgeordneten müssen in letzter Zeit kleinere Brötchen backen, deshalb kann man einem einfachen Staatsdiener auch keine Privilegien zugestehen.“

Ab diesem Punkt hatte sich Konopke mit seinem Schicksal abgefunden, was er jetzt zutiefst bedauerte. Bereits vor dem Start hatten die Schwierigkeiten begonnen, da er es partout nicht schaffte seinen Körper in dem viel zu kleinen Sitz unterzubringen. Der etwa elfjährige Junge der seine Reservierung neben ihm hatte, feuerte seine vergeblichen Versuche mit einer Salve dummer Bemerkungen und gellendem Gelächter an, was seiner Mutter erst die Schamröte auf die Wangen trieb und kurz darauf die Lachtränen.

Ein weiterer Passagier suchte nach der versteckten Kamera und fragte ihn allen Ernstes, wann denn die Sendung im Fernsehen übertragen würde. Erst der Hinweis Konopkes, dass er einer waffentragenden Organisation angehörte und welch grausamen Unfälle harmlosen Touristen auf den Straßen New Yorks zustoßen konnten, hatte die dummen Bemerkungen seiner Mitreisenden eingedämmt. Allerdings sorgte er peinlicherweise für eine Verzögerung des Starts, weil der Sicherheitsgurt sich ums Verrecken nicht an seine Körperform anpassen ließ. Erst eine eiligst herbeigeschaffte Gurtverlängerung sorgte für Abhilfe und dafür dass der Flieger endlich starten konnte.

Für einen Genussmenschen wie Konopke, war das Essen das im Flugzeug serviert wurde, die reinste Zumutung. Selbst nach seiner Ankunft in NY war Franz Xaver noch übel. Verloren stand er in dem riesigen Flughafengebäude und versuchte sich zu orientieren. Die Einreiseformalitäten hatte er mit Bacherts Hilfe, der noch in Frankfurt, dank seiner Verbindungen das Einreiseformular in Englisch mit ihm zusammen ausgefüllt hatte, anstandslos überstanden. „Wenn du beim ausfüllen schlampst und einen schlecht gelaunten Beamten der Einreisebehörde vor dir hast, kannst du die Hälfte deines Urlaubs in der Immigration verbringen, oder wirst wieder der letzte in der Schlange sein und das mehrere Male wenn es sein muss.“

„Was für ein Aufwand für eine kurze Dienstreise“, stöhnte Franz Xaver und verdrehte die Augen. „Seit dem 11. September sind die Amis eben noch penibler als sie vorher schon waren“, grinste Bachert und schwang weiter eifrig den Kugelschreiber. Konopke war wirklich ohne jede Schwierigkeit durch den Schalter gekommen nachdem seine Fingerabrücke abgenommen worden waren und ein Bild von ihm angefertigt worden war. jetzt stand er endlich auf amerikanischem Boden, war aber mit seinem Latein am Ende. Seine mangelnden Englischkenntnisse versuchte er mit einem Wörterbuch zu überbrücken, was aber letztendlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss war.

„Der AirTrain verbindet die Terminals mit unter anderem mit der Subway Station Howard Beach, von dort aus kommst du locker innerhalb einer dreiviertel Stunde nach New York City.“ Konopke hatte immer noch Bacherts Stimme im Ohr, der ihm den Besuch einer der größten Städte der Welt wie einen Trip in eine kleine Provinzstadt schilderte. „Verdammt nochmal, ich bin ein Spitzenkriminalist und werde es wohl noch schaffen, mich in einer fremden Stadt zurechtzufinden.“ Konopke ärgerte sich über sich selbst und seine Panik vor fremden Ländern.

„Oh Mann, sie sehen aber reichlich verloren aus“, ertönte hinter ihm eine Stimme in bestem deutsch und eindeutig badischem Dialekt. Überrascht drehte sich Konopke um und blickte einem bärtigen, aber sympathischen jungen Mann in die grauen  Augen, der statt eines Koffers einen großen Seesack bei sich trug, in dem sich seine Habseligkeiten zu befinden schienen. Die lockigen Haare hatten schon länger keinen Friseur mehr gesehen und trotzdem machte er einen gepflegten Eindruck.

Konopke fragte sich wie jemand nach einem Flug so entspannt aussehen konnte und auch noch frisch roch. Er selbst hatte eine Dusche bitter nötig. Ohne sich dessen bewusst zu sein atmete Franz Xaver erleichtert auf. Er hätte nicht geglaubt, dass er sich jemals so freuen würde die deutsche Sprache zu hören. Der Bärtige grinste bis über beide Ohren und deutete auf das Wörterbuch in Konopkes Hand. „Damit werden sie nicht allzu weit kommen. Der erste Taxifahrer der den Schmöker in ihren Fingern sieht, wird sofort den Fahrpreis verdoppeln und sich freuen dass er einen dummen Touristen gefunden hat den er ausnehmen kann.“ „Sieht man mir den dummen Touristen wirklich sofort an?“ „Sorry, so drastisch habe ich es eigentlich nicht ausdrücken wollen.“

Sein Gegenüber wirkte leicht zerknirscht, lachte aber gleich darauf wieder als er Konopkes entspanntes Grinsen wahrnahm. „Keine Bange, den dummen Touri nehme ich ihnen bestimmt nicht krumm, insbesondere weil sie nicht ganz unrecht haben. Ohne ein vernünftiges Englisch sollte man manche Länder nicht bereisen.“ „Warum tun sie es dann?“ hakte sein Gegenüber nach. „Ich möchte es einmal so ausdrücken, es handelt sich um einen Besuchstermin sich nicht aufschieben lässt“, erwiderte Konopke seufzend. „Au weia das hört sich aber nicht gut an, ist ein Verwandter von ihnen erkrankt oder hat sie ihr reicher amerikanischer Erbonkel bedacht?“ „Erbonkel, schön wäre es, nein es geht nur um einen Bekannten der schon etwas älter ist und manche Dinge sollte man tun solange man es noch möglich ist“, wich Konopke aus.

Der Junge machte zwar einen guten Eindruck, aber das war noch lange kein Grund ihm Dinge zu erzählen die ihn nichts angingen. „Und jetzt überlegen sie wie sie dorthin kommen ohne sich hoffnungslos im Großstadtdschungel zu verirren.“ Natürlich hatte sein Landsmann ins Schwarze getroffen und Konopke sah auch keinen Grund es abzuleugnen. „Richtig, mein Hotel liegt in der Lower East Side, wo immer das auch sein mag.“ Lässig winkte der Bärtige ab. „Gar kein Problem. Solange sie sich zwischen Battery Park und der 227th Straße aufhalten haben sie die besten Verbindungen. Ich beispielsweise nehme ein Supershuttle um in die City zu kommen.“

 „Ein Super..was?“ Wieder grinste sein neuer Bekannter. „Sie haben wirklich keine Ahnung wie man in dieser Stadt von Punkt A zu Punkt B kommt. Ein Supershuttle ist ein Taxi für sechs oder sieben Personen dass jede Adresse innerhalb eines bestimmten Gebietes anfährt. Man muss zwar etwas Geduld haben, aber es ist billig und man bekommt gratis eine Stadtrundfahrt. Wenn sie wollen nehme ich sie mit und vollbringe damit gleich meine gute Tat für heute.“

„Natürlich nehme ich ihr Angebot an.“ Spontan streckte der junge Mann Franz Xaver seine Hand entgegen. „Mein Name ist Dirk Hauser, aber es reicht wenn sie Dirk zu mir sagen.“ „Franz Xaver Konopke, aber Franz genügt. Jetzt habe ich wenigstens eine Sorge weniger.“ „Wieder grinste Hauser und fasste Franz an der Schulter. „Kommen sie mit, wir melden uns beim Taxi Dispatcher der uns einen fahrbaren Untersatz besorgen wird.“

Eine knappe halbe Stunde später saßen Konopke und sein neuer Bekannter in einem Van, der zusammen mit drei anderen Passagieren in Richtung New York City fuhr. Es war nicht die erste Großstadt die er besuchte, aber was er sah verschlug ihm die Sprache. Alles war nicht nur eine, sondern gleich mehrere Nummern größer. Über den Van Wyck Expressway verließen sie den Flughafen. Als dass Shuttle sich der Brooklyn Bridge näherte presste Konopke seine Nase an das Fenster wie ein kleines Kind dass das erste Mal die wahre Welt sieht.

Vor ihm schien die Silhouette Manhattans aus dem Boden zu wachsen. „Ein imposanter Anblick“, Dirk lächelte als er Konopkes staunendes Gesicht sah. „Irgendwie wirkt es nicht so gigantisch wenn man die Stadt auf Bildern sieht“, stimmte Franz dem jungen Deutschen zu. „Stimmt, normalerweise werden Fotoaufnahmen immer aus einer Perspektive geschossen, die das Motiv von seiner besten Seite zeigen. Als ich das erste Mal den Big Ben in London gesehen habe war ich enttäuscht. In Wirklichkeit ist er viel kleiner, als er auf Fotos immer dargestellt wird. Im Falle Manhattans aber ist alle Mühe eines Fotographen vergebens, die Gebäude noch größer erscheinen zu lassen.“ Franz Xaver nickte zustimmend mit immer noch offenem Mund.

„Passen sie auf Franz, wir überqueren gleich die älteste Brücke die über den East River führt und von einem Deutschen erbaut wurde.“ „Wirklich? Vor ein paar Jahren habe ich den Namen des Ingenieurs gelesen, aber deutsch hörte er sich nicht an.“ Wieder grinste Dirk lausbubenhaft. „Lassen sie sich nicht täuschen, so mancher Name wurde amerikanisiert. Die deutschen Einwanderer genießen auch heute noch einen sehr guten Ruf in den USA, da sie als arbeitsam, zuverlässig und erfinderisch gelten. Aber ein amerikanischer Name zeugt davon dass man sich in seine neue Heimat integriert hat.“

Konopke hörte Dirk aufmerksam und neugierig zu. „Es hört sich fast so an als wenn sie mir noch mehr über die Brooklyn Bridge erzählen könnten.“ „Gerne wenn ich sie damit nicht langweile.“ Franz Xaver lachte laut auf. „Geschichte hat mich noch nie gelangweilt, im Gegenteil. Ich bin der Meinung des amerikanischen Philosophen und Schriftstellers George Santayana, wer die Vergangenheit nicht kennt kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Dirk nickte kurz und sinnend. „Ich glaube sogar das Santayana noch mehr gesagt hat, sozusagen die Konsequenz aus der Missachtung dieser Regel. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ Konopke nickte anerkennend.. „Sie scheinen tiefgründiger zu denken als viele ihrer Altersgenossen. Sie erinnern mich an mich selbst in meinen jungen Jahren.“

Automatisch wanderte Dirk Hausers Blick zu Konopkes riesigem Bauch. Franz Xaver kicherte leise in sich hinein zu. „Meine Figur habe ich damit nicht gemeint“, lachte er. „Rank und schlank war ich noch nie, auch wenn ich in den letzten Jahren ein paar Pfund zugenommen habe. Was ich damit meinte war meine Neugierde, die sich in jede nur mögliche Richtung erstreckte ohne jemals zu fragen, ob es mir irgendwann einmal nützt, oder auch nicht.“ Schlagartig war Hausers Gesicht ernst geworden. „Dann haben wir etwas gemeinsam. Bereits als Kind interessierte ich mich für Dinge die meine Schulkameraden als stinklangweilig empfanden..“

„Diese Reaktion kommt mir bekannt vor, nur gut dass ich mir aus der Meinung von anderen Leuten noch nie etwas gemacht habe. Aber sie wollten mir noch etwas über die Brooklyn Bridge erzählen.“ „Stimmt.“ Schlagartig war das Lachen wieder in Hausers Gesicht erschienen. „Ich sage aber gleich dass es nicht die typische amerikanische Erfolgsstory ist. Im Gegenteil, eigentlich ist es eine sehr tragische Geschichte und traurig finde ich vor allem dass die wenigsten Menschen die diese Brücke jeden Tag überqueren die Story kennen.“ „Na dann schießen sie mal los“, forderte Franz Xaver Hauser auf.

„Gerne. Die Idee zu dieser Brücke hatte der deutsche Bauingenieur Johannes August Röbling der sich später John Roebling nannte. Der East River wurde im neunzehnten Jahrhundert mit Fähren überquert, die allerdings in den Wintermonaten mit schwerem Eisgang zu kämpfen hatten. Roebling wurde auf einer Fähre vom Eis eingeschlossen und empfand dies nicht gerade als angenehm.

1857 gelang es ihm den Stadtrat New Yorks von der Notwendigkeit der Brücke zu überzeugen, obwohl bis zum ersten Spatenstich noch beinahe zwölf Jahre vergingen. Leider durfte John Roebling die Fertigstellung nie erleben, da er kurz nach dem Baubeginn bei Vermessungsarbeiten verunglückte und ihm ein Fuß amputiert werden musste. Er starb nach der Amputation an den Folgen einer Blutvergiftung.“

Konopke hörte Dirk aufmerksam zu. „Also wurde die Brücke doch nicht von einem Deutschen gebaut sondern mehr oder weniger nur geplant.“ Das Grinsen Hausers wurde noch ein Stück breiter. „Von wegen, denn Roebling hatte einen Sohn mit dem er bei anderen Brückenarbeiten zusammengearbeitet hatte und Washington Roebling hatte einen nicht unerheblichen Teil der Genialität seines Vaters geerbt. Er führte die Bauarbeiten im Sinne seines Vaters fort und setzte dabei Techniken ein die heute noch Gültigkeit haben.“

„Also doch Ende gut Alles gut“, schnaubte Konopke zufrieden. Hauser runzelte die Stirn. „Ganz und gar nicht denn die Tragödie blieb der Familie treu. Um die Fundamente der beiden Pfeiler im East River setzen zu können, wurde das neue Verfahren der sogenannten Caissongründung eingesetzt. Ein Caisson ist eine Art Senkkasten der auf den Flussgrund hinuntergelassen wird damit die Arbeiter trockenen Fußes ihre Aufgaben erledigen können. Dieser unten offene Kasten, der aus Holz bestand, wurde von oben beschwert und so im Wasser abgesenkt. Anschließend wurde durch einen Überdruck das Wasser aus diesem Hohlkasten verdrängt, damit er von den Arbeitern betreten werden konnte. Zentimeter für Zentimeter wurde dann ausgeschachtet, wodurch der Caisson allmählich immer tiefer absank.“

Grübelnd kratzte sich Franz Xaver am Kinn. „Hm, der Begriff Caisson ist mir in einem anderen Zusammenhang bekannt.“ „Stimmt“, unterbrach Dirk den Hauptkommissar. „Sie kennen ihn als Caissonkrankheit die im Volksmund üblicherweise als Taucherkrankheit bezeichnet wird. Genau das ist auch mit Washington Roebling geschehen.

Das Arbeiten im Caisson war keine schöne Angelegenheit. Atemnot, Übelkeit und Blutungen aus der Nase und den Ohren, war noch das harmloseste was den Menschen da unten passieren konnte. Als Roebling hinabstieg um die Bauarbeiten zu überwachen, hat es ihn so stark getroffen, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen musste. Erst viel später erkannte man dass die Krankheit durch den mangelnden Druckausgleich ausgelöst wurde. Wie viele Dinge des Lebens war es einem Zufall zu verdanken weil unter den Arbeitern ein Mann war dem das arbeiten in der Tiefe scheinbar nichts anhaben konnte. Er hatte einen verkrüppelten Fuß und war nur eingestellt worden weil er eine große Erfahrung im Brückenbau vorweisen konnte.

Durch seinen langsamen Aufstieg an die Oberfläche aufgrund seiner Behinderung, hatte er den Druckausgleich vorgenommen ohne zu ahnen was das überhaupt war.“ Konopke rieb sich den Bauch und lächelte zufrieden. „Wie man sieht hat es manchmal auch Vorteile nicht der Schnellste zu sein. Wie ging es mit dem Bau weiter?“

 „Roebling dachte nicht ans Aufgeben und verfolgte fortan die Bauarbeiten von einem nahegelegenen Hotelzimmer aus, mit einem Fernglas vor den Augen. Die Befehle an die Vorarbeiter und Ingenieure überbrachte Washingtons Frau Emily die von diesem Zeitpunkt an als Botin fungierte und wie es hieß auch sehr barsch werden konnte wenn etwas nicht nach den Angaben ihres Mannes lief. Die Einweihung der Brooklyn Bridge fand im Mai 1883 statt. Die Brücke wurde von dem amerikanischen Präsidenten Chester A. Arthur für den Verkehr freigegeben. Emily Roebling hatte die Ehre mit einer Gruppe von hochgestellten Gästen die Brücke überqueren. Allerdings trauten die New Yorker der Brücke ganz und gar nicht. Um ihre Belastbarkeit zu testen, wurden Elefanten des Zirkus Barnum benutzt die über die neue Fahrbahn getrieben wurden. Danach allerdings wurde die Brooklyn Bridge ein Besuchermagnet allerersten Ranges und ist es bis heute auch geblieben.“

Ohne das es die beiden Männer bemerkten, hatte das Shuttle längst Manhattan erreicht und kurze Zeit später lieferte der Fahrer Konopke an seinem Hotel ab. „Wie wäre es wenn wir beide heute zusammen das Abendessen einnehmen“, schlug Dirk Hauser vor. „Schließlich kann ich nicht zulassen dass sie an einem Hotdog ersticken, weil sie sich noch nicht an die amerikanische Kost gewöhnt haben.“ „Einverstanden, wenn sie ein anständiges Restaurant kennen und damit einverstanden sind dass ich die Rechnung übernehme“, willigte Konopke sofort ein. „In Ordnung um zwanzig Uhr hole ich sie hier in der Hotellobby ab“, freute sich Hauser und gab dem Fahrer des Shuttles einen Wink dass er weiterfahren konnte.

Nach dem Einchecken ließ sich Konopke mit einem lauten Seufzer der Erleichterung auf sein Hotelbett fallen, nachdem er vorher sein Jackett ausgezogen hatte. Seine Finger tasteten den Kragen des Sakkos ab und verhielten für einen kurzen Moment. Ohne ein Wort zu sagen zog er ein an einer Nadel befestigtes Mikrophon aus dem Jackett Kragen und sah es versonnen an. Dieser Hauser war wohl doch nicht so harmlos wie er sich gab.

Kapitel 18

Friedrich Schuckele sah sich selbst in den Armen seiner Mutter liegen die ihn beruhigend hin- und her wiegte. Ganz leise vernahm er ihre Stimme die ihm ein Lied vorsang, dass er schon oft gehört hatte. Es war schön mit halbgeöffneten Augen und im Dämmerschlaf die Sicherheit zu genießen, die sie ihm vermittelte. Ob sie auch daran dachte ihm etwas zu trinken zu geben? Er hatte Durst und fühlte sich innerlich wie ausgetrocknet.

Eigentlich war er gar kein Kleinkind mehr. Er war ein alter Mann und die Trockenheit fühlte sich an, als wenn sein kompletter Körper aus Pergament zu bestehen schien. Friedrich hoffte dass niemand auf die Idee kam ihn anzufassen, weil er sonst sofort zu Staub zerfallen würde. Seltsam dass er keine Angst vor der Vergänglichkeit hatte. Im Gegenteil, er war neugierig was ihn danach erwartete. Fast augenblicklich ließ die Trockenheit nach und er verwandelte sich in einen schlammigen Torso. Schuckele kicherte leise. In diesem Zustand war er unverwundbar. Jeder der ihn zu greifen versuchte, würde feststellen dass er den glitschigen Körper nicht festhalten konnte. Wie Gelee würde durch die Finger des Angreifers gleiten und im Boden versinken, ohne dass man ihn aufhalten konnte.

Aus weiter Ferne hörte er wie eine Tür geöffnet wurde und sich Schritte näherten. Der Tritt war fest und doch von einer Leichtigkeit die Friedrich Schuckele erstaunte. Tänzer bewegten sich auf diese Art wenn sie auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit waren. Schwebende Eleganz gepaart mit unbändiger Kraft. Er überlegte sich ob er applaudieren sollte, um dem Menschen damit zu zeigen wie sehr er solche Leistungen bewunderte. Er selbst war nie besonders sportlich gewesen, was ihn aber nicht daran hinderte bestimmte Sportarten anzuschauen die alle eines gemeinsam hatten, die perfekte Körperbeherrschung.

Eigentlich müsste er jetzt aufstehen um seinen Besuch zu empfangen und ihm den gebührenden Respekt zu zollen, aber Friedrich gelang es nicht sich zu erheben. Er ärgerte sich über seine eigene Schwäche und Unvollkommenheit. Selbst sein Mund gehorchte ihm nicht und mehr als ein heiseres Krächzen brachte er nicht zustande.

Im gleichen Moment spürte er wie eine Hand unter seinen Kopf griff um ihm aufzuhelfen. Der Tänzer hatte also verstanden dass er nicht aus Unhöflichkeit liegengeblieben war, sondern seine Hilfe brauchte um in eine aufrechte Stellung zu gelangen. Seltsam wie rau sich die Hand anfühlte die ihn stützte, rau und kühl. Es dauerte eine Weile bis Friedrich Schuckele erfasste dass es sich um eine Hand handelte die Handschuhe trug. Arbeitshandschuhe die er sehr gut kannte denn es waren seine eigenen. Als er das Aufbrüllen der Kettensäge hörte begriff er mit einem Schlag dass es kein Tänzer war der ihn besuchte, sondern ein Ungeheuer.

Kapitel 19

Christian blickte in ein schemenhaftes Gesicht unter einer schwarzen Kapuze, aus dem ein paar blutrote Augen wie glühende Kohlen herausstachen. Das war kein Traum, das war real. Er ertrank zwar nicht, aber die Atemnot war echt und wurde durch zwei Hände hervorgerufen die seine Kehle wie Schraubstöcke umklammert hielten.

Das Herdfeuer erhellte gespenstisch die Szenerie und ließ das bleiche Gesicht noch unwirklicher erscheinen als es ohnehin schon war. Christian fühlte wie langsam das Leben aus seinem Körper wich und wenn er nicht sofort etwas unternahm, würde er unter dem unbarmherzigen Griff des unheimlichen Wesens sterben.

„Du glaubst gar nicht welche Kräfte ein Mensch entwickeln kann wenn es um sein Leben geht mein Junge.“ Ruperts Stimme bohrte sich regelrecht in seinen Kopf. „Ich habe Männer gesehen die aus Verzweiflung durch stabile Wände gebrochen sind, aber merke dir Angst und Panik sind die schlechtesten Ratgeber. Auch wenn du meinst dass du keine Sekunde zu verlieren hast, darfst du es nicht zulassen dass dich das klare Denken verlässt. Handle schnell, aber handle richtig.“

In diesem Moment wusste Christian was er zu tun hatte. Anstatt einzuatmen um endlich wieder Luft zu bekommen, überwand er den Druck den die Krallenhände auf ihn ausübten und atmete aus so fest er konnte aus. Nachdem er den letzten Rest Sauerstoff aus seinen Lungen gepresst hatte, spürte er wie seine Kehle sich entkrampfte und der Schluckreflex einsetzte, auf den er so sehr gewartet hatte.

Sein Bein zuckte hoch und traf die Kreatur so stark am Brustbein, dass der stählerne Griff sich für einen Moment lockerte. Pfeifend sog Christian die Luft ein als wenn es die größte Kostbarkeit auf der Welt wäre. Obwohl sie nach dem Rauch des Feuers schmeckte, schien sie so süß wie Honig und mit dem Atem kehrten auch das Leben und die Kraft in seinen Körper zurück.

Schnell rollte er sich seitwärts von seinem Lager, als die Hände abermals nach seiner Kehle greifen wollten. Das Wesen stieß ein wütendes Fauchen aus, das an eine Raubkatze erinnerte, der gerade die Beute entkommen war. Neben sich fühlte Christian die Holzscheite die er zum trocknen in der Wohnstube aufgeschichtet hatte. Unbewusst griff er nach einem der Scheite, als sich das Wesen erneut auf ihn stürzte. Mit aller Kraft stieß er das Holzstück gegen den Oberkörper seines Angreifers. Einem normalen Menschen hätte der Aufprall die Luft aus den Lungen getrieben, während die Kreatur lediglich ein wütendes Zischen ausstieß Mit Händen und Füßen versuchte Christian das Wesen von sich fernzuhalten, was ihm aber nur schwer gelang. Die Wildheit des Angriffs glich der eines Tieres und nicht dem eines menschlichen Wesens.

Christian hatte das Gefühl dass dieses Ding mit ihm spielte. Ein grausames Spiel das mit seinem Tod enden würde. Der Kampf lief nicht geräuschlos ab. Wie eine Speerspitze durchdrang Christian die Angst um seine Familie. Was, wenn Marie oder die Kinder die Stube betreten würden? Das Ungeheuer würde sie genau so töten wie ihn. Er glaubte nicht, dass dieses Ding Erbarmen mit seiner Familie haben würde. Wieder blitzte das Gesicht Ruperts in seinem Kopf auf. „Wenn es sich lohnt für etwas zu kämpfen, dann tun wir es ohne die geringste Rücksicht auf uns selbst. Wenn ein Gegner nichts mehr zu verlieren hat ist er am gefährlichsten.“

Als wenn dies der Impuls gewesen wäre, änderte Christian nicht nur seine Taktik sondern auch seine Einstellung. Aus dem Opfer wurde auf einmal der Angreifer, aus der Beute der Jäger. Der Spalt neben seinem Lager und der Wand war zu schmal um sich effizient zu verteidigen, da er die Hebelwirkung seiner Arme nicht richtig einsetzen konnte. Trotzdem versuchte er etwas Distanz zwischen sich und seinem Angreifer zu schaffen, was ihm für eine kurze Sekunde auch gelang.

Die kleine Frist genügte Christian um sich auf den Bauch zu drehen. Ein überraschtes Knurren bestätigte ihm, dass das Wesen mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte. „Alles was deinen Gegner überrascht, verschafft dir die Luft die du brauchst um selbst zu handeln“ Obwohl er eigentlich keine Zeit dafür hatte, wunderte sich Christian wie präsent Rupert immer noch in seinem Kopf war. „Die alte Weisheit dass Angriff immer die beste Verteidigung ist, gilt immer noch Kleiner. Wenn du nur reagierst und nicht selbst das Heft in die Hand nimmst, hat dein Gegner schon halb gewonnen.“

Auch sein Angreifer musste sich neu positionieren, um wieder an Christians Kehle zu kommen und sie von hinten zu umklammern. Das gab dem Schreiner die Gelegenheit zwar nicht auf die Füße, aber auf die Knie zu kommen und seinen Rücken zu krümmen, was aussah als wenn eine Katze einen Buckel machen würde. Das Wesen wog nicht mehr als er selbst und war so auf seinen Würgegriff konzentriert, dass es einen Sekundenbruchteil zu spät bemerkte was Christian vorhatte.

Mit aller Kraft stieß sich der Dorfbewohner mit seinen Händen vom Boden ab und riss gleichzeitig seinen Kopf nach hinten, der mit voller Wucht in das Gesicht der Kreatur krachte. Ein Knirschen sagte ihm dass in diesem Augenblick Zähne zu Bruch gegangen waren. Schlagartig ließ der Druck um seinen Hals nach und Christian gelang es auf die Füße zu kommen, bevor der nächste Angriff erfolgte. Das Herdfeuer reicht nicht aus um den Raum ausreichend zu erhellen und auch jetzt, als er seinem Angreifer gegenüber stand, lag dessen Gesicht im Halbdunkel. Nur die Augen leuchteten dunkelrot, wobei das Flackern der Holzscheite ihnen einen Ausdruck verlieh, als wenn ein Höllenfeuer darin brennen würde.

Aus den Augenwinkeln sah er Marie und eines der Kinder an der Tür zur Wohnstube stehen. Aber nicht nur Christian hatte es bemerkt. Mit einem Fauchen fuhr das Wesen herum und wandte sich seiner Familie zu. Marie schrie gellend auf, als sie in das Antlitz der Bestie blickte und legte schützend die Arme um ihre Tochter, die wie versteinert im Türrahmen stand. „Raus, nimm die Kinder und verlasse das Haus“, schrie Christian seine Frau an und sah wie sich die Kreatur bereit machte Marie und die Kleine anzugreifen. Er hatte recht behalten mit seiner Vermutung dass sein Gegner auch bei Frauen und Kindern kein Erbarmen kennen würde. „Gott hilf mir und verschone meine Familie.“ Christians Gebet war wie ein Hilfeschrei.

Mit einem gellenden Schrei drehte sich Marie zur Tür, um mit der Kleinen in die Schlafstube zu flüchten. Die Kreatur schien zu ahnen dass sich hinter ihrem Rücken die größere Gefahr befand und drehte sich wieder zu dem Schreiner des Dorfes um. Im Herdfeuer knackte ein Scheit und ein kleines Meer glühender Funken stieg in dem kleinen Wohnraum auf.

Dadurch war es Christian möglich das Gesicht des unheimlichen Eindringlings zu erkennen. Was er sah ließ sein Blut für den Bruchteil einer Sekunde zu Eis erstarren. Das Wesen glich einem Dämon aus dem Schattenreich wie ihn die Bilder der Kirche immer darstellten. Die Haut war so bleich wie die eines Toten, der zu lange im Wasser gelegen hatte. Aber schlimmer waren die Furchen und Risse der Gesichtshaut die zu bluten schien. Die rechte Kopfhälfte war etwas verschoben und mit dunklen Warzen und schwärenden Eiterbeulen übersät Die roten Augen sahen den Dorfbewohner böse und voller Mordlust an, während die Kreatur den Mund öffnete und wieder dieses geifernde Fauchen ausstieß das Christian mehr an ein Tier als an einen Menschen erinnerte.

Die Muskeln des Schreiners spannten sich während er den Angriff seines Gegners erwartete. Der Anblick war schrecklich den die Fratze des Dämons bot. Christian blickte ihm ruhig und fest in das rote Augenpaar. „Du wolltest meine Familie töten, jetzt töte ich dich.“ Der Mund des Wesens öffnete sich und entblößte eine Reihe perlenartiger weißer Zähne die relativ weit auseinanderstanden. Die Zwischenräume sahen aus als wenn Blut aus ihnen fließen würde, was den Eindruck eines Raubtieres noch verstärkte.

„Das schaffst du nicht“, presste das Ding gurgelnd zwischen seinen Lippen hervor und man hörte dass seine Kehle nicht zum Sprechen gemacht war. Christian prallte vor Entsetzen einen Schritt zurück. Er hatte nicht damit gerechnet dass diese Kreatur in der Sprache der Menschen reden konnte. Allerdings war seine Überraschung nur von kurzer Dauer denn ein kurzes Aufblitzen in dem roten Augenpaar zeigte ihm, dass der Angriff in der nächsten Sekunde erfolgen würde. Der Eindringling stieß sich vom Boden ab und flog auf den Dorfbewohner zu der ihn erwartete. Christian wich nicht aus, sondern täuschte eine Körperdrehung an, dass das Wesen mit voller Wucht mit dem Brustkorb auf dem Ellbogen aufkam den Christian ihm entgegen streckte. Pfeifend entwich die Luft aus seinen Lungen und der Schreiner setzte nach.

„Im Kampf auf Leben und Tod gibt es keine Fairness Kleiner. Wenn du einen Vorteil errungen hast, dann musst du ihn auch ausnutzen. Die sogenannte Ritterlichkeit ist etwas für Adlige und Narren, die nicht wissen dass sie dadurch ihr Leben verspielen können.“ Wieder war Ruperts Stimme in seinem Kopf präsent. „Hör auf mit deinem Gegner zu spielen, auch wenn du meinst dass du ihm überlegen bist. Du bist keine Katze und er ist keine Maus. Selbst der größte Schwächling kann aus Zufall bei dir Schaden anrichten, weil Überheblichkeit der Bruder des Leichtsinns ist.“

Christian packte den Kopf des Wesens, während er gleichzeitig das Knie des rechten Beins nach oben riss. Es krachte als das Kinn des Gegners auf seinem Schienbein aufschlug. Gleichzeitig durchfuhr den Schreiner ein gellender Schmerz. Seine Kniescheibe fühlte sich an als sie wäre von einem Schmiedehammer getroffen worden. Der Rotäugige setzte fast völlig unbeeindruckt seinen Angriff fort.

Die Bewegungen des Wesens waren so schnell, dass Christian Mühe hatte ihnen zu folgen. Wie eine Pranke schnellte die Hand des Angreifers vor und riss seine linke Wange auf. Sofort spritzte das Blut des Dorfbewohners auf den Lehmboden. An den gekrümmten Fingern befanden sich Klauen die so spitz zugefeilt waren, dass sie eher Dolchen glichen als menschlichen Fingernägeln.

Instinktiv wich er zurück, doch das Wesen setzte nach. Trotz seiner Abwehrbewegung bekam die Kreatur seine Kehle zu fassen und bohrte seine Nägel in Christians Hals. Panik stieg in ihm auf, weil es scheinbar keine Möglichkeit gab sich der Wildheit dieses Dämons zu erwehren.

„Greif an Kleiner, greif an. Nichts was lebt ist unverwundbar. Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, dann ändere deine Taktik. Denke daran was ich dir über den Mehlsack erzählt habe.“ Zwischen Rupert und Christian war es ein beliebtes Spiel gewesen sich auf den Boden zu legen und sämtliche Muskeln zu lockern. Ziel dieser Übung war es, sich so schwer wie möglich zu machen, während der Partner versuchen musste, den Liegenden vom Boden hochzuziehen.

„Wieso kann ich dich nicht hochheben verdammt nochmal?“, hatte Christian seinen Ausbilder gefragt, nachdem er sich mehrere Minuten abgemüht hatte den gar nicht so schweren Rupert vom Waldboden hochzubekommen. Der Landsknecht hatte dröhnend gelacht. „Ob du es willst oder nicht, aber du unterstützt deinen Helfer unbewusst, dich auf die Beine zu bringen indem du deine verschiedenen Körperpartien anspannst. Wenn du deine Muskulatur aber absichtlich entspannst, geht so gut wie gar nichts mehr. Diese Taktik hat mir auch schon auf dem Schlachtfeld geholfen. Erstens hält dich dein Gegner für Mausetot und außerdem ist es eine viel zu große Mühe dich abzutransportieren. Also bleibst du reglos liegen und wartest bis die Scheiße vorüber ist.“

„Guter Rupert.“ Christian wusste jetzt was er zu tun hatte. Ohne darauf zu achten dass die Klaue des Wesens seine Kehle noch weiter aufreißen würde, ließ er sämtliche Kraft aus seinen Gliedern strömen. Es schien als würde sich sein Körpergewicht in diesem Moment vervielfachen und das Wesen fauchte überrascht, als das sicher geglaubte Opfer seinen Händen entglitt. Noch bevor Christian auf dem Boden angelangte, versetzte er seinem Angreifer einen Tritt an das Schienbein der dieses Mal sofort Wirkung zeigte.

Ein Aufheulen bewies dem Schreiner dass die unheimliche Kreatur verwundbar war. „Die Knie eines Menschen sind Schwachpunkte die uns Mutter Natur mitgegeben hat. Du kannst sie zwar beugen, aber alle anderen Bewegungen, sei es zur Seite oder gar nach hinten, sind nicht möglich. Du kannst deine Eier darauf verwetten, dass jede Belastung in eine dieser Richtungen nicht nur verdammt wehtut, sondern auch zu wunderbaren Verletzungen führt, die deinen Angreifer behindern, oder außer Gefecht setzen werden. Anschließend hast du die Möglichkeit einen Kampf für dich zu entscheiden.“

Die kurze Ablenkung verschaffte Christian endlich die Möglichkeit, aktiv das weitere Geschehen zu beeinflussen. Er lag am Boden und während sich der Eindringling noch vor Schmerz krümmte, versetzte er ihm einen Tritt auf die Nase. Ein Knacken, das sich anhörte als wenn jemand auf einen trockenen Ast getreten wäre, verriet dass er dem Wesen das Nasenbein gebrochen hatte. Wieder spritzte Blut auf den Boden der Stube doch dieses Mal war es nicht sein eigenes.

Der Rotäugige wich ein paar Schritte zurück und griff unter seine Kutte. Bisher hatte es nicht danach ausgesehen als wenn der Eindringling eine Waffe bei sich tragen würde. Umso größer war Christians Erstaunen, als dieser einen langen, gekrümmten Dolch zog. Urplötzlich wurden vor dem Haus Stimmen laut die sich schnell näherten und das flackernde Licht von Fackeln wurde durch das kleine Fenster der Wohnstube sichtbar. Marie schien das halbe Dorf alarmiert zu haben, denn die trampelnden Schritte gehörten zu vielen Männern die auf das Haus ihres Nachbarn zustürmten.

Das Wesen zögerte einen Moment und schien zu überlegen ob die Zeit genügen würde um Christian zu töten, bevor die Dorfbewohner die Stätte des Kampfes erreicht hatten. Doch dann entschied es sich für die Flucht. Für einen Augenblick verharrte die Bestie und drehte sich halb zu dem Schreiner um. Dabei bohrten sich die brennenden roten Augen in die seines Gegenübers. „Ich werde dich töten“ ertönte die gutturale Stimme der Kreatur und Blut und Speichel spritzte Christian entgegen. Dieser hielt dem Blick nicht nur stand, sondern erwiderte ihn mit einer Festigkeit, die das Wesen unsicher werden ließ. „Und ich werde dich jagen“, presste er zwischen seinen Zähnen hervor während sich seine Hände entschlossen zu Fäusten ballten.

Trotz es verletzten Kniegelenks waren die weiteren Bewegungen seines Feindes katzenhaft schnell, denn er verschwand mit einer schemenhaften Bewegung in der Schlafstube, als der erste der Dorfbewohner die Tür zu Christians Haus aufriss. Mit zitternden Knien ließ er sich auf seiner Bettstatt nieder und wurde gleich darauf von den Männern umringt, die mit Heugabeln und Knüppeln in sein Haus gestürmt waren. Das Stimmengewirr schmerzte in seinen Ohren und die Fragen prasselten regelrecht auf ihn ein. Erst als sich der Bader mit seinem dicken Bauch durch die Menge schob, ohne Rücksicht darauf zu nehmen wen er anrempelte und seine Stimme erhob wurde es ruhiger. „Meint ihr vielleicht er kann euch Auskünfte erteilen wenn ihr alle zur gleichen Zeit auf ihn einredet? Wie wäre es wenn ihr euch auf die Suche nach dem Ungeheuer machen würdet, dass in unser Dorf eingedrungen ist?“

Der Vorschlag des Baders dämpfte nicht nur die Stimmen, sondern auch die Lust der Männer sich unnötig in Gefahr zu begeben. Die Vergangenheit hatte zu deutlich gezeigt, dass auch eine scheinbare Übermacht nicht davor schützte aufgefressen zu werden. Keiner der Anwesenden verspürte das Verlangen, seine Gedärme in den Händen spazieren zu tragen. Noch während das Gemurmel langsam verstummte packte der Bader seine Utensilien aus und besah sich Christians Wunden.

„Also sterben wirst du an deinen Verletzungen nicht und die paar Schrammen im Gesicht machen dich auch nicht hässlicher als du ohnehin schon bist.“ Einige der Männer grinsten bei den Worten des Baders der damit die Situation sichtlich entspannte. „Wenn die Dummköpfe hier endlich ihre ungewaschenen Mäuler halten, kannst du uns erzählen was passiert ist. Aber zuerst werde ich deine Wange mit ein paar Stichen verarzten. Es wäre schade wenn deine Frühstückssuppe den ganzen Tisch versaut, weil sie durch deine Backen heraustropft.“

Bereits nach wenigen Minuten hatte der Heilkundige Christians Wunden versorgt. Die Spuren die der nächtliche Eindringling an der Kehle des Schreiners hinterlassen hatte, erwiesen sich als nicht besonders schwerwiegend. Mit ruhiger Stimme schilderte Christian den Überfall, allerdings ohne seinen vorhergehenden Traum auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

„Es blutet und es ist verletzlich“, schloss er seinen Bericht. „Allerdings war es nicht das Untier das Johannes und unsere anderen Männer aufgefressen hat. Auch wenn es auf den ersten Blick menschlich erscheint, gleicht es in nichts einem normalen Mann.“ Einige der umstehenden Männer bekreuzigten sich während der Schilderung der nächtlichen Ereignisse. Nur der Bader grunzte zufrieden. „Was blutet kann auch kein Dämon sein, beruhigend das zu wissen.“

Sofort brauste einer der Dorfbewohner auf. „Du tust gerade so als hättest du das Wissen über Dämonen alleine gepachtet. Wie kannst du sicher sein dass es keine Ausgeburt der Hölle ist, die unser Dorf heimsucht?“ „Weil es sich dann garantiert dich ausgesucht hätte um dir den Garaus zu machen. Dämonen… holen sich immer zuerst die größten Dummköpfe, weil die am besten schmecken.“ Einige der Männer lachten und der Sprecher zog sich schmollend in die hintere Reihe der Anwesenden zurück.

„Trotzdem ist es eigenartig das es dieses Ding ausgerechnet auf dich abgesehen hat“, warf ein einer der Männer ein. „Du bringst unser ganzes Dorf in Gefahr, wir anderen habe mit der ganzen Sache nichts zu schaffen.“

Der Bader fuhr von seinem Platz hoch, als wenn er sich in ein Wespennest gesetzt hätte. „Seid ihr denn jetzt alle verrückt geworden? Meint ihr im Ernst, dass ihr sicher seid wenn Christian nicht mehr da ist? Im Gegenteil, bisher war er der einzige der sich gegen dieses Ungeheuer wehren konnte und noch am Leben ist. Soll ich euch die Namen unserer Freunde aufzählen die ihre Begegnung mit diesem Miststück nicht überstanden haben?“ Zornig schaute der Bader in die Runde, die recht betreten dreinschaute.

Natürlich war es den meisten der Männer klar, dass sie keineswegs in Sicherheit waren. Auch dann nicht wenn ihr Mitbewohner das Dorf verlassen würde. Die folgende Diskussion die den Worten folgte, war hitzig aber nicht mehr gegen den Schreiner und seine Familie gerichtet. So war es nicht verwunderlich, dass der sich nähernde Hufschlag eines galoppierenden Pferdes in dem geräuschvollen Wortgefecht der Dorfbewohner unterging. Erst das schmerzhafte Wiehern, eines mit brutaler Gewalt zum Stehen gebrachten Pferdes, ließ die Köpfe der Männer herumfahren.

Mit einem Knall wurde die Tür zur Hütte aufgestoßen und alle Gespräche verstummten auf einen Schlag. Bodo von Birkenfeld stand im Türrahmen und sah sich finster im Raum um. „Alle raus, die hier nichts zu suchen haben.“ Die Autorität des Adligen sorgte dafür dass die Männer mit gesenkten Köpfen den Raum verließen. Nur der Bader machte keinerlei Anstalten das Feld zu räumen. Nachdenklich sah von Birkenfeld den Heiler an der sich allerdings nicht im Geringsten in seiner Ruhe stören ließ, seine Pfeife aus der Rocktasche zog und anzündete.

„Ich muss bei meinem Patienten bleiben.“ Von Birkenfeld runzelte kurz die Stirn, akzeptierte aber die Anwesenheit des Baders. „Erzähle, lasse nichts aus Bauer, ich muss genau wissen was sich zugetragen hat“, forderte er Christian auf. „Ja Herr, aber wieso…“ „Wieso ich hier bin? Ich habe meine Quellen“, wich der Adlige der Frage des Dorfbewohners aus.

Während Christian den Ablauf des nächtlichen Überfalls in allen Einzelheiten schilderte, blitze eine Spur von Achtung in den Augen des Adligen auf. Ohne den Dörfler zu unterbrechen hörte er sich die Geschichte, und auch die Schlussfolgerungen die der daraus zog, bis zum Ende an. Nachdenklich schaute er ins Leere als Christian geendet hatte. Nur das leise Prasseln des Feuers war in der Stille zu hören. „Kannst du reiten Bauer?“ fragte er unvermittelt und mit ruhiger Stimme. „Ich kann reiten Herr, aber ich habe eine Bitte an euch.“ Auffordernd nickte von Birkenfeld, um Christian die Gelegenheit zum Sprechen zu geben. „Ich weiß es steht mir nicht zu euch zu korrigieren, aber ich bin ein Schreiner, kein Bauer.“ Der Bader blickte besorgt zu dem Adligen. Dem niederen Stand war es nicht gestattet zu reden, falls er nicht dazu aufgefordert wurde. Christian wagte es sogar einer hochgestellten Persönlichkeit zu widersprechen. Die Spannung die in dem niedrigen Raum herrschte war körperlich zu spüren und die Stille fast unerträglich. Mit einem Ruck stand von Birkenfeld auf und der Bader zog unwillkürlich seinen Kopf ein. „Es ist gut wenn du reiten kannst Schreiner.“ Erleichtert stieß der dicke Heiler die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte. „Wir werden auf die Jagd gehen… und ihr Beide kommt mit.

Kapitel 20

Franz Xaver Konopke machte sich ausgehfertig. Das Treffen mit dem Kriegsveteranen James T Brown war für den nächsten Tag geplant und das gab ihm die Gelegenheit mit Dirk Hauser gemeinsam das Abendessen einzunehmen. Der Hauptkommissar mochte noch so ungelenk erscheinen, aber sein Feingefühl war dafür umso besser. Seit seiner Zeit im Sonderdezernat für Taschendiebstähle war es für ihn Routine zufälligen Berührungen nicht zu trauen. Unauffällig hatte er, nachdem er das Taxi verlassen hatte, seine Tascheninhalte kontrolliert, aber es hatte nichts gefehlt.

Hauser hatte zweimal seinen Jackettkragen berührt, so als wenn er ihn zurechtrücken wollte. Beim ersten Mal hatte sich Konopke nichts dabei gedacht, aber zwei Mal die gleiche Stelle war auffällig. Das kleine Ansteckmikrofon hatte Franz dort belassen wo es war, aber für den Abend ein anderes Sakko gewählt. „Mal sehen ob ich herausfinden kann wieso du mich bespitzelst mein Freund.“ murmelte er leise vor sich hin, während er mit dem Lift nach unten in die Hotellobby fuhr.

Schon beim Öffnen der Fahrstuhltür sah Konopke den jungen Mann an der Rezeption stehen. Er hatte seine ungebändigte Haarpracht nach hinten gekämmt und zu einem Zopf zusammen gebunden. Zu den brauen Leinenhosen trug er ein rotes Sakko mit passendem Einstecktuch und ein weißes Hemd. Alles in allem eine Kleiderwahl mit Widersprüchen, die allerdings zu seinem Typ passte und keinerlei Grund zu Beanstandungen gab.

Konopke sah wie der Hotelangestellte in die Richtung des Lifts zeigte, aus dem gerade heraustrat. Hauser drehte sich um und winkte ihm lächelnd zu. „Ich dachte mir dass sie pünktlich sind und habe das Taxi draußen warten lassen“, begrüßte er Franz Xaver freudig. „Ich habe einen Bärenhunger und hoffe dass ich mit der Wahl des Restaurants auch ihren Geschmack treffen werde.“Bei mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen. Nach den Unverschämtheiten die sie in dem Billigflieger als Nahrungsmittel getarnt haben, könnte ich einen Elefanten auffressen.“ Hauser kicherte. „Aus ihnen spricht der Gourmet. Ich bin gespannt was sie zu dem Essen sagen das ihnen heute geboten wird.“

„Schlechter als das im Flugzeug wird es wohl nicht sein und ansonsten bin ich Nahrungsmittel gegenüber sehr aufgeschlossen“, erwiderte Konopke, während sie auf den Ausgang zugingen. „Eigentlich wollte ich sie ins Bouley entführen das eine hervorragende französische Küche bietet. Ich habe mich dann aber doch für das Gramercy Tavern in der 20 th Straße und die amerikanische Esskultur entschieden.“ Hauser gab, nachdem sie eingestiegen waren dem Taxifahrer einen Wink und Konopke genoss die Fahrt durch das abendliche Manhattan.

„Wie kommt es eigentlich, dass sie sich so gut in New York auskennen?“ Ich habe meine ersten zwölf Lebensjahre hier verbracht. Meine Mutter war Deutsche und mein Vater Amerikaner. Dadurch komme ich in den Genuss von zwei Pässen.“ „Ich dachte dass es nur noch in Ausnahmefällen erlaubt ist zwei Pässe zu besitzen“, erwiderte Konopke. „Stimmt.“ Hauser grinste schon wieder. „Allerdings sieht die Geschichte ein wenig anders aus, wenn man so wie ich in den Staaten geboren ist und eine deutsche Abstammung hat. Damit erlangt man die doppelte Staatsbürgerschaft automatisch. Ich kenne allerdings einige Landsleute die schon länger in den USA leben und immer noch zwei Pässe besitzen. Mit einer Ausnahmegenehmigung und dem Nachweis der Sprachkenntnisse, sowie Bindungen an die alte Welt ist dies nach wie vor möglich. Allerdings ist es ein relativ langwieriges Verfahren.“

Entspannt lehnte sich der Hauptkommissar zurück und beobachtete Hauser. Für den schien das nächtliche New York nichts Besonderes zu sein schien. Eine knappe halbe Stunde später betraten sie das Gramercy Tavern. Dirk hatte nicht zu viel versprochen, das Menü dass sie gewählt hatten war hervorragend. Nachdem Konopke von der gekühlten Tomatensuppe mit Pfirsichmark und Hummerfleisch gekostet hatte, stieg seine Laune bereits um mehrere Prozentpunkte an.

Nach dem zweiten Gang, der aus einem Carpaccio vom Rind, und einem Pesto aus Radieschen, Oliven, Pinienkernen, Sardellen Aioli und Basilikum bestand, erschien ein Strahlen auf seinem Gesicht. „Mein Kompliment Dirk, ich habe nicht erwartet dass die amerikanische Küche solche Köstlichkeiten bietet.“

„Warten sie ab bis sie das Hauptgericht probiert haben. Dann werden sie feststellen, dass man den Himmel auch auf der Erde finden kann.“ „Was machen sie beruflich, wenn ich fragen darf?“ Bisher hatte sich das Gespräch der beiden Männer ausschließlich um das Essen gedreht und Franz Xaver fand den Zeitpunkt zwischen zwei Gängen passend, um mehr über seinen Tischpartner zu erfahren.

„Ich vertrete ein deutsches Softwareunternehmen in den USA“, antwortete Dirk sofort auf die Frage Konopkes. „Deutsche Software in den Staaten?“ „Klar doch, es gibt immer noch einige Bereiche der Datenverarbeitung die nicht von Microsoft oder Apple abgedeckt werden“, grinste Hauser. „Unsere Produkte dienen mittleren und großen Unternehmen um den Nachschub von Waren, Halbfertigteilen und Rohstoffen zu koordinieren und zu verwalten.“ Bieten die Ami’s so etwas nicht?“ „Natürlich, aber unsere Programme bieten ein paar nicht unerhebliche Vorteile.“ „Und die wären?“

Konopke interessierte sich wirklich für das Thema. „ Falls sie es nicht wissen sollten, wir leben mitten im Krieg. Kein Krieg der mit Waffen ausgefochten wird, die Zeiten sind schon lange vorbei. Informationen sind die Waffen der Neuzeit. Derjenige der sie am schnellsten beschafft und auswertet, hat heutzutage das Sagen und die Macht.“

„Das war auch schon in der Antike der Fall“, warf Konopke ein. „Ein Feldherr war nur dann erfolgreich, wenn er quasi in Echtzeit über die Abläufe auf dem Schlachtfeld und die Vorhaben seiner Gegner Bescheid wusste.“ „Daran hat sich bis heute nichts geändert“, stimmte Hauser zu. „Nur mit einem Unterschied. In der globalisierten Welt geht es nicht mehr um Landgewinne und das umbringen von Feinden, sondern um das erobern von Märkten. Es gewinnt nicht mehr automatisch derjenige der die größte Armee hat. Flexibilität und Schnelligkeit ist viel wichtiger geworden. Auch die Allianzen sehen heute ganz anders aus als in früheren Jahren.

Die Unternehmen stehen in einem erbarmungslosen Wettbewerb und sind gezwungen nicht nur die nationale, sondern vor allem die internationale Konkurrenz im Auge zu behalten. Umsatz bedeutet nicht unbedingt dass große Gewinne damit verbunden sind. Auf Halde zu produzieren, kann sich kein Unternehmen mehr erlauben. Das bedeutet eine Menge gebundenes Kapital und eine Unterbrechung der Wertschöpfungskette.

Waren werden heute nicht mehr in einen bereits übersättigten Markt hineingedrückt, sie werden vielmehr dann produziert wenn der Kunde sie benötigt.“ „Wie soll das funktionieren?“ fragte Konopke skeptisch. „ Schließlich bedeuten internationale Lieferketten auch weite Transportstrecken.“ Dirk Hauser nahm einen großen Schluck des Chateau Le Jurat - St. Emilion einem kräftigen Rotwein aus dem Bordeaux der zu der zweiten Vorspeise serviert worden war.

„Richtig, aber diese Lieferketten sind planbar. Das Ganze funktioniert, aber nur dann wenn alle beteiligten Unternehmen miteinander vernetzt sind und die Software konvertibel ist. Das Zauberwort heißt Suply Chain Management und bedeutet dass das System die Planung, Einbindung und Ausführung aller Aufgaben übernimmt, die zur Beschaffung notwendig sind.

Nationale Interessen und Vorlieben sind dabei untergeordnet. Wenn sich die Mehrzahl der Partner auf ein bestimmtes Program geeinigt hat, muss der Rest nachziehen. Das Ganze unter dem Motto, Vogel friss oder stirb. Wesentliches Paradigma dabei ist, dass es nicht mehr einzelne Unternehmen sind die auf den Märkten konkurrieren, sondern komplette Lieferketten die miteinander vernetzt sind.“

Das Gespräch wurde unterbrochen als der Ober den Hauptgang servierte. „Das riecht ja köstlich.“ Konopke rollte verzückt mit den Augen. „ Der Geheimtipp schlechthin in diesem Restaurant. Geröstetes und geschmortes Lamm mit grünen Knoblauch, Frühlingszwiebeln und roten Kartoffelschnitzen“ erwiderte Hauser lächelnd. „Mein Gott,“ sinnierte Konopke andächtig, nachdem er die ersten Bissen zu sich genommen hatte. „Wenn ich irgendwann einmal eine Henkersmahlzeit benötige, dann muss es dieses Gericht sein.“

Hauser lachte, „Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Kopf wegen einer Speise zu verlieren. Das wäre selbst solches ein Menü nicht wert.“ Richtig.“, schmunzelte Konopke. „Trotzdem ist das Lamm eine wahre Götterspeise. Ich habe selten etwas Besseres gegessen.“ Franz Xaver und Hauser konzentrierten sich in den nächsten Minuten ganz auf den Inhalt ihrer Teller und erst als sich Konopke mit der Serviette zufrieden den Mund abwischte kam das Gespräch wieder in Gang.

„Das Lieferkettenprogram, dass sie mir vorhin geschildert haben, scheint ein sehr komplexes Gebilde zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen dass alles ohne Schwierigkeiten abläuft.“ Es dauerte einen Moment bis Hauser antwortete. „Sie haben recht, die Theorie ist das Eine und die Praxis das Andere. Ich will versuchen ihnen die Problematik mit ein paar einfachen Worten zu beschreiben. Eine solche Vernetzung schafft Abhängigkeiten und genau daraus entstehen auch die meisten Schwierigkeiten. Die Auswahl der Partner, sowie deren Verlässlichkeit spielen eine übergeordnete Rolle und natürlich auch das System selbst. Wer lässt sich schon gerne in die Karten schauen. Es muss also gewährleistet sein, dass nur die Informationen weitergegeben werden, die für den Auftrag notwendig sind. Die Vernetzung betrifft nicht nur das Warenwirtschaftssystem sondern auch die die Finanzen, den Personalbereich und alle anderen administrativen Vorgänge einer Unternehmung. Logisch dass deshalb die Datensicherheit in jedem Bereich gewährleistet sein muss.“

„Was würde eigentlich geschehen wenn jemand dieses System manipulieren würde?“, fragte Konopke neugierig. Schlagartig wurde Hauser ernst. „Darüber würde ich am liebsten nicht nachdenken Es ist zu hoffen dass es niemals dazu kommt.“ „Trotzdem würde es mich interessieren“, drängte Franz sein Gegenüber zu einer Antwort. „Zusammenbruch der Weltwirtschaft und Milliarden Tote“, antwortete Hauser knapp.

„Ist das nicht ein wenig übertrieben?“ Die Skepsis an Hausers Prognose war Konopke anzusehen. „Eher untertrieben. Rund achtzig Prozent aller Waren werden über das Meer in das jeweilige Importland transportiert. Die Ernährung der Weltbevölkerung ist ohne industrielle Mittel nicht mehr zu bewältigen. Selbst einfache Medikamente wie Kopfschmerztabletten werden heute in Asien produziert. Kohle, Öl und andere Rohstoffe, nichts läuft mehr auf rein nationaler Ebene ab. Das was wir Kultur nennen, würde sich in kürzester Zeit in Anarchie verwandeln.“

Wieder wurde das Gespräch der beiden Männer durch die Bedienung unterbrochen, die das Dessert an den Tisch brachte. Eine Auswahl von Sorbets mit Himbeere, Zitrone und Minze, die zusammen mit Honigpfannkuchen serviert wurden. Hauser sah das Franz Xaver über das Gehörte nachdachte. Schweigend löffelte er das Sorbet in sich hinein, schien aber nicht wahrzunehmen was in seinem Mund so zart wie eine Schneeflocke zerging. Nach dem letzten Gang ließen sich die beiden Männer einen Kaffee servieren und nahmen die Unterhaltung wieder auf.

„Ich erzähle die ganze Zeit von mir, während ich über sie noch gar nichts erfahren habe“, lenkte Hauser das Gespräch auf Franz Xaver Konopke. „Wer es glaubt wird selig“, dachte der Hauptkommissar. „Warum sollte man einem unbekannten und harmlosen Menschen ein verstecktes Mikrofon unterjubeln, wenn man nicht seine Gründe dafür hatte.“ Er beschloss so weit wie möglich bei der Wahrheit zu bleiben, ohne allerdings allzu viel über sich und den Grund seines Besuches in den Vereinigten Staaten zu verraten.

„Ich bin nur ein einfacher kleiner Staatsdiener“, erklärte er Hauser lächelnd. „So klein dass ich sogar in dem engen Sitzplatz eines Billigfliegers Platz nehmen muss.“ „Und was macht der kleine Staatsdiener in den Vereinigten Staaten? Ihre Erklärung am Flughafen war doch etwas vage.“ Konopke seufzte. „Ich halte meinen Aufenthalt in den USA für unnötig, log er ohne mit der Wimper zu zucken. „Es sind lediglich einige Recherchen durchzuführen, wobei das Wort Recherche schon wieder maßlos übertrieben ist. Befragung wäre die bessere Beschreibung.“

„Also ist ihr Besuch doch nicht privater Natur?!“ hakte Hauser nach. Konopke wiegte abwägend den Kopf hin und her. „Halb und halb würde ich sagen. Wer lässt sich schon eine Reise in die Staaten entgehen. Aber sie haben sicher Verständnis dafür, dass ich über dienstliche Belange nicht reden darf, auch wenn sie noch so banal und unnütz sind.

„Schade“, seufzte Hauser. „Garantiert ist ihr Job aufregender als sie zugeben.“ Konopke ließ sich nicht aus der Reserve locken. Erstens gehörte es nicht zu seinem Charakter sich durch seine Arbeit interessant zu machen und außerdem war dieser Hauser garantiert nicht die Person, die er vorgab zu sein. „Es ist immer gut wenn man gefährliche Objekte im Auge behält“ dachte sich Franz Xaver. Er würde den Teufel tun, seinen Wissensvorsprung war ein handfester Vorteil für ihn. Solange sein Tischgenosse nicht wusste dass Konopke einen Verdacht gegen ihn hegte, besaß er immer noch die Chance mehr über Hauser zu erfahren.

Betont auffällig unauffällig sah er auf seine Armbanduhr. „Es ist schon spät und ich muss morgen sehr früh aufstehen. Sind sie mir böse wenn ich mich verabschiede?“ Verständnisvoll schüttelte Hauser den Kopf. „Ihnen steckt noch der Jet- Leg in den Knochen. Schlafen sie sich erst einmal richtig aus.“ Er winkte den Kellner herbei und wollte schon seine Geldbörse zücken, als ihm Konopke Einhalt gebot.

„Das ist mein Part und mein Dank an sie, dass sie einem armen Halbtouristen geholfen habe in dieser Stadt nicht zu verhungern“, argumentierte der Kommissar und reichte der Restaurantkraft seine Kreditkarte zusammen mit einem üppigen Trinkgeld. Hauser begleitete Franz Xaver noch zu seinem Hotel und drückte ihm zum Abschied seine Visitenkarte in die Hand. „Ich würde mich freuen ihnen morgen Abend ein paar ausgefallen Bars zu zeigen“, lud er Konopke ein. „Gerne, vorausgesetzt dass mich mein morgiger Gesprächspartner nicht zu lange aufhält.“ „Rufen sie mich an, meine Nummer steht auf der Karte“ lächelte Hauser und schüttelte Konopke noch einmal die Hand. „Sie sind ein interessanter Gesprächspartner und ein aufmerksamer Zuhörer, Franz. Es macht Spaß ihnen die amerikanische Lebensart etwas näher zu bringen.“

Nachdem Hauser mit dem Taxi davongebraust war, machte sich der Hauptkommissar auf den Weg in seine Hotelzimmer. Sofort nachdem er den Raum betreten hatte, schaltete er den Hoteleigenen Computer ein, der zur Standartausstattung seiner Suite gehörte. Er hatte mit seinen Kollegen des BKA die Vereinbarung getroffen sich regelmäßig zu melden und Bericht zu erstatten. In Gedanken formulierte er bereits den Text der e- Mail, als er sich eines Besseren besann. Anstatt von seiner Begegnung mit Hauser zu berichten tippte er lediglich drei Wörter in den Computer ein. „Bin gut angekommen.“

Er wusste zwar nicht was ihn davon abhielt Sobert und Bachert zu informieren, aber bisher war er immer gut beraten gewesen, seiner Intuition zu vertrauen. Sicherlich hätte Konopke es auch als aufschlussreich empfunden wenn er das Telefongespräch hätte mithören können, das Hauser während der Taxifahrt mit einem unbekannten Gesprächspartner führte.

„Es ist alles so gelaufen wie wir es geplant haben.“ Eine kurze Pause trat ein in der Hauser seinem Gesprächspartner zuhörte. „Nein, ich bin fest davon überzeugt, dass er das Mikrophon gefunden hat, das ich an seiner Kleidung befestigt habe. Es war nicht leicht sich absichtlich so ungeschickt anzustellen dass er misstrauisch wird. Außerdem ist es ein altes Gerät, dass aufgrund seiner Größe schon lange nicht mehr im Einsatz ist. Ich bin mir fast vorgekommen wie James Bond in den sechziger Jahren, als ich es in der Hand hatte, kein Vergleich zu unseren heutigen Möglichkeiten.“ Wieder lauschte Hauser der Stimme am anderen Ende der Leitung. „Das habe ich überprüft, sowohl das Hotelzimmer als auch seine Kommunikationsgeräte werden abgehört. Beste Qualität, hohe Reichweite und auch für Experten nur sehr schwer zu entdecken. Es bleibt nur zu hoffen dass dieser Konopke so clever ist wie wir ihn einschätzen.“

 

Kapitel 21

Gleißende Helligkeit blendete Friedrich Schuckele, selbst durch seinen geschlossenen Augenlider hindurch. Im Gegensatz zu den letzten Tagen, vielleicht waren es Wochen, oder gar Monate, war er relativ klar im Kopf. Sein einziger Wunsch war es zu sterben. Jeder Mensch hatte eine Leidensgrenze bis zu der er bereit war um sein Leben zu kämpfen, doch die war bei Friedrich schon längst überschritten. Er lag angeschnallt auf einer Liege und spürte wie die Gurte in sein Fleisch schnitten. Seiner Meinung nach war das eine absolut unnötige Maßnahme, denn ein Mann ohne Gliedmaße konnte nicht mehr aufstehen, geschweige denn weglaufen.

Ein Klicken und Summen erfüllte den Raum. Ohne die Augen zu öffnen wusste Schuckele, dass er sich in einem anderem Zimmer befand das von der Akustik her kleiner und scheinbar auch mit Mobiliar gefüllt war. Deutlich konnte er die Stimmen zweier Männer hören, die sich leise unterhielten. Er verstand kein Wort, denn die Sprache war ihm absolut unbekannt. Sie klang guttural und melodisch zugleich, aber auch fremdartig und… alt. Das war es. Intuitiv erfasste Friedrich, dass die Unterhaltung der beiden Männer in einem Idiom geführt wurde, das schon lange der Vergangenheit angehörte.

Immerhin schienen es Menschen zu sein und nicht dieses rotäugige Ungeheuer, dessen einziger Daseinszweck die Qual seines Körpers und seiner Seele zu sein schien. So sehr er sich bemühte seine Augen zu öffnen, er schaffte es nicht. Auch der Mund gehorchte ihm nicht mehr. Erst jetzt spürte er die Schläuche die in seine Nase führten und ihn mit Atemluft versorgten, während sein Speichel durch eine andere Röhre abgesaugt wurde. Er war zwar an medizinisches Gerät angeschlossen, wusste aber dass die Menschen die um seine Liege herumstanden, nicht hier waren um ihm beizustehen. Alleine der Gesprächston zeigte ihm, dass er für sie lediglich ein Objekt war und nicht eine geschundene menschliche Kreatur die Hilfe brauchte. Trotz seiner Lähmung die durch Medikamente verursacht wurde, bäumte er sich auf als er das helle Singen einer Knochensäge hörte.

Kapitel 22

Es war eine nicht alltägliche Jagdgesellschaft die auf der alten Poststraße unterwegs war. Bodo von Birkenfeld hatte drei Begleiter bei sich, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Staunend und misstrauisch beäugten die Dorfbewohner den kleinen Trupp Männer der mit zwei ledigen Reitpferden und zwei Packtieren durch Hockenheim ritt und vor Christians Hütte zum Stehen kam. Von Birkenfeld hatte seine höfische Kleidung gegen einen Wams und Beinkleider aus Hirschleder eingetauscht. Darüber trug er einen Mantel aus Bärenfell der zwar nicht kostbar, dafür aber warm und praktisch aussah. Alle Kleidungsstücke waren so geschnitten dass sie den Träger weder beim reiten noch beim kämpfen behindern konnten.  

Hinter ihm schwang sich ein Hüne von Mann von seinem Pferd, gegen den das normal große Tier wirkte, als wäre es ein Pony. Er war ähnlich gekleidet wie der Adlige, nur dass sein Hemd unter dem Wams die gewaltigen Muskeln nicht zu verbergen suchte. Die Ärmel reichten nur knapp über die Ellbogen und es schien als wäre das Tuch absichtlich so geschneidert worden, damit das Spiel seiner Muskulatur den Stoff nicht sprengte. Sein Gesicht wurde durch einen schwarzen, wild wuchernden Bart verborgen, der nur die Nase und die dunklen Augen freigab während sein Schädel vollkommen kahl war. Seine Beinkleider waren mit auffälligen Flicken versehen die wenn man genauer hinschaute ein Muster ergaben.

Die beiden letzten der Gruppe glitten ebenso geschmeidig aus den Sätteln wie von Birkenfeld. An dem Älteren erschien nichts auffällig zu sein und er hätte in keinem Dorf oder einer Stadt Aufsehen erregt. Er war hager und sein schütteres Haar wurde von vielen silbernen Fäden durchzogen die zeigten, dass sein bestes Lebensalter bereits hinter ihm lag. Obwohl seine Jugend bereits vergangen war, bewegte er sich mit der Geschmeidigkeit eines Raubtiers und seine Haut war vom Wetter gegerbt. Die eisgrauen Augen schienen ständig einen entfernten Punkt in der Weite zu suchen, aber es entging ihnen nichts von dem was um ihn herum geschah. Er schien den Aufenthalt im Freien gewohnt zu sein und die Schwielen an seinen Händen bewiesen, dass er harte Arbeit nicht scheute. Auch seine Kleidung war praktisch und für jede Art von Witterung ausgelegt.

Doch keiner der drei Männer sorgte für so viel Aufsehen, wie der vierte Gefährte der seltsamen Gesellschaft. Seine Haut enthielt einen gelblichen Ton und die Augen waren mandelförmig. Das lange schwarze Haar war hinter dem Kopf zu einem kunstvollen Zopf geflochten, den er allerdings nochmals zusammengebunden hatte damit er nicht hinderte. Seine Haltung war so aufrecht und stolz, dass er damit sogar die Arroganz des Adligen von Birkenfelds in den Schatten stellte. Keine Von seiner Miene war keine Gemütsregung abzulesen, als er seine Stiefel in die schmutzige Gasse setzte. Im Gegensatz zu den anderen Männern, trug er ein Gewand in leuchtendem Blau, dass bis zu den Knöcheln reichte, ohne seine Bewegungsfreiheit einzuschränken. Auf dem Rücken trug er eine seltsam geformte und kostbar verzierte Scheide, in der ein Schwert steckte. Der Rest der Männer hatte die Waffen mit Tüchern verhüllt.

Natürlich wussten die Dorfbewohner dass es Chinesen gab und Waren aus dem fernen Osten waren hochbegehrt. Gesehen hatte bis zum heutigen Tag allerdings noch niemand einen Bewohner dieses seltsamen Landes.

Christian hatte bereits am Vortag sein Feldgeschirr gerichtet und war abreisefertig, während der Bader immer noch rätselte was er in seinen Packen zu füllen hatte. „Muss ich wirklich mitkommen gnädiger Herr? Ich werde euch nur hinderlich sein und außerdem möchte ich euch nicht mein Gejammer antun wenn ich mein Hinterteil wundgeritten habe. Normalerweise bin ich das Reisen in einem Wagen gewöhnt und nicht auf dem Rücken eines Pferdes.“

Der Bader versuchte alles um Bodo von Birkenfeld davon abzubringen ihn als Begleiter mitzunehmen. Christian hatte erwartet dass der Adlige äußerst unwirsch reagieren würde und sah stattdessen ein amüsiertes Lächeln über dessen Gesicht huschen bevor er ernst wurde. „Mein Gefühl sagt mir dass du uns noch nützlich sein kannst. Wenn mir dein Gejammer zu viel wird, sorge ich dafür dass Aleksej Wladimirowitsch dir deinen Mund zunäht. Er kann nämlich sehr gut mit Nadel und Faden umgehen.“ Während er sprach zeigte er auf den kahlköpfigen Hünen, der dem Bader freundlich, vielleicht aber auch wölfisch zulächelte. So genau ließ sich der Gesichtsausdruck unter dem wuchernden Bart nicht deuten. Der dicke Heilkundige schwieg sofort. Nur die Schluckbewegungen seiner Kehle zeigten, dass er die Warnung des Adligen durchaus ernst nahm.

Seufzend hob er sein Bündel auf und verschnürte es auf dem Braunen, der ihm von dem Hageren zugewiesen worden war. Leise hörte man das Klirren von Flaschen, wobei der Mantel des Baders verdächtige Ausbuchtungen zeigte. Misstrauisch zog von Birkenfeld seine Augenbrauen nach oben. „Schleppst du etwa einen Schnapsladen mit dir herum? Ich werde nicht zulassen dass du in deinem Fusel ertrinkst und uns alle gefährdest.“ Entrüstet wies der Bader den Vorwurf von sich. „Medizin Herr, alles nur Medizin. Ihr könnt nicht von mir verlangen meine Tränke und Elixiere zurückzulassen. Ich will gerüstet sein wenn einem der Männer ein Unglück zustoßen sollte.“ Von Birkenfeld überlegte kurz und nickte zögernd. „So sei es, aber wehe dir wenn du dir selbst zu viel von deinen Tränken und Elixieren zuführst.“

Automatisch griff die Hand des Baders an seinen Gürtel und die dort hängende Flasche. Selbst der strafende Blick des Adligen hielt ihn nicht davon ab, einen kräftigen Schluck zu sich zu nehmen. „Nur wegen meiner Gesundheit, Herr. Nur der Gesundheit zuliebe und um bösen Geistern vorzubeugen.“ Christian hatte das Geschehen neugierig verfolgt, während er seine Habseligkeiten auf dem Rücken des kräftigen Rappen verstaute, dessen Zügel ihm Bodo von Birkenfeld selbst überreicht hatte. In seinem Gürtel hatte er die frisch geschärfte Axt hängen und in der Hand hielt er eine Pike die er sich von einem Nachbarn geliehen hatte. Seine eigene war bei der ersten Begegnung mit dem Untier zu Bruch gegangen und außer dem abgebrochenen Stiel, hatte der Trupp Männer die ihn nach Hause gebracht hatten nichts mehr gefunden.

 „Deine Bewaffnung taugt wenig für unser Vorhaben“, tadelte der Adlige den Dorfschreiner. Sein Ton war freundlich, fast schon zuvorkommend. „Ich habe mir gleich gedacht dass ich dich angemessen ausstatten muss.“ Noch während er sprach hatte der Hagere ein verhülltes Bündel von dem Rücken eines der Packpferde genommen. Als er es aufschlug begannen Christians Augen zu leuchten. In den Tüchern lag ein Rapier allerster Güte. Es war weder verziert, noch sonst in irgendeiner Art und Weise auffällig. Christian erkannte sofort die Qualität der Landsknechtwaffe. Sie ähnelte einem Degen und war beidseitig geschliffen. Allerdings hatte sie eine kürzere Klinge. Sie war scharf wie eines der Messer des Baders, welche er zum schneiden und säubern von Wunden benutzte. Außerdem wies sie eine ungewöhnliche Festigkeit auf. Der Schreiner war sicher, dass diese Waffe sogar in der Lage war eine Rüstung zu durchdringen.

Als er sie aufnahm, schmiegte sie sich in seine Faust, als wenn es die natürliche Verlängerung seiner Hand und seines Armes wäre. Die Ausgewogenheit des Rapiers bewies, dass sie von einem Meister geschmiedet worden war. Daneben erkannte Christian eine Partisane ganz besonderer Bauart. Dabei handelte es sich um eine Stoßwaffe mit einer langen flammenartigen Klinge, die weitaus kürzer als eine Pike war und nur schlecht zum Werfen taugte. Für den Nahkampf war sie ebenfalls nur bedingt dienlich, weil man damit den Gegner nur schwer auf Abstand halten konnte, und die Spitze leicht brach. Mit einem Blick erkannte der Schreiner dass die Waffe stark verändert worden war.

Die Klinge hatte nach wie vor ihre Flammenform auch wenn sie etwas gekürzt worden war. Dafür waren an den Enden Gewinde angebracht, mit denen der Griff mit den beiliegenden Schäften fast beliebig verlängert werden konnte. Alles in allem die ideale Waffe um in einem Waldstück und im Unterholz zu kämpfen ohne durch die übliche Länge einer Stoßwaffe behindert zu werden. „Das Bündel gehört ab heute dir. Ich hoffe dass du mit den Waffen umgehen kannst.“ Von Birkenfeld hatte das Leuchten in Christians Augen gesehen und sofort erkannt dass dieser das Geschenk durchaus zu schätzen wusste.

„Ja Herr, den Umgang habe ich im Krieg mit den Türken gelernt und da ich heute immer noch hier stehe, wusste ich mich wohl meiner Haut zu wehren.“ Zufrieden nickte der Adlige, der mit der Übergabe der Waffen, Christian auch das Recht verliehen hatte diese zu tragen. Nur wenigen Menschen des niedrigen Standes wurde eine solche Ehre zuteil. Christian reichte seine Pike einem der umstehenden Männer, behielt aber die Axt an seinem Gürtel. Als er den fragenden Blick des Adligen bemerkte grinste er. „Es wäre zu schade mit dem Rapier Feuerholz zu schlagen Herr. Ich denke dass uns das Beil noch gute Dienste leisten wird.“ Von Birkenfeld überlegte kurz und nickte. Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch. „Lasst uns reiten, wir haben schon genug Zeit verloren.“

Christian war froh dass er sich bereits in der Hütte von Marie und den Kindern verabschiedet hatte. Er wollte nicht noch einmal in die verängstigten Augen seiner Frau blicken und bemühte sich seinen Kopf von allen Gedanken frei zu machen, die nichts mit der vor ihnen liegenden Aufgabe zu tun hatte. Hinter ihm ertönte das leise Fluchen des Baders, der sich bemühte seinen mächtigen Hintern auf dem Sattel des Pferdes, in eine für ihn einigermaßen angenehme Stellung zu bringen. Allerdings schien ihm der Blick auf den vorausreitenden Hünen zu genügen, seine Stimme nicht allzu laut werden zu lassen. Fast das gesamte Dorf war zu ihrem Abschied erschienen, aber nicht alle Blicke waren sorgenvoll. So mancher schien aufzuatmen als Christian das Dorf verließ, in der Meinung dass damit die Gefahr gebannt sei.

Freudlos lachte der Schreiner auf. „Was amüsiert dich?“ Ohne dass er es bemerkte, hatte der Hagere sein Pferd neben das Tier von Christian gelenkt. „Meine Leute sind der Meinung, dass mit mir auch das Unheil aus dem Dorf verschwindet.“ „ Macht dir das etwas aus?“ Der Grauhaarige verzog bei der Frage keine Miene. Trotzdem spürte Christian dass er auf seine Antwort gespannt war. „Mir ist es egal was die Leute von mir denken, solange ich mich morgens noch selbst im Spiegel betrachten kann.“ Der Hagere pfiff durch die Zähne. „Du besitzt einen Spiegel? Welch ein Luxus.“ Das Lachen das Christian jetzt hören ließ, war nicht mehr mit dem bitteren Unterton versehen, der den Mann auf ihn aufmerksam hatte werden lassen.

„Ich muss dich enttäuschen, ich bin nicht reich, aber verheiratet und auf manche Dinge legen vor allem die Frauen wert.“ Der Hagere atmete tief die frische Luft ein. Christian spürte dass sein Zuhause eher in der Natur, als in einer Stadt zu suchen war. Je weiter Hockenheim hinter ihnen zurückblieb, umso entspannter wurde sein Gesichtsausdruck. „Ich bin nicht verheiratet. Eine Frau würde sich mit meinem Leben nicht abfinden, auch wenn sie noch so anspruchslos wäre.“ „Marie ist nicht anspruchsvoll und den Spiegel habe ich von einem Glasbläser, dem ich ein paar Regale gebaut habe.“ „Ein Glasbläser, soso. Ich habe nie verstanden warum durch das eine Glas hindurchschauen kann und durch das andere nicht.“

Innerlich grinste Christian. Spiegel waren schon lange Allgemeingut und nicht mehr den Reichen und Adligen vorbehalten. Der Glasbläser hatte ihm bereitwillig erklärt, wie er das Werkstück für Christian als Lohn für seine Arbeiten herzustellen gedachte. „Mach dir nichts daraus. Ich weiß auch erst wie es funktioniert, seit ich einem Glasmeister bei der Arbeit zugesehen habe.“ Aufmunternd sah ihn der Grauhaarige an. „Na los, erzähl schon. So vertreiben wir uns wenigstens die Zeit und ich kann noch etwas lernen.“

Christian rief sich in sein Gedächtnis zurück welche Erklärungen ihm der Glasbläser während seiner Arbeit gewährt hatte. „Nachdem das Rohglas im Ofen erhitzt worden ist, nimmt der Glasbläser die Glasmacherpfeife…“ „Eine Glasbläser… was?“ unterbrach in sein Reisegefährte und zog eine Tabakpfeife unter seinem Umhang hervor. „Eine Stange aus Metall die innen hohl ist. Sie wird gedreht, während der Glasmeister in sie hineinbläst. Das flüssige Glas ist so formbar, dass daraus eine Kugel entsteht. Wenn sie die gewünschte Größe erreicht hat, gießt der Glasbläser eine Mischung aus Zinn und Amalgam, sowie ein paar andere Zutaten die er mir nicht verraten hat, durch den hohlen Stiel der Glaspfeife. Das Metall verbindet sich dabei mit der Kugel. Wenn diese abgekühlt ist, werden kleine Stücke herausgeschnitten und in entsprechende Fassungen eingesetzt. Der Spiegel weist zwar eine leichte Wölbung auf, die aber nicht besonders hinderlich ist.“ Der Hagere kratzte sich grübelnd am Kinn. „Interessant, ich glaube ich werde mich öfters mit dir unterhalten.“

Von Birkenfeld hatte dem Gespräch aufmerksam gelauscht. „Er scheint doch nicht ganz der dumme Bauer zu sein, als den du ihn eingeschätzt hast, Gottfried.“ „Das wird sich noch herausstellen“, schmunzelte der Hagere und brannte sich seine Pfeife an. Grauer Tabakrauch kräuselte sich vor seinem Gesicht und blieb als verblassender Schwaden hinter ihnen zurück.

„Eine seltsame Gesellschaft die du anführst Herr.“ Der Bader schien sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben und schloss zu der kleinen Gruppe auf. „Zweckgebunden Bader, nicht seltsam. Als seltsam wird von euch Bauern alles bezeichnet, was ihr nicht kennt, und nicht in euer Denkschema passt.“ Der Bader presste sein Gewicht in die Steigbügel um sein Hinterteil etwas zu entlasten. „Ich habe in meinem Leben schon zu viele Dinge gesehen die nicht in ein Schema passten. Die meisten davon waren unschön oder gefährlich.“

Der Adlige lächelte, als der Bader mit seiner Rede fortfuhr. „Verzeiht Herr, ich weiß dass es mir nicht erlaubt ist das zu sagen, aber ihr macht nicht den Eindruck, als wenn ihr etwas dem Zufall überlassen würdet. Deshalb glaube ich auch nicht daran, dass ihr eure Begleiter nur zufällig ausgewählt habt.“ Christian hatte erwartet, dass Bodo von Birkenfeld den Bader maßregeln würde. Es galt nicht nur als ungehörig, sondern strafbar die Handlungen des Adels zu interpretieren. Umso erstaunter sah er dass der Angesprochene immer noch lächelte.

Während des kurzen Ritts hatten sie beinahe den Waldrand erreicht, der bereits dunkle Schatten warf. „Jeder der Männer hat besondere Fähigkeiten, die uns auf unserer Jagd sehr dienlich sein können. Gottfried beispielsweise ist der Wildhübner des Kurfürsten und wenn sich jemand in den Gehölzen auskennt, dann er.“ Von Birkenfeld deutete auf den Hünen. „Aleksej kommt aus den Weiten Russlands und ist der stärkste Mann den ich kenne. Ich habe ihn am Hof von Pjotr Alexejewitsch Romanow kennengelernt, der euch wohl eher unter dem Namen Peter der Große, Zar und Großfürst von Russland bekannt sein dürfte. Aleksej war schon vor meinem Besuch eine Legende und man erzählt sich dass er einen Bären mit bloßen Händen getötet haben soll. Die Verzierungen die ihr an seiner Kleidung seht, bestehen aus den Zähnen von Tigern und Bären die er erlegt hat. Er liebt die Jagd und ich kann ihm seit langer Zeit wieder eine echte Herausforderung bieten.“

Der Bader pfiff leise durch die Zähne. „Ich glaube ich sollte mir wirklich das Jammern verkneifen. Dem Kerl traue ich zu dass er mir die Lippen zusammennäht, oder gar die Zunge heraus schneidet, wenn ich mich nicht zusammenreiße.“ Ohne auf den Einwand des dicken Heilkundigen einzugehen, deutete Von Birkenfeld auf den an der Spitze reitenden Chinesen.

„Unser asiatischer Freund Han Meng Tao beispielsweise, ist ebenfalls etwas Besonderes. Zurzeit weilt er als Abgesandter des chinesischen Kaisers Kangxi am Hofe des Kurfürsten. Er hat den Auftrag die Handelsbeziehungen der beiden Länder zu pflegen und zu verbessern. Han ist gebildet und spricht mehrere Sprachen was an sich schon eine Seltenheit bei den Chinesen ist“ „Entschuldigt Herr, aber ist seine Figur nicht etwas zu zierlich, um eine Begegnung mit diesem Vieh zu überstehen?“

Christian konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich der kleingebaute Höfling bei einem gewaltsamen Zusammentreffen mit dem Untier behaupten wollte. Bei der Frage des Schreiners lachte von Birkenfeld laut auf. „Alleine schon die Tatsache das ein Nachkomme der Han-Dynastie der Gesandte eines Kaisers der Qing-Dynastie ist, zeigt dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Mann handelt.

1641 fielen die Jurchen, die später auch Mandschuren genannt wurden, mit Hilfe der Mongolen in das chinesische Reich ein, das sie regelrecht überrannten. Es dauerte auch nicht lange, bis sie die bis dahin regierende Ming-Dynastie vom Thron vertrieben hatten und die Macht übernahmen. Die chinesische Bevölkerung war den neuen Herrschern ganz und gar nicht wohlgesonnen, da sie gezwungen wurde ihre Kleidung zu ändern und den mandschurischen Zopf zu tragen. Mehrere Aufstände der Chinesen mit zigtausend Toten zeigten allerdings, dass sich ein so großes Land nicht einfach mit harter Hand regieren ließ. Nach dem Tod des konservativen Mandschuren Dorgon gewannen die Chinesen wieder Einfluss.“

„Von Politik verstehe ich nichts“, winkte der Bader verächtlich ab. „In meinen Augen ist der Kerl immer noch zu klein, um für uns eine brauchbare Hilfe zu sein.“ „Du kannst versuchen dich mit ihm anzulegen Bader. Doch würde ich dir raten anschließend jemand zu suchen, der dich verarztet oder vielleicht auch verscharrt.“ Ungläubig sah der Heilkundige den Adligen an. „Wir sind nicht die erste Station die unser Freund Han besucht. Ein deutscher Kaufmann Namens Hendrich Luetkens unterhält im französischen Bordeaux ein Handelskontor und war der erste Anlaufpunkt unseres chinesischen Freundes. Wer die Hafengegend kennt, weiß auch welches Gesindel sich dort, nicht nur nachts herumtreibt.

Trotz der eindringlichen Warnung Luetkens, konnte es Han nicht lassen sich die Stadt anzusehen, wobei seine Kleidung und sein Auftreten ihn wohl als lohnendes Opfer haben erscheinen lassen. Das haben sich auch fünf Taugenichtse gedacht, als sie Han mehr oder minder höflich aufforderten, ihnen sein Hab und Gut nebst der Kleidung zu überlassen.“ Von Birkenfeld schwieg einen Moment und schmunzelte. „Ja und, wie ging es weiter?“, fragte der Bader, begierig darauf die Geschichte zu Ende zu hören.

„Wer kam um ihn zu retten?“ Das Schmunzeln des Adligen wurde zu einem breiten Grinsen. „Frag lieber wer kam um die fünf Mordgesellen vor Han zu retten. Wie mir mein Freund Luetkens sehr glaubhaft versichert hat, mussten die Burschen nach ihrer Begegnung mit Han von Männern deiner Zunft nach allen Regeln der Kunst zusammen geflickt werden. Dabei hielt es Han noch nicht einmal für erforderlich sein Schwert aus der Scheide zu befreien. Seine Hände und Füße waren allemal ausreichend, um den Kerlen zu zeigen, dass er nicht bereit war die Rolle des Opfers einzunehmen.“

Ungläubig schüttelte der Bader den Kopf. „Wenn nicht ihr es wärt der diese Geschichte erzählt, würde ich es kaum glauben.“ Verstohlen fuhr seine Hand an den Gürtel zu der Schnapsflasche. Trotz des warnenden Blicks von Birkenfeld schraubte er sie auf und trank einen kräftigen Schluck. „Das ist nur Medizin Herr, nur Medizin.“ In der Zwischenzeit hatte der Trupp den Wald erreicht und die Männer verschwanden mit ihren Pferden wie Schemen in dem dunklen Gehölz.

Kapitel 23

Schlaftrunken tastet Konopke nach dem Telefon neben seinem Bett. Wer in drei Teufels Namen, war der irrigen Meinung, dass er bereit war mitten in der Nacht ein Gespräch zu führen. Verschlafen nahm er den Hörer ab. „Excuse me but they are expected in the Lobby“, tönte die Stimme eines Hotelangestellten an seinem Ohr. Außer dem Wort Lobby hatte Konopke kein Wort verstanden. „Mr Brown is waiting for them, in the entrance Hall.“ Schlagartig war Franz Xaver Konopke hellwach. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm dass es bereits neun Uhr war und er den Termin mit seinem Gesprächspartner schlichtweg verschlafen hatte. „Sagen sie ihm ich komme gleich“ brüllte er auf Deutsch in die Sprechmuschel und warf den Hörer auf die Gabel. In Windeseile putzte er sich die Zähne und zog sich an.

„Verdammte Zeitverschiebung, wie soll ein normaler Mensch damit zurechtkommen“, grummelte Franz Xaver vor sich hin während er seine Schuhe anzog. Hoffentlich verließen Brown und sein Pfleger nicht das Hotel, weil sie der Meinung waren der Hauptkommissar habe sie versetzt. Mit einem hellen Ping öffnete sich die Tür des Fahrstuhls und Konopke sah sich suchend in der Hotelhalle um. „Verdammt zu spät.“ Er sah niemand in einem Rollstuhl und auch keinen Greis mit Gehhilfe in dem weitläufigen Raum als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte.

„Herr Konopke? Willkommen in New York.“ Erschrocken drehte sich Franz Xaver um und sah sich einem älteren Afro-Amerikaner gegenüber der ihn um Haupteslänge überragte. Verständnislos starrte ihn Konopke an. „Sie sind doch Hauptkommissar Konopke wenn ich mich nicht täusche?“ lächelte der hochgewachsene Schwarze und streckte Franz Xaver die Hand entgegen, die dieser automatisch ergriff. „Darf ich mich vorstellen, Mein Name ist Brown, James T Brown.“

Mit offenem Mund starrte Konopke seinen den Grund seines Besuches an. Er hatte vor der Reise weder ein Bild, noch eine nähere Beschreibung Browns erhalten. Aber selbst wenn er die Informationen besessen hätte, wäre er nicht auf einen Mann vorbereitet gewesen, der für sein Alter von neunundachtzig Jahren einen solchen Elan ausstrahlte. „Sie müssen mich für einen Idioten halten Mr. Brown, aber ich habe nicht mit einer Person gerechnet die in ihrem Alter noch so… jugendlich wirkt.“ Brown feixte über das ganze Gesicht. „Meine Großmutter ist mit einhundertzehn Jahren gestorben und sah kurz vor ihrem Tod aus, als wenn sie erst Hundert geworden wäre.“

Als Brown das verblüffte Gesicht von Konopke sah, lachte er schallend. „Das war nur ein kleiner Scherz am Rande. Kommen sie mit, mein Wagen steht draußen vor der Tür.“ Er fasste Konopke am Arm und zog ihn mit sich. Auf der Straße steuerte Brown zielstrebig auf einen Chrysler Grand Voyager in einem dunklem Blau-Metallic zu und ließ Konopke einsteigen. „Unser Familienwagen. Ich benutze ihn wenn ich meine Enkel und Urenkel in der Stadt herumkutschieren muss und glauben sie mir ich habe viele Nachkommen.“

„Ich bin erstaunt wie gut sie deutsch sprechen“ bemerkte Konopke und hielt sich am Haltegriff der Tür fest, als Brown den Wagen zügig in den fließenden Verkehr einfädelte.“ Ich war nach dem Krieg lange Jahre in Deutschland stationiert und habe auch heute noch Verbindungen in ihr Land, in dem viele Freunde von mir leben“, grinste Brown und überholte in gekonnten Zick-Zack-Linien einige langsamer fahrende Fahrzeuge. „Deutsche Fahrweise, Klasse nicht wahr?“, meinte er stolz und trat noch ein wenig fester auf das Gaspedal. „Ich habe es nicht eilig“ presste Konopke hinter zusammengekniffenen Lippen hervor und sog scharf die Luft ein, als Brown um Haaresbreite einen Bus rammte, da er eine Ampel bei dunkelgelb überfahren hatte. „Ich liebe Deutschland und es hat mir schon immer Spaß gemacht wie ein deutscher Autofahrer zu schimpfen, wenn ein langsamer Trottel mich am schnellen Vorwärtskommen hindert“

„Werden sie nicht andauernd von der Polizei angehalten, wenn sie äh… sagen wir mal so flott unterwegs sind?“ „Klar doch“, lachte Brown schallend zurück. „Aber wenn ich verzweifelt drein schaue und ihnen klar mache, dass ich mich mit der Technik des Wagens etwas überfordert fühle, nehmen sie es einem alten Mann wie mir eigentlich fast immer ab.“

Wohin fahren wir eigentlich?“, fragte Konopke und kniff die Augen zusammen, als der Alte ohne auch nur einen Moment zu zögern, mitten durch den fließenden Verkehr einer Querstraße fuhr. Das wütende Gehupe der Fahrzeuge denen er gerade die Vorfahrt genommen hatte, schien ihn nicht zu kümmern „Unser Ziel ist eine kleine Überraschung für sie Herr Konopke und wenn ich sie so betrachte, werden sie es auch ganz bestimmt zu würdigen wissen.“

Der Hauptkommissar fand sich damit ab, dass sein Gastgeber das Fahrtziel nicht verraten würde und hoffte nur, in einem Stück dort anzukommen. Zwischenzeitlich durchfuhren sie mehrere Tunnels, wobei sich Franz Xaver wunderte, dass Brown immer wenn sie sich in einer Röhre befanden seinen Fahrstil abmilderte. Es dauerte über zwei Stunden, bis er den Wagen in dem kleinen Ort Fairfield nahe der Delaware Bay abstoppte und zusammen mit Konopke ausstieg.

„Ist es nicht wunderschön hier? Wenn wir weiterfahren erwartet sie nur noch pure Natur.“ „Sehr schön“, ächzte Konopke und kletterte aus dem Van. Seine Beinmuskulatur war verkrampft, da er fast die ganze Fahrt über, auf einer imaginären Bremse gestanden hatte. Selbst als sie die Stadtgrenze New Yorks hinter sich gelassen hatten, war Brown keine Spur gediegener gefahren. Das Knacken des Auspuffs bewies, welche Leistung der Motor während der Fahrt hatte erbringen müssen.

„Kommen sie, eigentlich müsste das Essen fast fertig sein.“ Das Haus in das in James T Brown führte war amerikanisch, aber gemütlich eingerichtet. Auch der offene Kamin fehlte nicht und irgendjemand hatte ihn sogar angezündet, obwohl es aufgrund der Temperatur nicht notwendig gewesen wäre. Nachdem der Alte die Haustür geöffnet hatte, drang Konopke ein Duft in die Nase der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

„Meine Güte, das riecht ja köstlich“, rief Konopke begeistert aus. „Alleine schon für diesen Ausdruck ihrer Wertschätzung, wird meine Frau sie lieben Herr Konopke. Sie ist eine hervorragende Köchin und das was sie riechen, nennt sich Meat and three, ein typisches Südstaatengericht aus meiner Heimat Georgia.“ Mit geschlossenen Augen sog Konopke noch einmal tief den Bratenduft in seine Nase.

„Meat verstehe ich, Fleisch, aber was die Zahl Drei bedeutet verstehe ich nicht.“ Wissend lächelte Brown. „So wie ich es einschätze, gibt es heute Rindfleisch. Drei Tage in einer Marinade aus Honig, Senf, diversen Gewürzen und Öl eingelegt. Bei kleiner Hitze gegart und anschließend schön braun gebrutzelt. Garantiert erwarten sie auch einige Saucen die meine Frau selbst zubereitet hat. Von würzig-pikant, über süßlich-mild, bis hin zu teuflisch scharf. Was die Zahl drei bedeutet wird klar, wenn sie die Gemüseplatte sehen, die bei uns einfach dazugehört. Drei Gemüsesorten müssen es schon sein. Heute tippe ich auf Süßkartoffeln, Okra, das ist eine einheimische Gemüsesorte, und grüne Bohnen.“

Zusammen mit Brown setzte sich Konopke auf das breite bequeme Sofa, als eine kleine, weißhaarige und etwas korpulente alte Dame das Wohnzimmer betrat. Ihr Gesicht strahlte als sie sagte „Da seid ihr ja endlich, das Essen ist fast fertig.“ Das einzige was den Hauptkommissar an der Gattin von James T Brown störte, war die großkalibrige Pistole in ihrer Hand, die mitten auf Franz Xavers Bauch zielte. James T Brown strahlte. „Darf ich vorstellen Herr Konopke, das ist meine Frau Rose.“

 

 

 

 

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